On verra, Baby!

Das Abenteuer beginnt: Donald Trump könnte ein erträglicher Präsident werden – oder Amerikas Abstieg zur Bananenrepublik beschleunigen.

Trump und seine Vorgänger als Matrjoschka: Die berühmte russische Schachtelpuppe, hier in einem Schaufenster in Moskau, bekommt ein neues Gesicht. Foto: Pawel Golowkin (AP, Keystone)

Trump und seine Vorgänger als Matrjoschka: Die berühmte russische Schachtelpuppe, hier in einem Schaufenster in Moskau, bekommt ein neues Gesicht. Foto: Pawel Golowkin (AP, Keystone)

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Zum Sieg fehlten ihm fast drei Millionen Stimmen, gewonnen aber hat Donald Trump trotzdem – dank des antiquierten amerikanischen Wahlleute-Kollegiums. Seine im Januar beginnende Präsidentschaft verspricht, egal ob erfolgreich oder desaströs, garantiert interessant zu werden. Schon wegen der zu erwartenden Vermischung von Amt und Geschäft: Offenbar überzeugten Mitarbeiter des designierten Präsidenten die kuwaitische Botschaft in Washington, die Fete zum Nationalfeiertag Kuwaits nicht wie in vergangenen Jahren im Four-Seasons-Hotel abzuhalten, sondern in Trumps neuem Edelhotel unweit des Weissen Hauses.

Die kuwaitische Vorsichtsmassnahme – wer möchte sich schon mit dem unberechenbaren künftigen Präsidenten anlegen? – verstärkt den Eindruck, bei den Vereinigten Staaten handle es sich um eine Bananenrepublik. Trump gewann die Novemberwahl auch deshalb, weil er dies erkannte. Wenn der republikanische Präsidentschaftskandidat versprach, Amerika wieder «gross» zu machen, drückte er lediglich aus, was viele seiner Anhänger im täglichen Leben erfahren: dass die «grosse Nation» nämlich eine Erfindung und ein Konstrukt zur Selbstbeweihräucherung des Washingtoner Establishments ist.

Wer unten ist, bleibt unten

Hillary Clinton beschwor die vermeintliche Grösse Amerikas im Wahlkampf in einer Endlosschleife und übersah dabei geflissentlich, dass eine Nation mit einer sinkenden Lebenserwartung, krassen sozialen Unterschieden, jährlich Zehntausenden von Schussopfern sowie einer bröckelnden Infrastruktur nicht «gross» genannt werden kann. Zumal es mit sozialer Mobilität nach oben ebenfalls nicht weit her ist: Wer unten ist, dessen Kinder verbleiben öfter als in nahezu allen anderen westlichen Ländern ebenfalls unten.

Zum penetranten Gerede von der «besten Nation auf Erden», diesem Mantra der Washingtoner Eliten, hielt Donald Trump Abstand. Jetzt kann er beweisen, ob der amerikanische Abstieg aufhaltbar und umkehrbar ist. Dass die republikanische Mehrheit im Staatsparlament North Carolinas nach der Niederlage des republikanischen Gouverneurs bei der Novemberwahl kurzerhand per Dekret die Macht seines demokratischen Nachfolgers beschnitten hat, stimmt indes nicht optimistisch: So funktionieren Bananenrepubliken, nicht aber «grosse Nationen».

Der Feind in meinem Wahlkampf

Die Aufregung über Wladimir Putins Hackerhorden, die Trump laut FBI und CIA Beistand leisteten, ist verständlich, könnte aber auch als Heuchelei gewertet werden. Die Einmischung in anderer Leute Wahlen ist schliesslich eine amerikanische Spezialität, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs regelmässig serviert wurde. Nun also hat sich womöglich ein Feind in eine amerikanische Wahl eingemischt. Das mag die liberale sowie einen Teil der konservativen Elite in Washington erzürnen, beim republikanischen Fussvolk hingegen ist Putin laut Umfragen gerade deshalb beliebt. Schliesslich half er, das Land vor Hillary zu bewahren!

Der nächste Präsident muss an seinen Versprechungen gemessen werden.

Wer Trump allerdings als «falschen Präsidenten» begreift, dem bleibt nur die Zuflucht zum Demokratieverständnis Henry Kissingers: «Ich sehe nicht ein, warum wir einfach zusehen sollen, wenn ein Land sich wegen der Verantwortungslosigkeit seiner Menschen dem Kommunismus zuwendet», erklärte Richard Nixons Sicherheitsberater im Juni 1970 angesichts des drohenden Wahlsiegs des Sozialisten Salvador Allende in Chile. Manchmal wählen die Wähler eben den «Falschen», im Falle Trumps aber droht diesen Wählern zumindest kein von der CIA angezettelter Militärputsch. Obendrein muss sich erst zeigen, ob Trump wirklich der Falsche ist.

Das herauszufinden, dürfte nicht weiter schwierig sein. Denn der nächste Präsident muss an seinen zahlreichen Versprechungen gemessen werden: üppige Steuersenkungen besonders für Vermögende und Unternehmen, wesentlich mehr Geld fürs Pentagon, Erneuerung der Infrastruktur, Abbau der Staatsverschuldung und vieles mehr, was Amerika wieder «Grösse» bescheren soll – alles machbar, weil die amerikanische Wirtschaft trotz des starken Dollars und deshalb bedrohter Exporte laut Trump mindestens doppelt so stark wie in den Jahren seit 2008 wachsen wird und das rasante Wachstum die Steuerquellen sprudeln lässt. On verra, Baby!

Trump hat freie Bahn, aber keine Ausreden

Gelingt es und gelingt einiges andere ebenfalls, wird Donald Trump vielleicht eine erfolgreiche Amtszeit hinter sich bringen. Missrät das Unterfangen oder wird zur bizarren Showeinlage, dürfte die Trump-Präsidentschaft bestenfalls als amerikanische Version von Bunga-Bunga in die Geschichte eingehen oder schlimmstenfalls als eine Megapleite, die der Welt gefährliche Probleme einbrocken wird. Ausreden hat Präsident Trump keine: Seine Partei sitzt an sämtlichen Schalthebeln der Macht, zumindest bis zu den nächsten Kongresswahlen in zwei Jahren hat Trump weitgehend freie Bahn.

Übrigens: Die Empörung mancher Kritiker über die wenig schmeichelhaften Attribute, die Trump von den Medien im Wahlkampf angehängt wurden, ist völlig unverständlich. Um es nochmals zu sagen: Donald Trump ist ein Lügner, ein Egomane und Sexist und dazu ein aufgeblasener Selbstverwerter. Ein halbwegs erfolgreicher Präsident könnte er dennoch werden. Immerhin zählten zu seinen Vorgängern Leute wie Richard Nixon, Lyndon Johnson, Andrew Jackson und der Sklavenhalter Thomas Jefferson. Heilige schaffen es gemeinhin nicht ins Weisse Haus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2016, 18:46 Uhr

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