Giulianis Mut zum Nonsens

Einen Tag nach seiner rätselhaften «Wahrheit ist nicht Wahrheit»-Aussage versucht Trumps Anwalt sich zu erklären.

Trumps Anwalt Rudy Giuliani redet sich im TV gerne mal um Kopf und Kragen. (Video: Tamedia/NBC News)
Thorsten Denkler@thodenk

Am Montag scheint Rudy Giuliani aufgefallen zu sein, dass sein Satz vom Vortag einer Erklärung bedarf. Giuliani, der frühere Bürgermeister von New York, ist heute der Anwalt von US-Präsident Donald Trump in allen Fragen rund um die Sonderermittlungen von Robert Mueller. Der versucht herauszufinden, ob Trumps Team mit russischen Offiziellen kollaboriert hat, um die Wahl 2016 zu gewinnen. Und ob Trump versucht hat, die Ermittlungen zu behindern. Etwa indem er vor einem Jahr FBI-Chef James Comey feuerte.

All das sind auch die Gründe, warum Mueller gerne mal persönlich mit Trump sprechen möchte. Wovon vor allem Giuliani überhaupt nicht begeistert ist. Er glaubt, Mueller wolle Trump eine Falle stellen, um seinen Mandanten in einen Meineid zu treiben.

Am Sonntag war Giuliani mal wieder im US-Fernsehen zu bestaunen. In der von Chuck Todd moderierten NBC-Sendung «Meet the Press» sollte er zu diesem Punkt Rede und Antwort stehen. Und Todd fragte ihn, warum er sich denn so dagegen sträube, dass Trump von Mueller befragt werde. Trump behaupte schliesslich, es sei nichts dran an den Vorwürfen.

«Wahrheit ist nicht Wahrheit»

Die Antwort, die Giuliani dem NBC-Mann präsentierte, liess Todd die Hände vor den Kopf schlagen. Wer glaube, Trump müsse nicht besorgt sein, weil er doch einfach nur die Wahrheit sagen müsse, der sei dumm, erklärte Giuliani. Im Raum stehe eine Version der Wahrheit von jemand anderem. Nicht aber die Wahrheit. Chuck Todd insistierte: Wahrheit ist Wahrheit. Giuliani: «Nein, das ist nicht Wahrheit. Wahrheit ist nicht Wahrheit.»

Wahrheit ist nicht Wahrheit, der Satz reflektiert – wahrscheinlich eher unfreiwillig – das Verhältnis von Donald Trump und dem Weissen Haus zur Wahrheit. Nach Zahlen der Washington Post hat Trump seit Beginn seiner Präsidentschaft weit über 4000 falsche oder irreführende Aussagen gemacht. Das ist rekordverdächtig.

Giulianis Einlassung erinnert stark an einen Satz, der ganz am Anfang von Trumps Präsidentschaft dieses Verhältnis ebenso treffend beschrieb. Trumps Beraterin Kellyanne Conway hatte ihn gesagt, um Sean Spicer, den damaligen Pressesprecher des Weissen Hauses zu verteidigen. Übrigens auch in der Sendung «Meet the Press» mit Chuck Todd.

Spicer hatte am Tag zuvor, dem zweiten Amtstag von Trump, erklärt, nie habe eine grössere Menschenmenge die Amtseinführung eines US-Präsidenten verfolgt als bei der von Trump. Was nachweislich falsch ist. Spicer sagte das am Tag nach der Inauguration, es war ein Samstag und die erste Pressekonferenz, zu der er ins Weisse Haus geladen hatte. Das war schon irritierend genug. Wurde aber noch getoppt von der Erklärung, die Conway dafür hatte. Conway fand, Spicer habe lediglich «alternative Fakten» präsentiert.

Wenn es um die Wahrheit geht, hat Trump wenig zu gewinnen

Giulianis Satz von der Wahrheit, die nicht gleich Wahrheit ist, hat am Montagmorgen die US-Medien im ganzen Land beschäftigt. Von einem Debakel ist da zu lesen, einem schlimmen Tag für das Weisse Haus.

Wer sich sonntags in einer der landesweit ausgestrahlten News-Shows interviewen lässt, der will eigentlich nur eines erreichen: die Agenda der kommenden Woche bestimmen. Das hat Giuliani zweifelsohne geschafft. Aber offenbar nicht so wie beabsichtigt. Entweder hat Giuliani ein höchst verqueres Verhältnis zur Wahrheit offenbart. Oder viel Mut zum Nonsens.

Am Montag nun versuchte er auf Twitter geradezubiegen, was er am Sonntag unrettbar versemmelt hat. Sein Satz sei nicht als «dogmatisches Lehrstück der Moraltheologie» zu verstehen. Er habe lediglich klarzustellen versucht, dass hier zwei Menschen völlig unterschiedliche Aussagen über ein und dieselbe Begebenheit machen, schreibt er. Es sei eben eine klassische Situation, in der Aussage gegen Aussage stehe. «Manchmal bringen weitere Untersuchungen die Wahrheit ans Licht, manchmal nicht.»

Trumps ehemaliger Sicherheitsberater Flynn kooperiert mit Mueller

Mit dem Tweet hat Giuliani die Sache allerdings nicht wirklich besser gemacht. Es stimmt, was er da schreibt. Aber dann hat Trump eigentlich noch weniger Grund, sich einem Treffen mit Mueller zu verweigern. Im schlimmsten Fall würde – wie im Fall James Comey – seine Aussage gegen die des ehemaligen FBI-Chefs stehen.

Es gibt nur ein Problem: Comey hat vor dem Kongress unter Eid ausgesagt, Trump habe ihn indirekt aufgefordert, die Ermittlungen gegen Trumps früheren Sicherheitsberater Michael Flynn einzustellen. Weil Flynn «ein guter Kerl» sei, wie Trump gesagt haben soll. Das wäre ein starkes Indiz für Behinderung der Justiz, zumal Trump ja Comey später gefeuert hat. Flynn musste zurücktreten, weil er über seine Kontakte zu russischen Offiziellen gelogen hatte. Inzwischen kooperiert er mit Muellers Ermittlern.

Giuliani will die Glaubwürdigkeit Muellers untergraben

Am Ende ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit. Giuliani bringt diese Frage am Sonntag selbst auf, um das Vertrauen in die Unparteilichkeit des Sonderermittlers zu untergraben. Wem werde Robert Mueller wohl mehr glauben, seinem alten Freund James Comey oder dem gewählten Präsidenten? NBC-Mann Todd reagiert mit einer Gegenfrage: «Ist es möglich, dass Mueller seine Schlüsse zieht basierend auf der Frage, wer in den vergangenen Jahren der Wahrheit näher stand?»

Er erwischt Giuliani damit auf dem falschen Fuss. Statt einer prompten Antwort folgen viereinhalb Sekunden Schweigen. Im Fernsehen eine halbe Ewigkeit. Und doch fällt Giuliani nichts besseres ein als zu sagen, ja, es sei möglich, dass Mueller das so macht. Giuliani dürfte wissen, dass Trump nichts zu gewinnen hat, wenn es um die Wahrheit geht.

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