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In Armenvierteln der USA ist die HIV-Rate ähnlich hoch wie in Afrika

Armut spielt einer US-Studie zufolge die wohl wichtigste Rolle dabei, ob sich ein heterosexueller Grossstädter in den USA mit HIV ansteckt. Die Hautfarbe ist unerheblich.

Wer in einem Armenviertel lebt hat schlechte Karten in Bezug auf Aids: Bedürftige warten in New York auf Kleiderausgabe.
Wer in einem Armenviertel lebt hat schlechte Karten in Bezug auf Aids: Bedürftige warten in New York auf Kleiderausgabe.
Reuters

Der am Montag auf der Welt-Aids-Konferenz in Wien vorgestellten Untersuchung ist zu entnehmen, dass Aids in bestimmten Armenvierteln geradezu grassiert. Und wichtiger noch: Arme Heterosexuelle in diesen Vierteln sind doppelt so infektionsgefährdet wie ihre Nachbarn mit mehr Geld. Die Rasse spielt dagegen keine Rolle: Zwischen Schwarzen, Weissen und Latinos stellten die Wissenschaftler keine grossen Unterschiede fest.

Die Studie des Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention (CDC) in Atlanta ist die erste regierungsamtliche Untersuchung dieser Art. Gesundheitsexperten gehen schon lange davon aus, dass Armut Aids befördert, doch gab es wenig wissenschaftliche Belege dafür. Manche Forschungsergebnisse scheinen dem sogar zu widersprechen: Studien in Tansania, Kenia und anderen afrikanischen Ländern zufolge bestand bei Wohlhabenden eine grösseres Infektionswahrscheinlichkeit als bei Armen.

Zusammenhang lange nicht erforscht

«In den USA haben wir uns lange nicht eingehend mit dem Zusammenhang zwischen Armut und HIV beschäftigt», räumte der Direktor der Aids-Prävention am CDC, Jonathan Mermin, ein. Viel häufiger konzentrierten sich die Studien auf die Rasse von HIV-Patienten, ihre sexuelle Orientierung oder darauf, ob sie sich Drogen spritzen.

Nun wurden 2006 und 2007 9000 heterosexuelle Erwachsene von 18 bis 50 Jahren befragt. Sie gaben Auskunft über Einkommen, Kondombenutzung und andere Einzelheiten und machten einen Aids-Test. Die Forscher nahmen Armenviertel in 23 amerikanischen Städten unter die Lupe. Sie konzentrierten sich auf Heterosexuelle, die keine Drogen spritzen - diese Gruppe macht etwa 28 Prozent der HIV-infizierten Amerikaner aus. Schwule oder bisexuelle Männer, die die höchsten Infektionsraten in den USA aufweisen, blieben aussen vor.

Das Ergebnis: Bei den Menschen, die mit einem Jahreseinkommen von 10'000 Dollar (rund 7700 Euro) oder weniger unter der offiziellen Armutsgrenze lebten, waren 2,4 Prozent HIV-infiziert. Bei Leuten aus dem selben Viertel oberhalb der Armutsgrenze waren es nur 1,2 Prozent. Beide Raten liegen über dem US-Durchschnitt von 0,45 Prozent.

«Epidemiologisch Pech»

Das lässt vermuten, dass Einwohner von Armenvierteln eine höhere Ansteckungswahrscheinlichkeit haben, weil sie unter Infizierten leben. Vielleicht hätten mehr Menschen in solchen Vierteln Drogen genommen oder andere riskante Erfahrungen hinter sich, vermutete Mermin. «Das ist epidemiologisch Pech», sagte er. «Wenn ich in einer solchen Gegend wohne und einen neuen Sexualpartner kennenlerne, dann ist das Risiko, dass er HIV hat, grösser, als wenn ich wohlhabend bin und in einer anderen Gegend lebe.»

Staatliche Stellen müssten die Ausbreitung von Aids in ganz anderem Licht betrachten, forderte der Gesundheitswissenschaftler Carlos del Rio von der Emory University. «Sie reden darüber, ob man die HIV-Fälle in den USA verringern kann. Ich würde fragen: Was können wir tun, um die Armut in den USA zu verringern?»

Er wies darauf hin, dass bestimmte Krankheiten aus genetischen Gründen bei bestimmten Rassen häufiger vorkommen, etwa Sichelzellenanämie bei Schwarzen. Doch gebe es keinen biologischen Grund dafür, dass die Infektionsrate bei Schwarzen acht Mal höher und bei Latinos drei Mal höher ist als bei Weissen. Die Erklärung liege wahrscheinlich in der Erkenntnis, dass Schwarze häufiger arm seien.

Mehr als 1,1 Millionen Amerikaner infiziert

Del Rio hat selbst kürzlich in einer kleineren Studie herausgefunden, dass sich 60 Prozent der HIV-Fälle in Atlanta auf eine Region in der Innenstadt konzentrieren, in der überdurchschnittlich viele Schwarze, Drogensüchtige und Arme leben.

Schätzungen zufolge sind mehr als eine Million Amerikaner mit dem HI-Virus infiziert. Die Zahl der Neuansteckungen wird auf rund 55'000 jährlich geschätzt.

dapd/mt

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