Feuer frei in Brasilien

Der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro will das Land umkrempeln. Er plant auch einen Krieg – gegen die Natur.

Anhänger von Jair Bolsonaro feiern Ende Oktober in Rio de Janeiro mit einer Gewehr-Attrappe dessen Wahlsieg. Foto: Silvia Izquierdo (AP, Keystone)

Anhänger von Jair Bolsonaro feiern Ende Oktober in Rio de Janeiro mit einer Gewehr-Attrappe dessen Wahlsieg. Foto: Silvia Izquierdo (AP, Keystone)

Es lohnt sich jetzt, noch einmal bei João Gilberto reinzuhören: «Chega de saudade», das Lied, das vor 60 Jahren alles verändert hat. 1 Minute und 59 Sekunden eher dahingehauchte als gesungene Melancholie, die eine unerhörte Lässigkeit ausstrahlte: «Genug mit der Sehnsucht! Die Realität ist, dass es ohne sie keinen Frieden gibt, keine Schönheit. Nur Traurigkeit.»

João Gilberto hat mit dieser Aufnahme den Bossa Nova erfunden, die vielleicht leiseste und unaufgeregteste Revolution der Musikgeschichte ausgelöst. Er hat damit aber auch ein weltweites Image von Brasilien geprägt, das bis heute überdauert hat. Es ist das Image von einem Land, das recht chaotisch sein mag, aber dennoch liebenswürdig ist. Und so schön, dass es manchmal wehtut. Ein Land, das sich selbst nicht zu wichtig nimmt und bei allem, was schiefläuft, stets federleicht wirkt. Der Verdacht liegt nahe: Dieses Land existiert nicht mehr.

Wer muss Angst haben?

Mit Blick auf den 1. Januar 2019, wenn Jair Bolsonaro als Staatschef vereidigt wird, stehen in Brasilien ernsthaft wieder solche Fragen im Raum: Darf man dann noch sagen, was man denkt? Singen, wonach einem der Sinn steht? Müssen kritische und provokative Künstler wieder flüchten, so wie zu Zeiten der Militärdiktatur? Können sich schwule und lesbische Paare noch öffentlich küssen, ohne Gefahr zu laufen, verprügelt zu werden? Ist Brasilien schon ein evangelikaler Gottesstaat oder nur auf dem Weg dorthin? Sollte man noch einmal die «Folha de S. Paulo» kaufen, die grösste Zeitung des Landes, bevor sie plattgemacht wird? Verschwinden die indigenen Schutzgebiete? Wird der grösste Regenwald des Planeten zur Abholzung freigegeben? Dürfen Polizisten und Milizen künftig erschiessen, wen sie wollen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen? Wie lange hält die viertgrösste Demokratie der Welt das alles aus?

Bolsonaros Markenzeichen ist eine Geste, bei der er mit den Händen Gewehr-Geballer andeutet.

Es ist nicht davon auszugehen, dass der künftige Präsident die Demokratie schützen wird. Er wurde demokratisch gewählt, seine Einstellung zu diesem System gab er aber schon 1993 als junger Parlamentsabgeordneter preis: «Ich bin für eine Diktatur. Wir werden niemals die grossen nationalen Herausforderungen mit dieser unverantwortlichen Demokratie lösen.»

Pistolen in der Nachttischschublade

Das Brasilien, das Bolsonaro repräsentiert, hat überhaupt nichts Leichtes, nichts Leises, nichts traurig Schönes. Vielfach angedroht ist jedenfalls ein Brasilien der Härte, der Gewalt, der Vorherrschaft des wehrhaften Mannes. Der Hauptmann der Reserve hat die Wahl am 28. Oktober unter anderem mit dem Versprechen gewonnen, die Gesellschaft zu bewaffnen. Er hat fast 58 Millionen Wähler davon überzeugt, dass sie sich unter seinem Regiment wieder stark und sicher fühlen können. Mit Pistolen in der Nachttischschublade. Mit einem ganzen Strauss an Feindbildern: Kommunisten, Künstler, Journalisten, Homosexuelle, Ungläubige – und nicht zuletzt: Weicheier aller Art.

«Brasilien über alles. Gott über allen», das war Bolsonaros Wahlkampfslogan. Sein Markenzeichen ist eine Geste, bei der er mit beiden Händen Maschinengewehrgeballer andeutet. Der Nationalheld des neuen Präsidenten und seines engen Zirkels ist nicht etwa João Gilberto, sondern erklärtermassen Carlos Alberto Brilhante Ustra, der 2015 verstorbene Folterknecht der Militärdiktatur. Dennoch ist jetzt nicht der Moment, um das andere Brasilien, das Brasilien aus «Chega de saudade» für tot zu erklären. Zwei Kontinuitätslinien gibt es in diesem Land: die Schamlosigkeit seiner Eliten. Und die Kreativität seiner Unterdrückten. Fast alles, was Brasilien an grossen Kulturleistungen produziert hat, alles, wofür es in den Augen der Welt steht, stammt von den Marginalisierten, Abgedrängten, Schwachen oder, um es im Bolsonaro-Jargon zu sagen, den Weicheiern.

Klagelied gegen Rassismus

Das geht schon los mit dem Samba, der von den Nachfahren der schwarzafrikanischen Sklaven erfunden wurde. Seine Ursprünge liegen im Klagelied gegen den Rassismus, seine Essenz ist das Subversive. Der Karneval von Rio, der als «die grösste Show des Planeten» vermarktet wird, ist das Hochfest von Rios Favelas, den rund 1000 Armenvierteln der Stadt. Von dort stammt auch der Baile Funk, der bedeutendste, erfolgreichste brasilianische Musikstil der Gegenwart. Heute, im Bolsonaro-Staat, sind es wieder die Unterdrückten, die Brasilien vorantreiben. Schwule, die sich zum öffentlichen Küssen treffen. Journalisten, die gegen die Lügenkampagnen in den sozialen Netzwerken anschreiben. Künstler, die Ausstellungen mit Crowdfunding finanzieren. Indigene, die mit Pfeil und Bogen gegen das Kettensägenmassaker am Amazonas demonstrieren. Und Mangueira, eine der grössten und traditionsreichsten Sambaschulen von Rio, wird beim Karneval 2019 eine Hommage an Marielle Franco aufführen, die schwarze lesbische Politikerin, die im März dieses Jahres auf offener Strasse ermordet wurde.

Diesem Brasilien sollte die freie Welt im Jahre 2019 dringend beistehen. Das ist sie auch den rund 90 Millionen brasilianischen Wahlpflichtigen schuldig, die am 28. Oktober nicht für Bolsonaro gestimmt haben.

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