Hillary Clintons Stärke

Die US-Präsidentschaftskandidatin überzeugt mit weiblichen Eigenschaften. Eine der wichtigsten davon: Sie kann zuhören.

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Allen Beschwörungen zum Trotz: Seit der amerikanische Wahlkampf in seine heisse Phase getreten ist, zieht Hillary Clinton ihrem Gegner in den Umfragen davon. Donald Trumps Schwächen sind allseits bekannt, dafür sorgt er mit seinen Auftritten selber. Kaum gewürdigt wird jedoch, dass der Stimmungsumschwung auch eine Folge von Clintons Stärke ist. Clinton kann zuhören, Trump kann es nicht. «Er hat schlicht keine Aufmerksamkeitsspanne», sagt sein ehemaliger Ghostwriter Tony Schwartz, der ihn lange bei der Arbeit begleitet hat. Was das bedeutet, musste kürzlich ein Journalist der «Washington Post» erfahren. Ganze fünf Mal schweifte Donald Trump während eines gemeinsamen Interviews ab und wendete sich dem nebenan laufenden Fernseher zu. Dort zeigten sie Trump, und zu diesem meinte er anerkennend: «Viel Energie, viel Energie!» Der Mann hört nur sich selber gerne reden. Nicht einmal sein eigenes, zunehmend verzweifeltes Wahlkampfteam kommt zu ihm durch.

Sie lernt stets dazu

Darin liegt Hillary Clintons unterschätzte Stärke. Für ein Porträt von ihr hat Politblogger Ezra Klein Dutzende ihrer ehemaligen und aktuellen Mitarbeitenden befragt. Diese waren sich einig: Ihre grösste Fähigkeit bestehe darin, zuzuhören. Auch nach Jahrzehnten in der Öffentlichkeit schafft es Clinton offenbar noch immer, auf ihr Gegenüber einzugehen, nachzufragen, Argumente aufzunehmen. Sie lernt stets dazu.

Ihre Schwächen bei öffentlichen Auftritten sind bekannt. Nur geht Kommunikation über den blossen Informationsaustausch hinaus, sie ist ein Instrument der sozialen Bindung. Wer zuhört und Fragen stellt, gewinnt das Vertrauen des Gegenübers. So gelang es Hillary Clinton in ihrer Zeit als Senatorin und Aussenministerin weit über die Parteigrenzen hinaus, Allianzen zu knüpfen. Das wurde ihr von linker Seite vorgeworfen, kommt ihr aber nun zugute. Am Parteitag der Demokraten sprachen sich konservative Persönlichkeiten mit Überzeugung für sie aus. Etwa John Allen, der ehemalige Kommandeur der Allianz in Afghanistan. Auch der ehemalige CIA-Chef Michael Morell hat öffentlich angekündet, Frau Clinton zu wählen.

Beides, von anderen lernen und Allianzen bilden, gehört zu den wichtigsten Kompetenzen in einer dermassen komplexen Welt. Trumps Mangel an Interesse am Gegenüber ist einzigartig. Doch wer kennt sie nicht aus eigener Erfahrung: die mehr oder weniger Erfolgreichen, die fortwährend nur von sich erzählen? Die das Zuhören und Fragenstellen verlernt zu haben scheinen? Die amerikanische Soziolinguistin Deborah Tannen kommt in ihren Studien zum Schluss, dass es vor allem Männer sind, die Kommunikation als ein Instrument verstehen, den eigenen Status zu erhöhen. Während Frauen im Reden vermehrt ein Mittel sehen, um eine Bindung herzustellen.

Auch Theresa May und Angela Merkel

Interessanterweise hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten das vermeintlich weibliche Kommunikationsverständnis fast überall an Einfluss gewonnen – und zwar unabhängig vom Geschlecht. So wird heute auch von Ehemännern, Vätern und Partnern empathische Kommunikation erwartet. Auch männliche Vorgesetzte können nicht mehr so einfach über die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden trampeln. Nur in der Politik scheinen andere Regeln zu gelten. Dies legt der Aufstieg von Donald Trump besonders nahe. Dass diese Entwicklung ausgerechnet in der Politik geschieht, ist kein Zufall. Anders als in der Familie oder im Berufsalltag lassen sich selbstbewusste Behauptungen nicht so schnell entlarven. Gerade weil die politische Welt komplex geworden ist, haben jene, die alles aufs Einfachste reduzieren, einen Startvorteil.

Und doch: Hillary Clintons klare Führung gegen Trump zeigt, dass politischer Erfolg auch auf andere Weise zu holen ist. Männer wie Silvio Berlusconi, Boris Johnson oder Donald Trump mögen Zeitphänomene sein. Aber Frauen wie Angela Merkel, Theresa May oder Hillary Clinton sind es auch. Besonders bemerkenswert dabei: Diese Frauen überzeugen nicht so sehr mit sogenannt männlichen Eigenschaften, sondern zählen vermeintlich weibliche Stärken wie das Zuhören zu ihren wichtigsten. Alleine deshalb steht Hillary Clinton für eine neue Zeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2016, 21:44 Uhr

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