Eine Partei im Rausch

Rassisten werden hofiert, Kritiker ausgebuht: Ein Treffen der US-Konservativen geriet zur zügellosen Orgie ohne Anstand.

Selbstverliebtes Spässchen: Donald Trump an der Conservative Political Action Conference (CPAC) über seine Haarpracht. Video: TA/AP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der SVP-Feuerzauber jedes Jahr im Januar im Albisgüetli ist eine charmante Petitesse im Vergleich zum alljährlichen Treffen der konservativen Elite der USA auf der Conservative Political Action Conference (CPAC) in oder nahe Washington. Nicht gehobelt wird dort, sondern abgeholzt. Und nie war der Kahlschlag beeindruckender als vom Donnerstag bis zum Samstag der vergangenen Woche: Lustvoll unterwarfen sich die «Bewegung» und ihre Hauptakteurin, die Republikanische Partei, dem grossen Dompteur Donald Trump.

Was 2016 beim innerparteilichen Vorwahlkampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur verhalten begonnen hatte, reifte vergangene Woche zur Vollendung: 90 Prozent der CPAC-Anwesenden aus konservativen Verbänden, Medien und Lobbys bezeichneten sich in einer Umfrage am Rande der Konferenz als Trumpisten.

Politik des Mittelfingers: US-Präsident Donald Trump an der Conservative Political Action Conference. Foto: Chris Kleponis (Epa, Keystone)

Wie der Herr, so das Gescherr: Nie gebärdete sich CPAC radikaler, niemals auch ist ein republikanischer Präsident wie Trump im Stil eines Caudillo vor den CPAC-Getreuen aufgetreten. Der lodernde Eifer sowie die Zügellosigkeit einiger Auftritte erinnerten freilich stark an den verwirrten Zustand der US-Linken gegen Ende der Sechzigerjahre. Sie überspannte den Bogen und bereitete den Boden für Ronald Reagans konservative Machtübernahme 1981.

Die Vorgaben des Treffens diktierte der Meister selbst: In seiner Rede am Freitag warnte Trump vor den «abscheulichen» Konsequenzen der US-Einwanderungslotterie wie vor der «Ketteneinwanderung» von Verwandten bereits Eingewanderter. Sicherlich bezog der Präsident seine Warnung nicht auf die Eltern seiner slowenischen Ehefrau Melania, die dank der Tochter bald US-Pässe erhalten werden.

Die CPAC-Menge hätte dafür Verständnis gezeigt. Auf Trump liess sie nichts kommen, den politischen Gegner aber diffamierte sie umso kräftiger. So behauptete etwa NRA-Sprecherin Dana Loesch, die Mainstream-Medien liebten «Massenschiessereien». Wohl der Quote wegen. Überhaupt steht es schlimm ums Vaterland: Der Nationalist Sebastian Gorka, einst Gehilfe von Steve Bannon im Weissen Haus, ehe er geschasst wurde, sprach der CPAC-Gemeinde aus dem Herzen, als er behauptete, es brauche «mindestens 16 Jahre, damit wir unsere Republik zurückgewinnen». Acht Jahre Trump, danach acht Jahre Mike Pence – und schon erstrahlt die Republik in alter Schönheit!

Im Dunst der ideologischen Trunkenheit regte sich der Anstand des abservierten republikanischen Konservatismus.

«Eine Republik, so ihr sie behalten könnt», beantwortete Gründervater Ben Franklin 1787 in Philadelphia die Frage einer Passantin, was die neue amerikanische Verfassung wohl bringen werde. Was immer Franklin vorschwebte: Gorkas und Trumps Republik war es gewiss nicht.

War Trump noch vor zwei Jahren eine Lachnummer für viele republikanische Aktivisten, so ist er inzwischen zur Ikone mutiert: Niemals werde man vom Präsidenten lassen, versicherte der einflussreiche Radio-Talker Mark Levin. «Nur über unsere Leichen» werde «die Linke» den Präsidenten besiegen, rief Levin die CPAC-Freiwilligen zum Kamikaze auf.

Im Dunst der ideologischen Trunkenheit regte sich der Anstand des von Trump abservierten traditionellen republikanischen Konservatismus. Als dessen Fähnrich trat die Kolumnistin Mona Charen auf, eine Autorin beim konservativen Magazin «National Review» und unter anderem Redenschreiberin von Nancy Reagan.

Bei einem Podiumsgespräch am Samstag über #MeToo warnte Charen das CPAC-Publikum vor «Heuchelei in Sachen sexuelle Belästigung». Denn Männer, die Frauen missbrauchten, seien «in der Partei» und «im Weissen Haus» zu finden. Die Anspielung auf ihren grapschenden Anführer («wenn du ein Star bist, kannst du alles machen») missfiel der Menge, Charen wurde laut ausgebuht.

Video – Interne Kritikerin ausgebuht Die republikanische Kolumnistin Mona Charen erntet nach Bemerkungen zu #MeeToo und Marion Maréchal-Le Pen Buhrufe. Video: Youtube/CNN

Nicht besser wurde ihre Kritik am CPAC-Auftritt von Marion Maréchal-Le Pen, der Enkelin von Jean-Marie Le Pen, aufgenommen. Ihr Grossvater sei «ein Rassist und ein Nazi», die CPAC-Einladung «eine Schande», erklärte Charen. Sie und nicht Le Pen sei «eine Schande», schallte es Charen daraufhin aus dem Auditorium entgegen. So feindselig reagierte das Publikum, dass die Abweichlerin nach dem Ende des Podiumsgesprächs vorsichtshalber von drei Sicherheitskräften bis zum Ausgang begleitet wurde.

«Nazi-Enkelin»: Marion Maréchal-Le Pen spricht an der CPAC. Foto: Jim Lo Scalzo (Epa, Keystone)

Am Sonntag meldete sich Charen dann in einem Beitrag in der «New York Times» zu Wort. «Ich bin mein gesamtes Leben konservativ gewesen», erklärte sie und beklagte die feindliche Übernahme ihrer Partei durch die Trumpisten, von ihr als «schlimme Akteure» bezeichnet. Republikanische «Politiker, Aktivisten und Intellektuelle» hätten «mit abstumpfender Regelmässigkeit alle Prinzipien betrogen, die sie einst befolgten», so Charen.

Wen kümmerts schon? Die Republikanische Partei hat einen Teufelspakt mit Donald Trump abgeschlossen, und die CPAC-Show lieferte dafür neuerlich den Beweis. Allerdings drängt sich der Verdacht auf, Trump werde die Partei wie vormals seine Hotels in den Bankrott führen und als Ruine hinterlassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2018, 10:43 Uhr

Artikel zum Thema

Der Mann, der Wert auf Anstand legt

Der Republikaner Mitt Romney, ein erklärter ­Gegner von US-Präsident Donald Trump, könnte Senator werden. Mehr...

Warum es nicht zur Revolte gegen Trump kommt

Analyse Die republikanische Kritik an Donald Trump wird lauter. Bewegen aber wird sie nichts: Die Kongressrepublikaner haben sich aus Eigennutz an ihn gekettet. Mehr...

Das ist der Republikaner, der gegen Trumps Steuerreform stimmte

Der Senator Bob Corker dürfte den Präsidenten in den kommenden Monaten noch gewaltig nerven. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...