US-Rechtsextreme fallen in Unistadt ein

Die Ausschreitungen mit Toten und Verletzten in Charlottesville sind ein Zeichen der Zeit: Donald Trumps Wahlsieg hat US-Rechtsextremisten ermuntert.

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Die kleine Stadt ist weltoffen, liberal und die Heimat der berühmten, weil von Thomas Jefferson gegründeten Universität von Virginia. Niemals aber hätten sich die Bürger von Charlottesville geträumt, dass sich die tiefe politische und soziale Spaltung der USA in ihrer Stadt entladen würde. Am Samstag war es soweit: Hunderte von Neonazis, Anhänger der Alt-right und rechtsextreme Rassisten fielen in Charlottesville ein, um gegen den geplanten Abtransport einer 1924 errichteten Statue Robert E. Lees, des Oberbefehlshabers der konföderierten Truppen im Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, zu protestieren.

Männer in Camouflage mit umgehängten AR-15-Sturmgewehren marschierten auf, konföderierte Fahnen und die Symbole diverser Nazi-Gruppen flatterten im Rotor-Wind eines Hubschraubers, der niedrig über der Innenstadt kreiste. Die Stadt erlebte einen Belagerungszustand, bereits vor Beginn der zur Tagesmitte geplanten Kundgebung der Rechtsextremisten kam es zu Ausschreitungen im Zentrum. Gegendemonstranten von «Black Lives Matter» und Antifa-Gruppen bezogen in der Nähe des Parks mit der Statue Stellung, das Polizeiaufgebot sah zunächst zu, statt die Kontrahenten zu trennen.

Kurz vor Beginn der Kundgebung, zu der Rechtsextreme wie der Alt-right-Ideologe Richard Spencer und Ex-Klan-Führer David Duke angereist waren, entzog die Stadt die Versammlungserlaubnis. Virginias demokratischer Gouverneur Terry McAuliffe rief zudem den Notstand aus und versetzte die Nationalgarde in Alarm, nachdem sich gewalttätige Zusammenstösse ereignet hatten.

Auto fährt in die Menschenmenge

Unweit vom Park mit der Statue des konföderierten Generals hoch zu Pferd sass Jennifer Hoyt in der Fussgängerzone, fassungslos erlebte die junge Frau das Chaos um sie. Sie wolle «beten und meditieren», sagte sie und beschuldigte gleichzeitig die Polizei, zu wenig zu tun.

In ihrer Nähe kam es zu Prügeleien mit Verletzten, am Nachmittag fuhr ein Auto in eine Menschenmenge, offenbar mit Absicht. Dabei kam eine 32-jährige Frau ums Leben. Laut Polizei gab es 19 Verletzte. Dem Täter wird «Mord mit bedingtem Vorsatz, vorsätzliche Körperverletzung und Flucht von einem Unfall mit Todesfolge» vorgeworfen.

Am späten Nachmittag stürzte zudem ein Helikopter ab, der Pilot und ein Passagier starben dabei. Beide waren für die Polizei im Einsatz, die Ursache des Absturzes ist noch nicht bekannt.

Insgesamt mussten wegen den Ausschreitungen 35 verletzte Patienten im Krankenhaus behandelt werden. Das FBI ermittelt, der Gouverneur von Virginia erklärte den Ausnahmezustand.

Geschichte holt die Südstaaten ein

Begonnen hatte der Eklat in Charlottesville bereits im Februar, als der Stadtrat knapp entschied, die Lee-Statue sowie ein weiteres Bürgerkriegsdenkmal zu entfernen und «Lee Park» zum Gedenken an die Befreiung afroamerikanischer Sklaven in den Südstaaten im Anschluss an den Bürgerkrieg in «Befreiungspark»­ umzutaufen. Wie in anderen Städten des amerikanischen Südens, wo über die Entferung von Denkmälern nachgedacht wurde oder Statuen wie etwa in New Orleans tatsächlich abtransportiert wurden, schlugen die Wogen hoch und holte die vertrackte Geschichte des Südens Gegner und Befürworter ein.

In Charlottesville erhielten Stadträte im Anschluss an ihr Votum Todesdrohungen, blieben aber bei ihrer Entscheidung – womit die Stadt im Herzen Virginias zur Zielscheibe von Rassisten, Neo-Konföderierten, Alt-right-Fanatikern und Antisemiten wurde. Befreits im Juli demonstrierten Ku-Klux-Klan-Mitglieder im «Lee Park», am Samstag aber geriet Charlottesville vollends zum Symbol amerikanischer Polarisierung: Auf der einen Seite liberale und progressive Amerikaner, die kulturelle Vielfalt verteidigen und Toleranz predigen, auf der anderen die Verteidiger weisser Vorherrschaft in einer Nation, in der die Mehrheit der Kinder in öffentlichen Schulen inzwischen nicht mehr weiss ist.

Trump bleibt erst still, dann allgemein

Schon am Freitagabend waren die Rechtsextremen in einem Fackelzug über den Campus der University of Virginia marschiert, hunderte überwiegend junger weisser Männer. «Ihr werdet uns nicht ersetzen», und «white lives matter», skandierten sie und riefen antisemitische Slogans. Charlottesvilles Bürgermeister Mike Signer bezeichnete die Prozession als «feige Parade von Hass, Borniertheit, Rassimsus und Intoleranz».

Doch während prominente Politiker beider Parteien, darunter Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, den rechtsextremen Aufmarsch am Samstag in Charlottesville umgehend und scharf verurteilten, blieb Präsident Trump zunächst still. First Lady Melania meldete sich zu Wort, Stunden später reagierte dann der Präsident und verurteilte «Hass und Gewalt».

Dabei sind die Vorgänge in Charlottesville auch ein Resultat von Trumps Aufstieg: Seit der Präsidentschaftskandidatur von George Wallace, des rassistischen Gouverneurs von Alabama, im Jahr 1968 hat nichts den amerikanischen Rechtsextremismus mehr ermuntert als der Wahlsieg Trumps.

Im Gegensatz zu den allgemeinen Aussagen von Trump reagierten republikanische Politiker mit klaren Absagen an die Rassisten. Ihr Anführer Paul Ryan nannte die Extremisten eine Plage und schrieb auf Twitter, dass deren Terrorismus gestoppt werden müsse.

Extremisten künden grössere Demonstration an

2014 noch schmückte sich Charlottesville mit dem Titel, die «glücklichste Stadt» US-Amerikas zu sein. Nun befürchten die Bürger, dass es bald wieder wie am Samstag zugehen wird: Jason Kessler, einer der Organisatoren des rechtsextremistischen Aufmarschs, kündigte an, man werde wiederkommen – in noch grösserer Zahl. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2017, 20:47 Uhr

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