Trumps Mann in Alabama – sehenden Auges ins Fiasko

Wie Roy Moore vom Helden zum Verlierer wurde. Besuch in seiner Heimatstadt Gadsden.

Stimmt da was nicht? Roy Moore und seine Wahlhelfer erfahren von den Wahlresultaten.

Stimmt da was nicht? Roy Moore und seine Wahlhelfer erfahren von den Wahlresultaten. Bild: Brynn Anderson/Keystone

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Sein Gegner, der Demokrat Doug Jones, ging zu Fuss zur Wahl. Nicht so Roy Moore: Auf seinem Pferd «Sassy» ritt der ultrakonservative republikanische Senatskandidat zum Urnengang bei der Nachwahl für einen Senatssitz im Südstaat Alabama. 25 Kilometer östlich von seiner Heimatstadt Gadsden stimmte Moore ab, unter einem grauen Himmel in einer winterlichen Landschaft. Er trug seinen gewohnten Hut, ein Mann, den Teile seiner eigenen Partei in Washington ablehnen. Gestern lehnte ihn auch eine knappe Mehrheit der Wähler in Alabama ab. Und damit schrumpft Donald Trumps republikanische Mehrheit im Senat auf eine einzige Stimme.

In Gadsden, einer Stadt im hügeligen Nordosten Alabamas, die schon bessere Zeiten gesehen hat und an Bevölkerung verliert, wuchs Moore auf, hier war er Staatsanwalt und später Richter. Ausserdem stieg er in Gadsden Ende der 1970er- und zu Beginn der 1980er-Jahre weiblichen Teenagern hinterher, ein Schürzenjäger anfangs dreissig, der laut Zeugen die Nähe minderjähriger Girls suchte. Mehrere von ihnen beschuldigten Moore während des Wahlkampfs glaubhaft, sie sexuell belästigt zu haben, ein Teenager schilderte gar sexuelle Übergriffe.

Nicht die Idioten der Nation

Im Einkaufszentrum von Gadsden hielt sich Moore damals gern auf und machte Minderjährige an. Das Einkaufszentrum steht, etwas in die Jahre gekommen, am Rande der Stadt. Nahe der kleinen Innenstadt befindet sich das Gerichtsgebäude. Roy Moore klagte darin an, obschon er dem privaten Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums wegen seiner Vorliebe für junge Mädchen aufgefallen war und angeblich sogar ein Besuchsverbot des Einkaufszentrums erhielt.

Video: «Er hat mich begrapscht»

Eine der Frauen, die Moore sexuellen Missbrauch vorwerfen. Video: TA/Reuters

Natürlich hat Moore alle Vorwürfe als Verleumdungen von sich gewiesen. Offenbar glaubten ihm nicht genügend Wähler Alabamas. Sie hielten Moore für untragbar als Repräsentant ihres Staats in Washington. Noch am Vorabend des Urnengangs hatte der frühere Basketball-Star Charles Barkley die Bewohner seines Heimatstaats beschworen, sie müssten «aufhören, sich dem Rest der Nation als Idioten« zu zeigen.

Erster Demokrat seit 20 Jahren

Sie taten es: Doug Jones, ein ehemaliger Staatsanwalt, der Ku-Klux-Klan-Mitglieder vor Gericht gebracht hatte, siegte in einem konservativen Staat, der vor über 20 Jahren den letzten Demokraten in den Senat schickte und keinem demokratischen Präsidentschaftskandidaten seit vier Jahrzehnten eine Stimmenmehrheit beschert hat.

Er gewann zudem in einem ehemals konföderierten Staat, der notorisch unabhängig ist und dem rassistischen Gouverneur George Wallace zujubelte, als der in seiner Antrittsrede 1963 erklärte, die Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiss sei «ewig». Roy Moore stand in dieser Tradition. Nur Tage vor dem Urnengang behauptete er, Amerika sei es vor dem Bürgerkrieg besser ergangen als jetzt. In Roy Moores Amerika waren Afroamerikaner Sklaven, und Frauen durften nicht wählen. Moore hält Homosexualität für ein Verbrechen und die Bibel für wichtiger als die amerikanische Verfassung. 9/11 sei die Quittung für Amerikas Gottlosigkeit gewesen, sagte er. Und Muslime dürften nicht im Kongress sitzen.

Moore praktiziert Retro-Politik

Roy Moore hat im Laufe seiner langen Karriere eine breite Schneise der Borniertheit geschlagen. Zuhause in Alabama reichte es dennoch für Wahlsiege, etwa zum Chefrichter des Staats. Weil Moore die Zehn Gebote in Stein gemeiselt im Obersten Gericht in Alabamas Hauptstadt Montgomery ausstellte und ihre Entfernung verweigerte, wurde er abgesetzt. Gestern erhielt er die Quittung für eine Retro-Politik, die vielen gemässigten Republikanern in den Vorstädten Alabamas zu weit ging.

Video – Missbrauchsvorwürfe gegen Moore

Das sagen die Menschen in Alabama zum Missbrauchs-Skandal um Roy Moore. (Video: Tamedia/AP)

In Pruett’s Restaurant in Gadsden erhielt Moore indes keine Quittung. Das Restaurant serviert köstliches Barbecue, über der Theke erinnern zwei gekreuzte Degen und eine graue konföderierte Feldmütze an den amerikanischen Bürgerkrieg. Die Gäste am späten Nachmittag des Wahltags sind sämtlich Senioren, manche tragen kleine Aufkleber. «Ich habe gewählt», steht auf ihnen. Sie unterhalten sich, Roy Moore ist ihr Mann. Seinen Beschuldigerinnen glauben sie nicht. Und selbst, wenn sich Beweise für Moores mutmassliche sexuelle Übergriffe gehäuft hätten: Gewählt hätten sie den alten Richter wahrscheinlich trotzdem.

Trump zögerte zu Beginn

Denn Doug Jones ist für sie nicht akzeptabel: Zum einen ein Demokrat, zum anderen ein Verfechter der Abtreibungsfreiheit. In kaum einem amerikanischen Bundesstaat wird die seit 1973 höchstrichterlich erlaubte Abtreibungsfreiheit so abgelehnt wie in Alabama. Die ländliche weisse Bevölkerung des Staats, mehrheitlich evangelikale Christen, hat sich gestern denn auch überwältigend für den strikten Abtreibungsgegner Roy Moore erklärt.

Video: Roy Moore verteidigte sich

«Ich habe keiner Minderjährigen Alkohol gegeben.» Video: Tamedia Webvideo mit Material von Reuters

Im November 2016 bescherten die Wähler Alabamas Donald Trump einen Erdrutschsieg. Nach anfänglichem Zögern hat sich Trump voll hinter Moore gestellt. Wie Moore wird auch der Präsident von mehreren Frauen sexueller Belästigung beschuldigt. Und am Morgen des Wahltags in Alabama insinuierte Trump in einem Tweet, die demokratische Senatorin Kirsten Gillibrand (New York) sei eine Prostituierte. Sie hatte ihn wegen seiner mutmasslichen sexuellen Vergehen zum Rücktritt aufgefordert.

Heldenhafte Republikaner

Wahrscheinlich profitierte Doug Jones von Trumps Twitter-Unverschämtheit: Die Frauen Alabamas, auch viele Republikanerinnen, liefen am Dienstag scharenweise zu Jones über. Vielleicht erinnerte sie der weithin kritisierte Tweet des Präsidenten noch ein letztes Mal an die Anschuldigungen gegen Moore. Auch die Afroamerikaner – rund ein Viertel der Wählerschaft und traditionell Demokraten – , die Jungen sowie die städtischen Wähler in Alabamas Metropolen Birmingham, Montgomery und Mobile stimmten mehrheitlich für Jones. Damit schoben sie den Demokraten an Moore vorbei.

Es war ein knapper Sieg des Anstands und zugleich ein Blick in die Zukunft Alabamas. Auch war das gestrige Wahlergebnis nicht nur eine Niederlage für Roy Moore. Zu den Verlierern zählen auch Donald Trump und sein ethno-nationalistischer Einflüsterer Steve Bannon: Trump hatte für Moore getrommelt, Bannon noch am Montagabend auf einer Wahlveranstaltung für Moore geworben. Bannons grossmäulige Ankündigung, das republikanische Establishment in Washington mit radikalen und auf Trump eingeschworenen Kandidaten auszuhebeln, dürfte sich nach Moores Niederlage als leere Drohung erweisen.

Die Helden des Wahltags in Alabama aber sind jene Republikaner, die erstmals in ihrem Leben für einen Demokraten votierten. Weil ihnen Roy Moore als Zumutung erschien. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2017, 07:12 Uhr

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