Jetzt bloss nicht ins Fettnäpfchen treten!

Mieses Essen, endloses Geldsammeln, peinliche Enthüllungen: Der US-Präsidentschaftswahlkampf ist nichts für schwache Gemüter.

Eine der demokratischen Kandidatinnen für den Präsidentschaftswahlkampf 2020: Elizabeth Warren. Foto: Jim Young (Reuters)

Eine der demokratischen Kandidatinnen für den Präsidentschaftswahlkampf 2020: Elizabeth Warren. Foto: Jim Young (Reuters)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Spät im Februar, als frostiger Wind über die Äcker und Wiesen des Midweststaats Iowa blies, fielen sie wie die Heuschrecken ein: In einer einzigen Woche konnten Iowas Wähler nahezu alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten begutachten – mehr als zehn.

Dass bis zum Tag der Präsidentschaftswahl noch geschlagene 20 Monate vergehen, tut nichts zur Sache: Iowa ist der erste Staat, der im kommenden Januar demokratische Parteiversammlungen abhält. Neben New Hampshire, Nevada und South Carolina gehört der Präriestaat zu den vorentscheidenden Orten beim Rennen um den Einzug ins Weisse Haus.

Getrieben von brennendem Ehrgeiz

Also machten sich die Senatorin Amy Klobuchar, der frühere Abgeordnete John Delaney, Ex-Wohnungsbauminister Julian Castro, die Senatorin Kirsten Gillibrand und etliche andere demokratische Kandidaten auf nach Iowa. Ihr Leben wird nie mehr wie zuvor sein. Man wird sie unter die Lupe nehmen, durch den medialen Fleischwolf drehen, auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, mit Dreck bewerfen und hochleben lassen.

Und alles nur, weil sie von brennendem Ehrgeiz getrieben sind. «Ein Berufspolitiker, der das Weisse Haus riecht, ist nicht viel anders als ein röhrender Hirsch in der Brunft – er wird vor nichts Halt machen und alles demolieren, was ihm im Weg steht», beschrieb Hunter S. Thompson 1972 in seinem Klassiker «Fear and Loathing on the Campaign Trail» den Sturm und Drang amerikanischer Präsidentschaftskandidaten.

Der Weg zum Ziel ist voller Dornen. Und er ist lang. «Die Reise ist hart gewesen, noch eine letzte Meile», klagte Muddy Waters in einem berühmten Blues. Es ist nichts im Vergleich zum Marathon der Präsidentschaftskandidaten. Sie drücken anderer Leute Hände, bis ihre Hände schwielig sind. Sie umarmen und küssen und fangen sich Erkältungen ein. Dauernd sind sie auf Achse, in kleinen und grossen Autobussen und alten Flugzeugen, die sie möglichst billig mieten.

Als die Senatorin Elizabeth Warren kürzlich eine Bierdose umständlich öffnete, wurde sofort vermutet, Bier trinke sie gewöhnlich nicht.

Nebenbei müssen sie tagein tagaus Geldspenden einsammeln, um konkurrenzfähig zu bleiben. Sie brauchen Zaster, um Horden von Strategen, Demoskopen und Event-Organisatoren zu bezahlen und teuere TV-Spots zu schalten. Sie werden am Inhalt ihrer Klingelbeutel gemessen. Wie viele Millionen Dollar konnte der Kandidat in den ersten 24 Stunden nach Bekanntgabe seiner Kandidatur eintreiben? Nur eine Million? Ein Aussenseiter!

Und egal, wie gestresst sie sind: Nie dürfen sie sich eine Blösse geben. Als die Senatorin Elizabeth Warren kürzlich eine Bierdose umständlich öffnete, wurde sofort vermutet, Bier trinke sie gewöhnlich nicht. Bier ist wichtig. Es suggeriert Volksnähe.

Weil der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry 2004 bei einem Besuch Philadelphias für sein «Philly Cheese Steak», einen lokalen Leckerbissen, echten Schweizer Käse statt des gebräuchlichen Laborprodukts «Cheez Whiz» verlangte, wurden ihm aristokratische Neigungen unterstellt. Kerry hatte ein ehernes Gebot verletzt: Niemals die einheimische Küche verfeinern!

Esskulturelle Fauxpas

Kirsten Gillibrand merkte neulich in letzter Minute, dass ein gebratenes Hühnchen im Südstaat South Carolina nicht mit Messer und Gabel verzehrt werden darf. Es muss gemäss südstaatlicher Tradition mit den Händen gegessen werden. Aber auch das war nicht recht: «Hat Gillibrand jemals irgendwas gemacht, das nicht gekünstelt und opportunistisch ist?», lästerte Frank Rich, Kolumnist bei der Zeitschrift «New York».

Überhaupt – das Essen: Von der schmierigen Wurstbude zur fettigen Hamburger-Schmiede, von einem faserigen Brathühnchen zum triefenden Schweinefleisch am Spiess, vom mexikanischen Taco-Stand zum Barbecue und weiter zum Grillfest bei Mr. und Mrs. Jones, stets begleitet dabei von einem Tross von Kameras und Reportern, die jeden esskulturellen Fauxpas prompt dem Rest der Nation übermitteln – willkommen zum kulinarischen Alltag der Kandidaten.

Wer nicht aufgibt, weil ihm das Essen im Hals stecken blieb, muss pausenlos mit peinlichen Enthüllungen rechnen, mit irgendetwas aus dem Vorleben, das der Kandidat stets verschwiegen hat. Nun hängt das Geheimnis wie ein Damoklesschwert über ihm. So erging es beispielsweise Joe Biden im Wahlkampf 1988. Damals holten Plagiatsvorwürfe den Senator ein. Er gab auf.

Sein Stab behauptete später, nicht Tränen, sondern «schmelzende Schneeflocken» hätten die Wangen des Kandidaten befeuchtet.

Hat der Kandidat bei einer Veranstaltung in der Provinz vor zig Jahren etwas politisch Unkorrektes gesagt? Jetzt wird es herauskommen. Lästerte er über die griechische Küche? Über das Aussehen einer Frau oder eines Mannes? Ohrfeigte sie ein Kind? Das Leben der Kandidaten wird zum offenen Buch, jeder blättert darin herum.

Obendrein hagelt es Verletzendes und Kritik, niemals aber darf dem Gepeinigten der Kragen platzen. Tut er es trotzdem, ist das Ende nahe. Nachdem der konservative Verleger der wichtigsten Zeitung im Vorwahlstaat New Hampshire die Gattin des Senators und favorisierten demokratischen Präsidentschaftskandidaten Ed Muskie 1972 als Alkoholikerin beschrieben hatte, hielt der Senator mitten in einem Schneesturm eine Pressekonferenz vor dem Gebäude der Zeitung ab und beschimpfte den Verleger als «Feigling».

Ausserdem schien Muskie zu weinen. Es half nicht, dass sein Stab später behauptete, nicht Tränen, sondern «schmelzende Schneeflocken» hätten die Wangen des Kandidaten befeuchtet. Muskie habe geflennt, hiess es. Wenig später schmiss der Senator hin.

Nur «Onkel Joe» fehlt noch

Dies sind die prägenden Momente eines amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs. Wir werden sie zunächst im demokratischen Vorwahlkampf erleben, danach im Hauptwahlgang des siegreichen demokratischen Kandidaten gegen Donald Trump. Nichts wird dabei heilig sein, dafür garantiert Trump. Trotzdem sind sie alle willens, Schmach und Schmerz, Enttäuschung und Scheitern auf sich zu nehmen.

Nur Joe Biden fehlt noch, dann ist das demokratische Kandidatenfeld wahrscheinlich komplett. «Onkel Joe», wie er liebevoll genannt wird, wollte bereits 1988 und 2008 ins Weisse Haus. Der Mittsiebziger trägt inzwischen so viel politisches Gepäck mit sich herum, dass die Konkurrenz darin nach Verfehlungen wühlen und hundertprozentig fündig werden wird. Aber das wird nur eine von vielen Geschichten des endlosen Wahlkampfs sein.

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