Gedemütigt und gefeuert

Der hemdsärmelige Mike Pompeo ersetzt Rex Tillerson als US-Aussenminister: Donald Trump verstört einmal mehr seine Kritiker – aber eben auch nur die.

«Waren uns nicht einig»: US-Präsident Donald Trump begründet die Entlassung seines Aussenministers.AFP

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Aussenminister Rex Tillerson war gerade in Afrika unterwegs, als er erfuhr, wie überflüssig er ist. Bei einem Gespräch im Weissen Haus mit Abgesandten aus Südkorea hatte Donald Trump spontan entschlossen, dass es eine prima Sache sein könnte, sich mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un zu treffen. Der Präsident hielt es nicht nur für unnötig, vorher seinen Aussenminister zu informieren – oder gar um Rat zu fragen –, er überliess es auch einem Beamten aus Seoul, vor die Presse zu treten und eine der spektakulärsten Wenden in der Geschichte der US-Aussenpolitik zu verkünden.

Das war nicht respektvoll gegenüber Rex Tillerson, aber immerhin war es ehrlich. Denn was immer Trump vor gut einem Jahr dazu getrieben haben mag, den Ölmann aus Texas zum Minister zu machen – davon war schon längst nichts mehr übrig. Es gab kaum ein Thema, bei dem der Präsident und sein Minister nicht überkreuz lagen. Ausländische Diplomaten mussten nur Trumps Twitter-Nachrichten lesen, um zu erfahren, dass der US-Aussenminister bei Amerikas Aussenpolitik nichts mitzureden hat.

Tillerson «verschwendet seine Zeit», wenn er Nordkorea mit Diplomatie einhegen wolle, kommentierte der Präsident einmal. Das war, als Trump selbst dem «Raketenmann» in Pyongyang noch mit Krieg drohte und bevor er auf die Idee mit dem Gipfeltreffen mit Kim kam. Von dem war wiederum Tillerson nicht so begeistert. Der Minister bevorzugte den traditionellen Ablauf solcher Verhandlungen – multilaterale Gespräche, eine verifizierbare Vereinbarung, dann vielleicht ein Gipfel. Für Trump ist das Nordkorea-Ding hingegen wie ein grosser Immobiliendeal, den der Chef besser persönlich abschliesst. Er weiss und kann es ja ohnehin besser als all die ­Gestalten in seinem Kabinett. Tillerson störte dabei, seine Kündigung am Dienstag und die Berufung von CIA-Direktor Mike Pompeo ins State Department – beides per Twitter natürlich – waren daher nur konsequent.

Man kann das, was gerade in Washington passiert, auf zwei sehr unterschiedliche Arten interpretieren. Die eine: Trump ist im freien Fall, und irgendwann kommt der Aufschlag. Die «Erwachsenen», wie sie in der Hauptstadt genannt werden, die Vernünftigen und Gemässigten, die mit Sorge sehen, wie Trump aussen- und innenpolitisch herumfuhrwerkt, drängeln zum Ausgang. Vor ein paar Tagen warf Gary Cohn hin, Trumps führender Wirtschaftsberater. Zuvor hatte der Präsident über seinen Kopf hinweg Importzölle auf Stahl und Aluminium verhängt.

Jetzt also folgt Tillerson. Und mit ihm einer seiner ranghöchsten Mitarbeiter im Aussendepartement, der gestern ebenfalls entlassen wurde. Nach ­allem, was man hört, stehen auch Stabschef John Kelly und Sicherheitsberater H. R. McMaster kurz davor, rausgeworfen zu werden oder hinzuschmeissen. Gehen sie auch noch, so die Befürchtung, dann bleiben nur Hardliner und Ideologen zurück, die einen Präsidenten beraten, der für das simple Weltbild und die brachialen Ratschläge von Hardlinern und Ideologen durchaus anfällig ist.

Letzter Arbeitstag: Rex Tillerson besteigt am 12. März das Flugzeug in Abuja, Nigeria. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Leute mithin wie Mike Pompeo, der künftige Aussenminister. Westliche Gesandte in Washington reden über den ehemaligen Kongressabgeordneten stets mit einem leichten Gruseln in der Stimme. Pompeo gilt als harter Hund, der nicht allzu viel weiss über die Rolle Amerikas in der Welt, den Themen wie Verbündete, Allianzen und völkerrechtliche Verpflichtungen aber auch nicht besonders interessieren. Pompeo denke in anderen, weniger sympathischen Kategorien, sagt ein Diplomat – nationale Interessen und militärische Macht.

Trump schwimmt sich frei

Damit ist man bei der zweiten Interpretation der Vorgänge in Washington. Sie lautet: Trump schwimmt sich frei. Er wirft die Fesseln ab, die ihm das Establishment anlegen wollte, indem es ihn mit lauter untrumpischen Beratern umstellte. Die ersetzt Trump nun durch Leute, die zu ihm passen, und er macht, was er will.

Das ist eine verbreitete Sichtweise in den USA, und sie löst bei vielen weit weniger Fassungslosigkeit aus, als das etwa in Europa der Fall ist. Die Republikaner, einst die Partei, die für Freihandel eintrat und Amerika als Führungs- und Ordnungsmacht in der Welt sah, haben Trumps Schwenk hin zu Protektionismus und Isolationismus ohne grösseres Geschrei mitgemacht. Es gibt ein Grüppchen renitenter Republikaner, die auch jetzt wieder motzen, doch es sind immer die gleichen, und ihr Einfluss ist gering. Und Trumps Wähler sind ohnehin begeistert. Sie sehen, was sie sehen wollen – und was Trump ja immer sein wollte: ein Präsident, der nicht buckelt, sondern mal krachend auf den Tisch haut. Egal, was dabei zu Bruch geht.

Die Welt kann daher entsetzt aufschreien, so viel sie will. Ein Handelskrieg, ein Gipfel mit einem Diktator, der sein Volk quält und seine halbe Familie hat hinrichten lassen, Minister- und Beraterabgänge – für Trump sind es die besten Tage seiner Amtszeit. Trump ist endlich Trump. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 20:03 Uhr

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