Zum Hauptinhalt springen

«Rassismus ist tief in der Gesellschaft verwurzelt»

US-Präsident Barack Obama hat in einem Interview Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft kritisiert. Derweil werden die Rufe nach einer Justiz- und Polizeireform immer lauter.

Sprach in einem Interview über Rassismus in den USA: US-Präsident Barack Obama. (6. Dezember 2014)
Sprach in einem Interview über Rassismus in den USA: US-Präsident Barack Obama. (6. Dezember 2014)
AP Photo

Rassismus gegenüber Afroamerikanern ist nach Einschätzung von US-Präsident Barack Obama tief in der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte verwurzelt. Das sagte er dem TV-Sender BET, der sich vor allem an ein schwarzes Publikum wendet, in einem Interview.

Angesichts wiederholter Fälle von übermässiger Gewalt weisser Polizisten gegenüber Schwarzen wird darüber diskutiert, ob Rassismus in den USA Teil des Problems ist. Die Vorfälle und ihre juristischen Folgen für die Beamte hatten für landesweite, wütende Proteste gesorgt.

«So schmerzhaft diese Vorfälle sind, ist es wichtig, dass wir das jetzige Geschehen nicht mit den Vorfällen von vor 50 Jahren gleichsetzen», sagte Obama im BET-Interview, das morgen in voller Länge ausgestrahlt werden soll. Die massive Ungerechtigkeit gegenüber Afroamerikanern hatte Mitte der 50er Jahre zur Bürgerrechtsbewegung in den USA geführt.

Ein «fundamentales Problem» der USA

Obama hatte in der vergangenen Woche angekündigt, gemeinsam mit dem scheidenden, schwarzen Justizminister Eric Holder Schritte zu unternehmen, um Rassismus-Probleme zwischen Polizei und Anwohnern im ganzen Land anzupacken. In der Debatte hatte er sich lange eher zurückgehalten - auch, um Wähler von jeder Hautfarbe und Herkunft gleichermassen anzusprechen.

Auch New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio sieht in der Kluft zwischen Polizei und Bevölkerung ein «fundamentales Problem» der USA. «Wir müssen offen über die historische Rassendynamik sprechen, die dem Problem zugrunde liegt», sagte er gegenüber ABC. De Blasio äusserte sich optimistisch darüber, dass eine Verständigung zwischen weissen Polizisten und schwarzen Mitbürgern hergestellt werden könne.

«Das ist modernes Lynchen»

Die Beisetzung des durch Polizeischüsse getöteten Schwarzen Akai Gurley hat in den USA derweil die Rufe nach einer Justiz- und Polizeireform lauter werden lassen. «Lasst uns alles tun, um weitere derartige Situationen zu verhindern», sagte der Aktivist Kevin Powell in seiner Trauerrede.

«Das ist modernes Lynchen, immer und immer wieder», sagte Powell bei der Trauerfeier für den im November erschossenen 28-jährigen Gurley in einer Baptistenkirche im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Er forderte, dass gegen den Polizisten Anklage wegen Totschlags erhoben wird.

Der Geistliche Clinton Miller kündigte an, Kirche und Aktivisten würden sich weiter für Gerechtigkeit einsetzen. «Wir werden weiter für das Recht in diesem Land und in dieser Welt kämpfen», sagte er bei der Beisetzung. Unter den hunderten Teilnehmern waren Vertreter der Stadtverwaltung und Bürgerrechtler.

Jury soll alle Informationen bekommen

Der tragische Vorfall ereignete sich am 20. November in Brooklyn. Gurley ging mit seiner Freundin in einem dunklen Treppenhaus nach unten, weil der Aufzug nicht fuhr. Der junge asiatischstämmige Polizist Peter Liang zog seine Waffe und tötete Gurley, ohne dass sich der Vater einer kleinen Tochter verdächtig verhalten hätte.

Der Schütze räumte dieses Verhalten selbst ein. Einem Medienbericht zufolge rief Liang keinen Krankenwagen, sondern schrieb zuerst eine SMS an seine Gewerkschaft. New Yorks Polizeichef Bill Bratton sagte nach dem Vorfall, Gurley sei unschuldig gewesen und «versehentlich» getötet worden.

Eine sogenannte Grand Jury soll über eine Anklageerhebung gegen den Polizisten entscheiden. Der zuständige Richter Ken Thompson versprach eine «vollständige und faire Untersuchung». Er versprach, der Jury «alle Informationen zu geben, die sie braucht, um ihre Aufgabe zu erfüllen».

Zahlreiche Proteste

Der Fall reiht sich ein in eine ganze Serie von tödlichen Schüssen oder Tätlichkeiten weisser Polizisten, denen Schwarze zum Opfer fielen. Sowohl nach dem Tod des unbewaffneten 18-Jährigen Michael Brown in Ferguson im August als auch nach dem mit einem Würgegriff getöteten Eric Garner in New York im Juli entschieden Grand Jurys, dass sich die Polizisten nicht vor Gericht verantworten müssen.

Nach den Entscheidungen kam es jeweils zu teils gewaltsamen Protesten. Inmitten dieser Proteste war am Donnerstag ein weiterer Fall bekannt geworden, bei dem ein Schwarzer in Arizona von einem weissen Beamten erschossen wurde.

Der Polizist ging fälschlicherweise davon aus, dass Rumain Brisbon bewaffnet sei. Der Schwarze hatte aber lediglich eine Medikamentenpackung in der Tasche. Im November wurde überdies in Cleveland in Ohio ein zwölfjähriger schwarzer Junge durch Polizeischüsse getötet, weil die Beamten seine Spielzeugpistole für echt hielten.

«Ich kann nicht atmen»

Im ganzen Land gingen wieder zahlreiche Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus auf die Strasse. In New York versammelten sich den vierten Tag in Folge Demonstranten, unter anderem am Times Square und am Union Square.

«Ich kann nicht atmen», riefen sie in Erinnerung an den 43-jährigen Garner. Das waren die letzten Worte des Asthmatikers, wie später auf einem Amateurvideo zu sehen war. Im Stadtteil Harlem veranstaltete der Bürgerrechtler Al Sharpton eine Protestaktion, an denen Prominente wie Schauspieler Spike Lee teilnahmen.

Weitere Proteste gab es in Washington sowie im kalifornischen Berkeley, wo es zu gewaltsamen Ausschreitungen kam. Die Polizei warf Rauchbomben, die Demonstranten bewarfen die Beamten mit Steinen und anderen Objekten. Nach Polizeiangaben wurden mehrere Beamte verletzt, einer von ihnen durch einen Sandsack. Zudem wurden demnach mehrere Autos zerstört und Geschäfte geplündert.

SDA/ajk

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch