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Schmaler Grat zwischen Halbgott und Versager

Der US-Präsident hat eine enorme Macht. Doch längst nicht alle 43 bisherigen überzeugten im Amt. Welcher war der Grösste – und welcher taugt zum Vorbild für Präsident Nr. 44?

Auf ewig in Stein gemeisselt: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln (von links) schaffen es regelmässig an die Spitze der Historiker-Rankings. Seit der ersten Umfrage des Historikers Arthur Schlesinger im Jahr 1948, sind immer wieder Rankings der Präsidenten erschienen.
Auf ewig in Stein gemeisselt: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln (von links) schaffen es regelmässig an die Spitze der Historiker-Rankings. Seit der ersten Umfrage des Historikers Arthur Schlesinger im Jahr 1948, sind immer wieder Rankings der Präsidenten erschienen.
Keystone
Wo wird George  W. Bush seinen Platz in den Ranglisten finden? Nach 9/11 wuchs seine Popularität in den Himmel. Mittlerweile ist er der unpopulärste Präsident seit Menschengedenken. Bush selbst nimmt es gelassen, was die Geschichte anbelange, müsse man eben zuwarten.
Wo wird George W. Bush seinen Platz in den Ranglisten finden? Nach 9/11 wuchs seine Popularität in den Himmel. Mittlerweile ist er der unpopulärste Präsident seit Menschengedenken. Bush selbst nimmt es gelassen, was die Geschichte anbelange, müsse man eben zuwarten.
Keystone
Barack Obama hätte gute Chancen, in künftigen Geschichtsbüchern an prominenter Stelle aufzutauchen: Der Senator aus Illinois wäre der erste schwarze Präsident der USA.
Barack Obama hätte gute Chancen, in künftigen Geschichtsbüchern an prominenter Stelle aufzutauchen: Der Senator aus Illinois wäre der erste schwarze Präsident der USA.
Keystone
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Das Amt ist einem Sterblichen kaum zuzumuten: Einsam gebietet ein amerikanischer Präsident über enorme Machtfülle, steht der noch immer mächtigsten Nation auf Erden als oberster Zivilist und Oberkommandierender der Streitkräfte vor – und fungiert zugleich als Mythos, der gleichermassen Sehnsüchte, Erwartungen und Hoffnungen der Amerikaner verkörpert. Entsprechend fallen die Klagen jener aus, die diesen Höllenjob innehatten. «Niemand, der jemals das Amt des Präsidenten bekleidete, würde einen Freund beglückwünschen, der dieses Amt antritt», konstatierte der zweite Präsident John Adams fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Ausscheiden aus der Präsidentschaft. Thomas Jefferson schwante, ehe er 1800 zum dritten Präsidenten der jungen Nation gewählt wurde, «dass kein Mann das Amt mit jener Reputation verlassen wird, mit der es angetreten hat».

General William Sherman, im Gespräch als Kandidat, wehrte die Präsidentschaft 1864 mit den Worten ab, falls man ihn vor die Wahl zwischen dem Weissen Haus und einem Gefängnis stelle, «würde ich sagen: bitte das Gefängnis». Wie schwer die Bürde aber auch sein mag, so weiss der Amtsinhaber doch, dass ihm ein Platz in einem Pantheon von Schurken und Halbgöttern gewiss ist, in dem sich die amerikanische Geschichte widerspiegelt. Nur 43 Männer (aber keine Frau und kein Mensch von dunkler Hautfarbe) sind seit 1789 ins Amt des Präsidenten aufgestiegen. Nun wird nach der Novemberwahl der 44. hinzukommen - und Geschichte machen: Entweder zieht der Demokrat Barack Obama als erster Afroamerikaner ins Weisse Haus ein oder der Republikaner John McCain bringt mit Sarah Palin die erste Frau als Vizepräsidentin mit.

George W. Bushs tiefer Fall

Vor der Geschichte sind natürlich nicht alle gleich, weshalb amerikanische Historiker wie überhaupt die Amerikaner fortwährend die Frage beschäftigt, wer denn ein «grosser» oder ein «schlechter» Präsident gewesen sei. Seit der Harvard-Historiker Arthur Schlesinger Sr. 1948 eine erste Umfrage unter Historikern durchführte, sind immer wieder «Rankings» der Präsidenten erstellt worden, mal unter Berufung auf die Bürger, mal unter Verweis auf Historiker.

Und nichts beschert einem Präsidenten eine bessere Chance auf einen Platz in der ersten Liga als grosse Herausforderungen und Krisen. Abraham Lincoln und der Bürgerkrieg; Franklin Delano Roosevelt und die Grosse Depression mitsamt dem Zweiten Weltkrieg; George Washington und die schwierigen Anfänge der amerikanischen Republik. Was Wunder, dass Bill Clinton lamentierte, ihm sei die Bewältigung einer grossen Krise nicht vergönnt gewesen. Andererseits kann ein Präsident an einem überdimensionalen Malheur scheitern. Wie etwa George W. Bush, dessen Popularität nach 9/11 in den Himmel wuchs. Der Texaner verzeichnete im Herbst 2001 die höchste von Demoskopen jemals ermittelte Zustimmungsrate eines amerikanischen Präsidenten, ehe er als unpopulärster Präsident seit Menschengedenken zurück auf die Erde geholt wurde. «Viele Historiker nimmt es jetzt wunder, ob Bush als der schlechteste aller amerikanischen Präsidenten in die Geschichte eingehen wird», schrieb vor zwei Jahren der Princeton-Historiker Sean Wilentz. Bush selber zeigt Gelassenheit. Soweit es die Geschichte anbelange, müsse man eben zuwarten, so der Präsident im Februar.

Die Geschichte wäscht manchen rein

Tatsächlich sorgt die Historie für ein gewisses Auf und Ab, indem Präsidenten im Rückblick entwertet oder aufgewertet werden. Siehe Harry Truman, der gegen Ende seiner zweiten Amtszeit 1952 als Vollidiot gehandelt wurde, bevor sich der bescheidene Mann mit dem gesunden Menschenverstand in der Wertschätzung der Amerikaner über Jahrzehnte hinweg stetig verbesserte, bis er schliesslich als nahezu vorbildlicher Präsident in die erste Kategorie eingestuft wurde. Auch sein republikanischer Nachfolger Dwight Eisenhower profitierte von historischer Distanz. Platzierten ihn die Historiker 1962, zwei Jahre nach Eisenhowers Ausscheiden aus dem Amt also, auf Rang 22, so war dieser gelassene Präsident zwei Jahrzehnte später auf den neunten Platz und damit in die Top Ten vorgerückt.

Die Amtsinhaber selbst hielten mit ihrem Urteil über die Kollegen keineswegs zurück und schmähten oder lobten. «Ein Narr von einem Präsidenten» sei sein Nachfolger Warren Harding, befand Woodrow Wilson, während Lyndon Johnson Abraham Lincoln pries, weil dieser «radikalen Republikanern verwehrte, moderate Elemente aus der Partei zu treiben». Der Politologe James Barber untersuchte Ende der Sechzigerjahre erstmals die Beziehung zwischen präsidialer Psyche und Erfolg. Danach winkten aktiven und positiv eingestellten Präsidenten wie Franklin Roosevelt die erfolgreichsten Amtszeiten, die grössten Gefahren hingegen drohten der Nation von aktiven, jedoch negativ eingestellten Akteuren wie Richard Nixon. Barber erregte 1969 beim amerikanischen Politologenkongress Aufsehen, als er - durchaus korrekt - voraussagte, Nixon werde «einen desaströsen Kurs» einschlagen.

Washington im Nebel der Historie

Tatsächlich fehlt der Watergate-Präsident trotz seiner aussenpolitischen Errungenschaften kaum auf der Liste der schlechtesten Präsidenten; auf dieser stehen auch die Skandalnudel Warren Harding, die Südstaaten-Sympathisanten James Buchanan, Andrew Johnson und Franklin Pierce oder der unglückselige Herbert Hoover, dem das volle Ausmass der Wirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre auch dann noch nicht aufging, als die Wallstreet bereits implodiert war. Zu diesen ausgewiesenen Verlierern gesellen sich jene, die, weil von geringer geschichtlicher Statur, im Mittelfeld und darunter rangieren, wie Rutherford B. Hayes (1877-1881), Gerald Ford (1974-1977), James Garfield (1881) oder Martin Van Buren (1837-1841).

Was die Spitze betrifft, so wird sie nach Ansicht amerikanischer Historiker von einem Dreiergespann besetzt: Gründervater George Washington (1789-1797), Abraham Lincoln (1861-1865) und Franklin Roosevelt (1933-1945). Dahinter wird es bereits unübersichtlicher, doch landen gemeinhin sowohl Thomas Jefferson (1801-1809) als auch Teddy Roosevelt (1901-1909) in der ersten Liga. George Washington ist ein Spitzenplatz schon deshalb sicher, weil er als erster Präsident die Zeichen für das Amt setzte und mit seinem freiwilligen Rückzug nach zwei Amtszeiten einen Präzedenzfall schuf. Dem General sei «die Gabe des Schweigens» zu eigen gewesen, so sein geschwätziger und oftmals übel gelaunter Nachfolger John Adams. Washingtons Charakter und seine Qualitäten bestechen, doch ist der «Vater des Landes» im Nebel der Geschichte entschwunden und längst zu einer mythischen Figur ohne Fehl und Tadel verklärt worden.

Weitaus menschlicher tritt uns hingegen der grosse Melancholiker entgegen, der den Bürgerkrieg focht und die Nation vor dem Untergang bewahrte: Abraham Lincoln. Dass Lincoln 1864 mitten im blutigsten Krieg der amerikanischen Geschichte Wahlen abhalten liess («ohne Wahlen kann es keine freie Regierung geben»), verleiht ihm ebenso historische Grösse wie sein eisernes Beharren und Durchstehvermögen in einem Krieg, den der Norden mehr als einmal zu verlieren drohte.

Grösse erwächst aus der Krise

Lincolns Edikt zur Befreiung der schwarzen Sklaven allein würde schon ausreichen, um ihm Unsterblichkeit zu verleihen, doch sind es gleichermassen sein schwieriges Leben wie sein gewaltsamer Tod, die ihn als Ausnahmeerscheinung ausweisen. Wer seine Rede auf dem Schlachtfeld in Gettysburg nachliest, stösst zudem auf einen Poeten der Politik, der die Herzen der Bürger berührte und dessen Prosa frei von falschem Pathos und so elegant wie elegisch war.

Streitig machen könnte ihm den Spitzenplatz als grössten amerikanischen Präsidenten allenfalls Franklin Delano Roosevelt, der die Vereinigten Staaten nicht nur aus der Weltwirtschaftskrise herausführte, sondern obendrein den Krieg gegen die deutschen Faschisten und das imperiale Japan gewann. Viermal wurde Roosevelt ins Weisse Haus gewählt, wo der Aristokrat als unermüdlicher Champion des kleinen Mannes agierte und die Präsidentschaft neu definierte. Roosevelts New Deal, ein Katalog von Massnahmen und Behörden zur Überwindung der Grossen Depression, schuf den Rahmen eines amerikanischen Sozialstaats, der noch heute besteht. «Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist Furcht», machte Roosevelt den Amerikanern 1932 inmitten der Wirtschaftskrise Mut.

Lincoln überstrahlt selbst Roosevelt

Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit 1937 bekannte Roosevelt, «Test unseres Fortschritts» sei nicht, «ob wir den Überfluss jener mehren, die viel besitzen, sondern ob wir genug für die bereitstellen, die zu wenig haben» - ein Satz, der angesichts gravierender sozialer Ungleichheit 2008 so aktuell ist wie 1937. Am Morgen nach Roosevelts Tod im April 1945 erschauerte sein Vizepräsident und Nachfolger Harry Truman: «Gestern Nacht sind der Mond, die Sterne und alle Planeten auf mich gefallen.» Und doch: Wer vor dem Weissen Haus die Augen für einen Moment schliesst, sieht nicht unbedingt Franklin Roosevelt hinter den Fenstern, sondern Abraham Lincoln, den Lyriker der Macht, der es verstand, «die besseren Engel» in den Herzen der Amerikaner zu beschwören. Ihm gebührt der Ruhm des grössten amerikanischen Präsidenten, wenngleich er im Bürgerkrieg der Bürger Rechte beschnitt.

Selbst die minderen Akteure aber verspürten im Weissen Haus den Hauch der Geschichte. «Was kann man nach dem Weissen Haus noch machen, ausser sich zu betrinken?», seufzte der Loser Franklin Pierce - und betrank sich des Öfteren.

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