Scheidung auf Türkisch

Der Streit um US-Prediger Brunson ist nur das Symptom einer grundsätzlichen Krise. Die Türkei und Amerika gehen getrennte Wege. 

In der Türkei steht US-Pastor Andrew Brunson wegen Terrorverdachts vor Gericht. Die US-Regierung hält ihn für unschuldig und fordert seine Freilassung. Die angedrohten Sanktionen wurden mittlerweile umgesetzt. (Video: AFP/Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Recep Tayyip Erdogan hat ausgesprochen, was offensichtlich war. Angesichts der Krise mit den USA schrieb der türkische Präsident kürzlich in der «New York Times», sein Land habe Alternativen zum langjährigen Verbündeten Amerika. Unverhohlen drohte er damit, dass sich die Türkei nach «neuen Freunden und Alliierten» umsehe.

So äussert sich jemand, der die Trennung will. Die Beziehung zwischen der Türkei und den USA erinnert an eine in die Jahre gekommene, lieblose Ehe. Zwar bietet die Nato noch ein gemeinsames Dach, aber sonst verbindet die beiden Länder nicht mehr viel, weshalb man meist getrennte Wege geht.

Seit kurzem bemühen sich beide Seiten erst gar nicht mehr, den Schein einer Allianz zu wahren. Mit US-Präsident Donald Trump hat Erdogan einen Partner und inzwischen Kontrahenten erhalten, der nicht viel hält von stiller diplomatischer Knochenarbeit. Weil sich darin die beiden Egomanen sehr ähnlich sind, ist der Konflikt eskaliert: der Streit um den US-Prediger Andrew Brunson, der bis auf weiteres unter Hausarrest bleibt, die Talfahrt der Lira und das Duell mit den Strafzöllen – das alles sind nur die Symptome einer tiefer liegenden Krise.

Militär putschte sich mehrmals an die Macht

Eigentlich basierte die Allianz zwischen der Türkei und den USA, respektive dem Westen generell, auf zwei Prinzipien: Erstens war Ankara seit Beginn des Kalten Kriegs ein wichtiger Partner an der Südostflanke der Nato. Die Türken waren 1952 dem Militärbündnis beigetreten und sicherten Bosporus und Dardanellen, um zu verhindern, dass die sowjetische Kriegsmarine ungehindert ins Mittelmeer vorstossen konnte. Dank seiner wichtigen geostrategischen Lage galt die Türkei zweitens bald als Teil des demokratischen Westens, obwohl sich mehrmals das Militär an die Macht geputscht hatte. Darüber sah man im Westen hinweg.

Deshalb überstand die Allianz auch mehrere Krisen. So gerieten die beiden Staaten aneinander, als die Türkei 1974 den Norden Zyperns besetzte, Washington jedoch Griechenland unterstützte. Zu Friktionen kam es auch, als die Türkei im Irakkrieg 2003 den US-Streitkräften nicht erlaubte, die Luftwaffenbasis Incirlik zu benützen. Bereits 1962 war Ankara nicht begeistert, als John F. Kennedy die amerikanischen Jupiter-Raketen aus der Türkei abzog, um die Kubakrise friedlich beizulegen. Allerdings raufte man sich immer wieder zusammen: JFK entsandte als Ersatz moderne U-Boote mit atomaren Polaris-Mittelstreckenraketen ins östliche Mittelmeer. Auch das nach der Zypernkrise verhängte US-Waffenembargo wurde wieder aufgehoben – das Bündnis funktionierte wie eine Zweckehe.

Die aktuelle Krise hingegen geht tiefer. Sie ist grundsätzlich, weil der antikommunistische Kitt zwischen Washington und Ankara längst brüchig geworden ist. Mehr noch: Zu Erdogans «neuen Freunden» gehört auch Russland, der wiederauferstandene Gegner aus dem Kalten Krieg. Erdogans Annäherung an Wladimir Putin hat bereits dazu geführt, dass die Türkei russische S-400-Boden-Luft-Raketen bestellt hat. Dabei hatte die Türkei eben noch in den USA 100 F-35-Kampfjets gekauft. Ungeachtet der wirtschaftlichen Vorteile, die ein solcher Deal Trumps Amerika bringt, besteht nun die Gefahr, dass das hochmoderne Tarnkappenflugzeug nicht mehr im Sinne der USA eingesetzt wird.

Türkei kauft weiter iranisches Öl

Etwa in Syrien, wo die Verbündeten auf verschiedenen Seiten stehen, obwohl sich beide ursprünglich gegen das Assad-Regime ausgesprochen hatten: Für Washington sind die syrischen Kurden Partner, für Ankara jedoch Terroristen, da sie mit den Kurden in der Türkei kooperieren. Und Ankara hat zu Beginn des Syrienkriegs gar jihadistische Gruppierungen unterstützt, die die amerikanischen Streitkräfte später bekämpften.

Gar nicht nach dem Geschmack Donald Trumps ist auch Erdogans Umgang mit dem Iran, der eine Renaissance als Amerikas Erzfeind erlebt, seit der US-Präsident den Iran-Deal platzen liess und neue Sanktionen verhängte. Die Türkei hat bereits versichert, man werde weiterhin iranisches Öl kaufen. Diese Woche kam schliesslich noch der Emir von Katar nach Ankara zum Lunch und überbrachte als Gastgeschenk 15 Milliarden Dollar Investitionsgelder. Katar ist nicht nur ein enger Verbündeter der Türkei, sondern steht auch dem Iran ziemlich nahe.

Verkauf des F-35-Jets wird überprüft

Bei so vielen «neuen Freunden» der Türkei bleibt nicht viel Raum für den alten Verbündeten. Zumal sich «Erdoganstan» zu einem antiliberalen Einparteienstaat entwickelt. Richard N. Haass, Präsident des Council on Foreign Relations, eines unabhängigen Thinktanks in Washington, empfiehlt der Regierung Trump, die Politik gegenüber der Türkei zu überprüfen und vom Verkauf des Hightech-Jets F-35 abzusehen. Auch dürften die USA keinesfalls Fethullah Gülen ausliefern, solange die Türkei nicht vor Gericht beweisen könne, dass der in Pennsylvania lebende Prediger hinter dem Putschversuch gegen Erdogan vom Juli 2016 steht.

Bei aller angebrachter Kritik an der Erdogan-Türkei sollten die USA jedoch genau prüfen, ob sie die Allianz mit Ankara wirklich ganz lösen wollen. Erdogans «neue Freunde» warten nur darauf, die Lücke zu füllen, welche die USA an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien hinterlassen würden. Die Türkei bleibt eine begehrenswerte strategische Braut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2018, 20:38 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir zahlen nichts für die Freilassung eines unschuldigen Mannes»

Donald Trump intensiviert den Druck auf Ankara. Mit neuen Drohungen drängt er auf die Freilassung von Pastor Brunson. Mehr...

USA verhängen Sanktionen gegen türkische Minister

Der Streit um einen unter Hausarrest gestellten Pastor eskaliert: Die USA geben Sanktionen gegen die Türkei bekannt. Mehr...

Erdogan droht Trump

Der US-Präsident hat «weitreichende Sanktionen» angekündigt, wenn Ankara einen US-Pastor nicht freilasse. Nun antwortet der türkische Staatschef. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Gut verpackt: Im Logistikzentrum von Amazon in Hemel Hempstead (England) warten Unmengen an Paketen auf die Auslieferung. (14. November 2018)
(Bild: Leon Neal/Getty Images) Mehr...