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Wer redet hier von «Schweinejournalismus»?

Die «Weltwoche» fordert, die Medien hätten das Trump-Dossier nicht publizieren dürfen, weil dessen Vorwürfe nicht bewiesen sind. Das ist absurd.

Die «Weltwoche» bezeichnet das Trump-Dossier als «Abfall» und hält anderen Medien Moralpredigten.
Die «Weltwoche» bezeichnet das Trump-Dossier als «Abfall» und hält anderen Medien Moralpredigten.

Wann ist es legitim, Vorwürfe gegen eine Person publik zu machen? In den USA ist eine Debatte über die Frage entbrannt, ob das Internetportal «Buzzfeed» mit der Veröffentlichung eines 35-seitigen Dossiers über Donald Trump richtig gehandelt hat. Laut dem Bericht besitzt die russische Regierung kompromittierendes Material über Trump. So soll der russische Geheimdienst den damaligen Geschäftsmann 2013 gefilmt haben, als er in einem Moskauer Hotel angeblich Prostituierte empfing. «Buzzfeed» verteidigte seinen Entschluss mit dem Argument, Transparenz schaffen zu wollen. Die Kritiker entgegnen, es gehe nicht an, unbewiesene Behauptungen zu verbreiten.

In der Schweiz haben die «Weltwoche» und deren Herausgeber Roger Köppel den Medien im Allgemeinen und dem «Tages-Anzeiger» im Besonderen vorgeworfen, die Aussagen des Dossiers aufgegriffen und «paraphrasiert» zu haben. Die «Weltwoche» überschreibt ihre jüngste Medienkolumne in Anspielung auf die Berichte über das Trump-Dossier mit «Schweinejournalismus».

Gravierende Gerüchte

Zutreffend ist das genaue Gegenteil: Amerikanische und europäische Medien haben sich geradezu exemplarisch korrekt verhalten. Denn die Vorwürfe gegen Trump zirkulierten bereits im vergangenen Oktober, wurden aber von den wichtigen Publikationen so lange ignoriert, wie es sich um folgenlose Gerüchte handelte. Dann stuften die wichtigsten vier amerikanischen Geheimdienstchefs diese Gerüchte als so gravierend und potenziell gefährlich ein, dass sie Obama, Trump sowie mehrere Mitglieder des Kongresses darüber informierten. Das ist unbestreitbar ein Vorgang von öffentlicher Bedeutung, über den zu informieren die Medien nicht nur das Recht haben, sondern die Pflicht. Ob man dabei das Dossier im Wortlaut publizieren soll, darüber lässt sich streiten. Seinen Inhalt zu «paraphrasieren», ist aber unvermeidlich, weshalb sich «Buzz­feed» durchaus auf den Standpunkt stellen kann, die Publikation des Originals sei Umschreibungen vorzuziehen. Legitim ist dies so lange, wie man erwähnt, dass die Vorwürfe nicht bewiesen sind.

Moralpredigten, wonach unbewiesene Anschuldigungen nicht veröffentlicht werden dürfen, sind polemischer Unsinn und ethisch aufgemotzte Heuchelei. Nach dieser Logik müssten die Medien, um zwei zufällig gewählte Beispiele zu nennen, auch die Korruptions­vorwürfe gegen den früheren französischen Staatschef Nicolas Sarkozy oder gegen den brasilianischen Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva verschweigen, denn letztinstanzlich bewiesen sind sie nicht. Richtig ist, dass ein Medium nicht leichtfertig Anschuldigungen publizieren, sondern mehrere Kriterien beachten soll: Es muss sich um eine Person von öffentlicher Bedeutung handeln, und die Verdachtsmomente müssen relevant sein. Der erste Punkt trifft auf Trump zweifellos zu, der zweite ergibt sich daraus, dass die Gefahr der Erpressbarkeit durch die russische Regierung besteht. Ein weiteres Kriterium ist die Glaubwürdigkeit der Quelle oder deren institutionelle Bedeutung.

Alle waren gegen ihn

Im Fall Trump lässt sich Folgendes festhalten: Der Urheber des Dossiers, der ehemalige britische Geheimdienstmitarbeiter Christopher Steele, gilt laut britischen Zeitungen bei seinem früheren Arbeitgeber sowie bei CIA und FBI als äusserst seriös. In diesem Sinne hat sich auch Andrew Wood, der frühere britische Botschafter in Moskau, geäussert. Was Steeles Glaubwürdigkeit hingegen mindert, ist, dass er im Auftrag von Trumps Gegnern recherchierte. Dennoch machen es sich Trump und dessen Anhänger allzu leicht, wenn sie Steeles Ergebnisse kurzerhand als «Abfall» und «Fake-News» bezeichnen.

Die Genugtuung, gewonnen zu haben, obwohl sich fast alle nationalen und internationalen Medien gegen ihn ausgesprochen und nie und nimmer mit seinem Sieg gerechnet hatten, sei dem neuen US-Präsidenten gegönnt. Sein unerwarteter Triumph zwingt Journalisten, Motive und Forderungen seiner Wähler ernsthafter zu analysieren, als sie es zuvor getan hatten. Es gibt aber nicht den geringsten Grund, die Kritik an Trump und seinem antiliberalen Programm, seinem ungelösten Interessenkonflikt und seinen irrlichternden Auftritten – wie jenem am Samstag vor der CIA – zu mildern oder zurückzunehmen.

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