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Nach Bidens fulminantem Comeback bahnt sich ein Duell an

Der frühere US-Vizepräsident gewinnt die demokratische Vorwahl in South Carolina dank der Unterstützung der Schwarzen. Kommt der Sieg für ihn noch rechtzeitig?

MeinungAlan Cassidy, Washington
Joe Biden nach seinem fulminanten Sieg in South Carolina. Foto: Elizabeth Frantz, Reuters
Joe Biden nach seinem fulminanten Sieg in South Carolina. Foto: Elizabeth Frantz, Reuters

Wo war dieser Joe Biden bloss gewesen? Das dürften sich manche seiner Unterstützer gefragt haben, als sie am Samstagabend seine Siegesrede schauten. Befreit, kämpferisch, euphorisch: So hatten die Amerikaner den 77-Jährigen in diesem Wahlkampf noch nie gesehen.

Aber Biden hatte ja bisher auch keinen Grund zum Feiern gehabt. Nicht nach der enttäuschenden ersten Vorwahl in Iowa, nicht nach dem Desaster in New Hampshire, als er den Bundesstaat noch vor dem Ende des Wahltages fluchtartig verliess. Die Nachrufe auf Bidens politische Karriere waren da schon geschrieben. Und jetzt das: Comeback in South Carolina, Comeback dank jenen Wählern, die nun erstmals eine wichtige Rolle spielten – den Schwarzen.

Dass Biden in South Carolina gewann, war zwar an und für sich keine Überraschung. Doch die Deutlichkeit des Wahlausgangs machte aus einem Pflichtsieg einen Triumph. Biden kam nach den ersten Ergebnissen auf fast 50 Prozent aller Stimmen, viel mehr als der linke Senator Bernie Sanders, der auf bloss 19 Prozent kam. Der Unternehmer Tom Steyer landete mit 11 Prozent auf dem dritten Platz. Alle weiteren Kandidaten: abgeschlagen auf den hinteren Rängen. Steyer gab noch in der Wahlnacht bekannt, dass er seine Kandidatur beendet. Pete Buttigieg, Elizabeth Warren und Amy Klobuchar kündigten dagegen an, weiterzumachen.

Wahlempfehlung brachte Biden zurück ins Rennen

In South Carolina gab es 54 Delegierte für den Nominierungsparteitag zu gewinnen, fast so viele wie in Iowa und New Hampshire zusammen. Die genaue Verteilung lag zunächst noch nicht vor, doch Biden sicherte sich eine deutliche Mehrheit. Die ersten Nachwahlbefragungen zeigten dabei, dass Biden besonders bei den Afroamerikanern auf grosse Unterstützung stiess. 60 Prozent von ihnen legten für Biden ein, den einstigen Vizepräsidenten von Barack Obama. Bloss 17 Prozent wählten Sanders. Das waren nur unwesentlich mehr als bei dessen ersten Präsidentschaftskandidatur vor vier Jahren, als er in South Carolina haushoch gegen Hillary Clinton verlor. Insgesamt machten die Schwarzen laut den Nachwahlbefragungen 55 Prozent der Wähler aus – viel mehr als in den ersten drei Vorwahlen.

Als wichtig erwies sich für Biden offenbar die Wahlempfehlung, die er vor einigen Tagen von dem schwarzen Abgeordneten James Clyburn erhalten hatte. Clyburn vertritt South Carolina seit vielen Jahren im Repräsentantenhaus in Washington, er ist dort quasi der ranghöchste afroamerikanische Vertreter und hat auch in seinem Heimatstaat grossen Einfluss. In den Nachwahlbefragungen gab ein Drittel der schwarzen Wähler an, dass Clyburns Empfehlung zugunsten von Biden der wichtigste Faktor für ihre eigene Entscheidung gewesen sei. Bei Bidens Siegesrede am Samstagabend stand Clyburn denn auch an der Seite des früheren Vizepräsidenten. «Mein Kumpel Jim Clyburn, du hast mich zurückgebracht!», rief Biden.

Die Nachwahlbefragungen zeigen indes, dass Biden auch bei fast allen anderen Wählergruppen mehr Stimmen erzielte als Sanders. Er sicherte sich sowohl eine Mehrheit bei jenen Demokraten, die sich als moderat bezeichnen, wie auch bei jenen, die sich selbst als sehr progressiv einschätzen. Sanders schwang bloss bei zwei Gruppen obenaus: bei den Wählern unter 29 Jahren sowie bei jenen, die nie zur Kirche gehen.

Jetzt steht der Super Tuesday an

Der amerikanische Vorwahlkampf ist zu guten Teilen ein Spiel mit Erwartungen. Kandidaten, die in einem Bundesstaat unter den Erwartungen bleiben, riskieren den Absturz. Kandidaten, die hingegen besser abschneiden als allgemein gedacht, erhalten Schwung für die nächste Primary. Bidens Pech ist, dass bereits am Dienstag der Super Tuesday ansteht: der Tag, an dem in 14 Bundesstaaten sowie bei den Auslandsdemokraten gewählt wird. Dabei werden mehr als ein Drittel der Delegierten vergeben. Biden bleibt also nicht viel Zeit, um von der positiven Berichterstattung und dem Spendenzuwachs zu profitieren, mit denen ein Kandidat nach einem Sieg in einer Vorwahl in der Regel rechnen kann.

Dabei wäre er genau darauf angewiesen. Noch in der Wahlnacht versuchte Biden, der zum moderaten Flügel der Partei gehört, das Rennen um die demokratische Nominierung als Zweikampf zwischen ihm und dem selbsterklärten Sozialisten Bernie Sanders darzustellen. Sanders hat nach seinen Siegen in New Hampshire und Nevada am meisten Delegierte. Er liegt auch in den Umfragen in vielen Bundesstaaten des Super Tuesday an der ersten Stelle, darunter in Kalifornien, das mit Abstand am meisten Delegierte zu vergeben hat. Die demokratischen Wähler müssten sich jetzt entscheiden, sagte Biden am Samstagabend: «Die meisten Amerikaner wollen nicht das Versprechen auf eine Revolution, sie wollen Resultate.» Er sei der Garant dafür, dass die Demokraten Donald Trump besiegen könnten.

Dieser Ansicht sind nach dem Resultat von South Carolina auch viele Vertreter des demokratischen Establishments. Der frühere Parteichef Terry McAuliffe rief die anderen Präsidentschaftskandidaten mehr oder weniger direkt auf, ihren Wahlkampf einzustellen und sich hinter Biden zu stellen, wenn sie eine Nominierung von Sanders noch verhindern wollten. Er sprach dabei explizit von Pete Buttigieg, der die erste Vorwahl in Iowa gewonnen hatte, sowie von Amy Klobuchar, die in New Hampshire auf dem dritten Platz gelandet war. Diese Bewerber, so McAuliffe, müssten sich nun ernsthaft fragen, mit welcher Begründung sie noch im Rennen verbleiben wollten, wo doch klar sei, dass es für sie keinen Weg zu einem Sieg gebe.

Die grössere Gefahr für Biden ist wohl allerdings ein Mann, der in South Carolina gar nicht zur Wahl stand: Mike Bloomberg. Der schwerreiche frühere Bürgermeister von New York war erst spät in den demokratischen Vorwahlkampf eingestiegen, weil er eine Wahl von Bernie Sanders oder Elizabeth Warren verhindern wollte und der Überzeugung war, dass Bidens Bewerbung nirgends hinführen werde. Bloomberg steht am Super Tuesday erstmals auf den Wahlzetteln, und seine Kampagne zielt auf ähnliche Wähler wie jene von Biden: moderate Demokraten. Zudem hat er in den Super-Tuesday-Staaten schon für Hunderte Millionen Dollar Werbespots geschaltet. Biden oder Bloomberg: Wollen die Demokraten Sanders tatsächlich stoppen, muss wohl einer von ihnen bald weichen.

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