Propaganda-Thriller in Washington

Der Abgeordnete Devin Nunes hat Informationen verzerrt, um Donald Trump zu helfen. Sein Plan ist nicht aufgegangen.

Wer sagt die Wahrheit? Unter der Kuppel des Capitols sind sich Republikaner und Demokraten nicht einig, wer die Geheimnisse wie gelüftet hat. Foto: Keystone

Wer sagt die Wahrheit? Unter der Kuppel des Capitols sind sich Republikaner und Demokraten nicht einig, wer die Geheimnisse wie gelüftet hat. Foto: Keystone

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Dies sind wirre Tage in Washington. Verschwörung hängt in der Luft. Es riecht nach «Maxwell Smart» und «Schirm, Charme und Melone», nach «007» und zugleich nach «Laurel und Hardy». Und mittendrin im Schlamassel der Trump-Präsidentschaft befindet sich der republikanische Kongressabgeordnete Devin Nunes. Er trat früh für Donald Trump ein und sitzt im Repräsentantenhaus dem Geheimdienstausschuss vor.

Weil er Trump liebt und den Präsidenten vor Schaden bewahren will, betrieb Nunes Informationsverzerrung, um die Herkunft von geheimen Dokumenten zu verschleiern. «So etwas kann man nicht einmal erfinden», staunte der demokratische Senator Mark Warner aus Virginia. Die Sache begann, nachdem Trump Anfang März offenbar in einem Wutanfall getwittert hatte, Obama habe ihn und seine Leute im Trump Tower in New York abhören lassen.

Nichts davon stimmte, sowohl der FBI-Direktor als auch der NSA-Chef dementierten vehement. Doch was war Trumps Motiv? Wollte er von den diversen Ermittlungen über die Rolle Moskaus beim amerikanischen Wahlkampf 2016 und von einer angeblichen Verwicklung von Trump-Mitarbeitern ablenken? Und sich selbst als Opfer darstellen?


Beweise blieb Trump aber schuldig. Medien, die linientreuen wie Fox News und «Breitbart» ausgenommen, und viele Amerikaner wunderten sich. Die Sache war umso peinlicher, als Trump seinen Vorgänger als «schlimmen Kerl» angeschwärzt hatte.

Bewusste Informationsverzerrung

Dann aber schritt Devin Nunes zur Tat. Er sollte plötzlich im Besitz vermeintlich brisanter Dokumente sein. Sie sollten beweisen, dass Trump doch recht hatte und seine Leute abgehört worden waren. Er suggerierte einen Skandal, der noch viel grösser sei als Putins mutmassliche Freundschaftsdienste.

Die Dokumente habe er «von einer Art Whistleblower» erhalten, sagte Nunes. Trumps Sprachrohr Sean Spicer präsentierte dagegen eine andere Version: Das heisse Material sei «im Zuge normaler Geschäfte» entdeckt worden. Offenbar handelte es sich um FBI- oder NSA-Protokolle von abgehörten Gesprächen ausländischer Diplomaten.

In Erklärungsnot: Der Abgeordnete Devin Nunes versuchte Informationen zugunsten von Donald Trump zu verzerren. Foto: Keystone

Trumps Leute kamen darin zwar vor, es handelte sich aber um eine Routineangelegenheit. Wenn amerikanische Staatsbürger, also auch Trump-Mitarbeiter, zufällig abgehört werden bei Telefonaten mit ausländischen Diplomaten, gibt es genaue Regeln, um ihre Identität zu schützen. Das passiert jeden Tag. Nunes und Trump aber sahen darin den Beweis für Trumps Tweet.

Unverzüglich begab sich Nunes nach der Entdeckung der Unterlagen ins Weisse Haus und unterrichtete Trump. Der Präsident fühlte sich bestätigt: Stimmte doch alles! Im Kongress wunderte man sich unterdessen, woher Devin Nunes die Dokumente hatte und warum er sie den anderen Mitgliedern des Geheimdienstausschusses, besonders dem ranghöchsten Demokraten Adam Schiff, nicht zur Einsicht vorgelegt hatte.

Dann stellte sich heraus, dass sich Nunes kurz vor seinem Steilpass für Trump auf dem Gelände des Weissen Hauses aufgehalten hatte. Und nur Tage später enthüllte die «New York Times», zwei Mitarbeiter Trumps im Nationalen Sicherheitsrat und in der Rechtsabteilung hätten dem Abgeordneten Nunes die Dokumente ausgehändigt.

Slapstick in Washington

Man muss sich das mal vorstellen: Das Duo mit Zugang zu Unterlagen der höchsten Geheimhaltungsstufen durchwühlte die Computer des Nationalen Sicherheitsrats – und fand die vermeintlichen Abhörunterlagen. Anstatt aber damit zu Trump zu gehen, wurden die Informationen mithilfe von Devin Nunes zuerst gewaschen. Ezra Cohen-Watnick und Michael Ellis, die beiden Schürfer im Dienste Trumps, hätten problemlos von ihren Büros im Old Executive Office Building gleich neben dem Weissen Haus zu Fuss zum Präsidenten gehen und ihm die Dokumente vorlegen können.

«Man kann viel über den Präsidenten sagen, aber nicht, dass er subtil ist.»Adam Schiff, demokratischer US-Abgeordneter


Trump ist schliesslich der Präsident: Es sind seine Dokumente, erstellt von seiner Bundespolizei FBI und seiner Sicherheitsbehörde. Aber Cohen-Watnick und Ellis schlugen lieber einen Haken. Und Nunes spielte brav mit. Nach der ganzen Show erhob sich sofort der Verdacht, sie sei von Trump persönlich inszeniert worden. «Ich bin absolut überzeugt, das fing im Büro des Präsidenten an», sagte die demokratische Abgeordnete Jackie Speier, auch sie ein Mitglied des Schlapphut-Ausschusses, am Samstag. Nunes müsse von seinem Amt zurücktreten, forderte sie.

Adam Schiff ist gleichfalls überzeugt, dass Trump hinter dem «007»-Krimi steckt. «Man kann viel über den Präsidenten sagen, aber man kann nicht sagen, dass er subtil ist», erklärte Schiff am Sonntag. Die Reiseroute der Dokumente bezeichnete der demokratische Abgeordnete als Versuch, «ihren Ursprung zu verdecken». Es handle sich um ein Ablenkungsmanöver, glaubt Schiff.

Trump hingegen liess sich nicht beirren. Nicht Russland, sondern «Überwachung und Lecks» seien die «wahre Geschichte», twitterte er am Sonntag in Grossbuchstaben. Schon zuvor hatte Sean Spicer dienstbeflissen darauf beharrt, dass die Regierung Obama «sehr sehr schlimme Dinge» angestellt habe. Und Devin Nunes? Er hat in den letzten Tagen geschwiegen. Obwohl er sich brüsten könnte, geheimste Informationen im Vollwaschgang behandelt zu haben.

So vergeht die Zeit in Trumps Washington: Surreal und voller Slapstick. «Never a dull moment», niemals ein langweiliger Moment, wie die Amerikaner sagen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 11:23 Uhr

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