Jetzt lacht niemand mehr

Donald Trumps Aufstieg ist atemberaubend. Unser Korrespondent Walter Niederberger hat ihn in einem Buch nachgezeichnet. Hier ein Auszug.

Einen ersten Anlauf als Präsidentschaftskandidat plante er bereits in den späten Achtzigerjahren: Donald Trump (25. August 2016). Foto: Gerald Herbert (AP, Keystone)

Einen ersten Anlauf als Präsidentschaftskandidat plante er bereits in den späten Achtzigerjahren: Donald Trump (25. August 2016). Foto: Gerald Herbert (AP, Keystone)

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Donald Trump liebt Deals. Wobei ein Deal für ihn nur dann stimmt, wenn er einen Profit macht und die andere Seite verliert. Unterliegt er, so ist dies kein Deal mehr, sondern ein Schwindel. Dieses Verständnis vom Geschäftemachen entwickelt er als Immobilienmakler in Manhattan. Dabei handelt es sich um einen stark abgeschotteten Markt, der seit Jahrzehnten von Familiendynastien dominiert wird. Hier wird ein Nullsummenspiel der Superreichen ausgetragen.

Doch ein Deal in Manhattan bedeutet noch keinen Deal in Washington und schon gar keinen Deal in der Welt. Trump scheint das nie begreifen zu können. Die Kunst des politischen Kompromisses und die Notwendigkeit der Gesichtswahrung hat er nie gelernt. Als Präsident müsste ihn dies zu einem untragbaren Sicherheitsrisiko machen. «Die ­Donald-Trump-Methode des Verhandelns wäre nicht nur wirkungslos, sie wäre auch gefährlich», fassen Politologen der Harvard-Universität zusammen. «Er hat die völlig falschen Instinkte und die falsche Erfahrung für die Konflikte, die ein Präsident bewältigen muss.»

Typisch für ihn

Doch als Präsident will Trump exakt nach seinem Muster des Dealens vorgehen: mit Erpressen und Drohen. So will er Mexiko zwingen, für den Bau einer mehr als 3000 Kilometer langen Grenzmauer zu zahlen; und wenn sich das Land weigern sollte, «wird die Mauer noch um zehn Fuss höher gebaut». Das ist keine Alternative, sondern eine Drohung, aber das ist typisch für ihn. Schon während der Vorwahlen schikaniert er Mexiko dermassen grob, dass Ex-Präsident Vicente Fox mit einem Kraftausdruck zu verstehen gibt, dass das Projekt keinerlei Chancen einer mexikanischen Finanzierung habe, und anfügt, dass Trump ihn durchaus an Hitler erinnere.

Trump ficht das nicht weiter an. Im Gegenteil: Er nimmt es auch gleich noch mit einer aufkommenden Weltmacht auf. China will er einen Strafzoll von 45 Prozent für Exporte in die USA auf­zwingen. Abgesehen davon, dass solche Zölle illegal wären, muss man sich fragen, wie stark sich China, ein ausgesprochen wichtiges Gläubigerland für die USA, von solchen Drohungen beeindrucken lässt. Sicher ist nur, sagt die frühere US-Handels­delegierte Susan Schwab, dass die USA sofort mit Gegensanktionen und also mit schweren wirtschaftlichen Schäden rechnen müssten.

Chinesen sind nicht beeindruckt

Auch mit seinen eigenen Geschäften mit China richtet Trump einigen Schaden an. Das Beispiel eines Grundstückdeals zeigt, warum. Vermögende Investoren aus Hongkong machen 1994 mit Trump gemeinsame Sache, in der Absicht, seine unbezahlten Schulden zu sanieren und dafür gemeinsam Bauland in Manhattan zu erwerben, das nach dem Immobiliencrash günstig zu haben ist. Das Projekt erweist sich denn auch als durchaus profitabel, und das chinesische Konsortium verkauft es 2005 für 1,76 Milliarden Dollar.

Doch statt seinen Gewinnanteil einzustreichen, geht Trump gegen die Investoren vor Gericht. Er klagt auf Vertragsbruch und fordert eine Genugtuung von einer Milliarde Dollar. Der Richter entscheidet gegen ihn. Dafür muss sich Trump mit einem Anteil von 30 Prozent an den zwei gebauten Hochhäusern begnügen, der erst noch bis zum Jahr 2044 blockiert ist. Die Partner, unter ihnen Vincent Lo, der «chinesische Donald Trump», brechen ­wegen des Prozesses sofort alle Beziehungen ab. Und wundern sich nach Angaben der «New York Times», warum der streitsüchtige Trump ein angeblich derart erfolgreicher Deal­maker sein soll.

Das Problem des Deals, wie Trump ihn versteht, beruht auf der Annahme, dass die ganze Welt so funktioniert wie der Luxusimmobilienmarkt in New York. «Dieser ist aber kein Marktplatz, der von Dynamik und Wettbewerb lebt. Vielmehr erinnert er an die Familienclans des Mittleren Ostens», hält der Reporter Adam Davidson fest, der zwei Jahre lang über die US-Besetzung des Irak berichtete und mit irakischen Geschäftsleuten rund um die Familie von Saddam Hussein zu tun hatte. Auch diese Geschäftsleute hätten dauernd von Deals gesprochen, schreibt Davidson, meinten damit aber nicht das Verhandeln um die Preise und die Qualität der Ware, sondern das Verteilen von Aufträgen innerhalb des Clans. Sie hatten Macht und Einfluss, so Davidson, «aber wirkliche Fähigkeiten und Kenntnisse waren nicht zu erkennen». Trump funktioniert nach dem gleichen Muster des Nullsummenspiels. Der Vergleich hat etwas an sich: Er könne nie wirklich ruhen, bestätigt Trump einmal, da er immer fürchten müsse, mit einem Schlag ausgetrickst zu werden und alles zu verlieren.

Überzeugen statt drohen

Solche Vorstellungen vom Geschäftemachen sind keine guten Voraussetzungen für einen Präsidenten, der ab 2017 eine Fülle höchst delikater Verhandlungen im Kriegsgebiet Syriens, in den Beziehungen zum Iran und zu Russland, im Aussen­handel mit China oder in den Krisenherden in Nord­korea, der Ukraine und Libyen führen muss. Selbst wenn er viel Glück hat, kann er vielleicht eine einzige Einigung erzielen, mit der alle Seiten leben können, heisst es in der bereits zitierten ­Harvard-Studie. «Die Aufgabe besteht nicht darin, die andere Seite zu bedrohen oder davon zu überzeugen, die eigene bevorzugte Lösung zu übernehmen. Die Aufgabe ist vielmehr, alle Hindernisse zu beseitigen, die einen Konflikt unausweichlich machen.» Verfasser der Studie sind Jonathan Powell, der frühere Chefunterhändler der britischen Regierung in Nordirland, und Deepak Malhotra, Wirtschaftsprofessor in Harvard und Berater in zahl­reichen Mega-Deals zwischen Unternehmen. Donald Trump hat nach Meinung der beiden erfahrenen Unterhändler eine hochriskante Sicht der politischen Diplomatie. Anders, als Trump glaube, gehe es in den meisten Fällen gerade nicht darum, die andere Seite zu schlagen, «sondern die eine und einzige Lösung zu erreichen, die ein Desaster verhindert».

In der Diplomatie gibt es keinen «amazing deal», sondern im besten Fall Kompromisse, die allen Parteien die Gesichtswahrung erlauben und – dies ist entscheidend – auch durchgesetzt werden können. Jonathan Powell nennt als Beispiel das Karfreitagsabkommen von 1998 zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland. Es musste nach dem Abschluss noch neun Jahre nachverhandelt werden, bevor es in Kraft treten konnte. Das Oslo-Ab­kommen zwischen Israel und Palästina von Mitte der 1990er-Jahre scheiterte an der Durchsetzung, nachdem es zunächst als grosser Durchbruch gefeiert worden war. Ein vermeintlich guter Deal in der Diplomatie, so schreibt Powell, kann mindestens so katastrophal sein wie gar kein Deal.

Die lange Kandidatur

Auch wenn es scheint, als sei Trump erst in diesen Wahlen auf den Geschmack der Politik gekommen, gibt es frühe Hinweise auf seine politischen Am­bitionen. Einen ersten Anlauf als Präsidentschaftskandidat plant er bereits in den späten Achtzigerjahren, wenn auch nur als medialer Probelauf. 2000 lässt er sich dann als Kandidat einer Reformpartei aufstellen und gewinnt sogar die Vorwahl in Kalifornien, bevor er aussteigt und sich einige Jahre dem lukrativeren Reality-Fernsehen zuwendet.

Doch ein Gespräch mit dem «Playboy»-Magazin von 1990 belegt nachdrücklich, dass Trump seit Jahrzehnten eine klare politische Agenda hat. Ihre Schwerpunkte: illegale Einwanderung, das Problem des defizitären Aussenhandels, Staatsverschuldung, Regierungsmacht. Im «Playboy» sagt er ­bereits: «Wir Amerikaner werden auf der ganzen Welt ausgelacht, weil wir reiche Nationen für nichts verteidigen und Jahr für Jahr 150 Milliarden Dollar verlieren. Unsere Verbündeten verdienen Milliarden, indem sie uns übervorteilen.» 26 Jahre später sagt er exakt das Gleiche, nur ist diesmal der Betrug der USA durch andere Länder noch grösser und die Liste der Schuldigen länger geworden.

Die Nominierung und die Niederlage von Mitt Romney vor vier Jahren geben Trump dann den letzten Anstoss zur eigenen Kandidatur. So will er schon im August 2012 am republikanischen Parteitag in Tampa auftreten und reden. Als er das nicht schafft, weil die Parteiführung ihm die Bühne nicht freigeben will, zeichnet er eine Videobotschaft auf, die nur wegen einer kurzfristigen Programm­änderung nicht gezeigt werden kann. Trump lässt nicht locker und will mit Romney auch auf Wahltournee gehen. Romney ist das etwas peinlich, doch macht er mit und folgt einer Einladung von Trump nach Florida, um dessen offizielle Unterstützung entgegenzunehmen.

Ein patentierter Slogan

Kurz nach der Niederlage von Mitt Romney gegen Präsident Obama, also schon Ende 2012, bereiten Trump und ein paar Eingeweihte seine Kandidatur für 2016 vor. Sie lassen den Slogan «Make America Great Again» patentieren. 2013 tritt Trump bei der Konferenz der einflussreichen konservativen ­Action Political auf und präsentiert seinen radikalen Anti-Immigrations-Plan. 2014 eilt er als Wahlhelfer für den Abgeordneten Steve King nach Iowa und sammelt Erfahrungen mit dem Wahlprozedere. Gleichzeitig bezuschusst er mit mehr als einer Million Dollar republikanische Kandidaten und hilft auf Ersuchen von Chris Christie der Vereinigung der republikanischen Gouverneure mit 250 000 Dollar aus einer finanziellen Notlage. Diese Vorarbeiten sollten sich 2016 auszahlen. Auch für Chris Christie, der als politischer Berater ins Team Trump eintritt und hofft, in dessen Regierung zum Justizminister ernannt zu werden.

Trumps politische Ambitionen sind 2014 offensichtlich und in der Partei bekannt. Die New Yorker Republikaner wollen ihn dazu überreden, als Gouverneur gegen den populären Demokraten Andrew Cuomo anzutreten. Trump wiegelt ab und erklärt, er spüre keine genügende Unterstützung durch seine Partei. Der wahre Grund ist ein anderer: «Ich habe viel grössere Pläne. Bleibt dran, es wird passieren», twittert er im März 2014. Einige Tage vor der ersten Vorwahl in New Hampshire im Februar 2016 bestätigt er dann auch öffentlich, die Präsidentschaft schon seit langem angepeilt zu haben. «Viele Leute haben mich über die Jahre hinweg ausgelacht. Heute lachen sie nicht mehr.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2016, 21:16 Uhr

Das Buch

«Trump Land» von DerBund.ch/Newsnet-USA-Korrespondent Walter Niederberger erscheint am 26. August im Verlag Orell Füssli, Zürich, 24.90 Fr.

Buchpräsentation mit dem Autor:
Zentrum Karl der Grosse, Zürich, Dienstag, 13.?September, 20 Uhr.
www.karldergrosse.ch

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