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Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

US-Präsident Barack Obama hat die Klimadiskussion neu belebt. Aber in dieser Frage gibt es weder eine absolute noch eine unbequeme Wahrheit. Es ist wie beim Pokern: Nur die Wahrscheinlichkeit zählt.

Perfekte Inszenierung: Obama trocknet sich während seiner Rede zum Klimaschutz die Stirn.
Perfekte Inszenierung: Obama trocknet sich während seiner Rede zum Klimaschutz die Stirn.
Larry Downing, Reuters

In seiner Rede vor Studenten an der Georgetown University in Washington brillierte US-Präsident Barack Obama nicht nur rhetorisch, sondern formulierte auch ehrgeizige Ziele. «Ich will, dass Amerika das Rennen um eine saubere Umwelt gewinnt», sagte er in Anspielung auf die Cleantech-Bemühungen von Deutschland und China. «Aber um zu gewinnen, müssen wir auch mitmachen.» Gleichzeitig nannte Obama eine konkrete Zahl: Bis ins Jahr 2020 sollen die Treibhausgase in den USA um 17 Prozent gesenkt werden.

Die politische Reaktion auf Obamas Rede war vorhersehbar und folgte auf dem Fuss. Der Präsident habe einen «Krieg gegen die Kohle» ausgerufen, jammerten die Konservativen und beteten die sattsam bekannte Litanei gegen Umweltschützer herunter: Teurere Energie würde Jobs vernichten, und überhaupt sei gar nicht bewiesen, dass mehr CO2 auch zu einer Erwärmung des Planeten führen würde. Politisch hat der Präsident derzeit auch keine Chance, wirksame Gesetze gegen die Klimaerwärmung durch das Parlament zu bringen. Das verhindert eine Mehrheit der Republikaner im Repräsentantenhaus. War also alles nur Show?

Es herrscht ein Glaubenskrieg

Die Diskussion um die Klimaerwärmung ist zu einem Glaubenskrieg verkommen. In dieser Situation nützen neue wissenschaftliche Erkenntnisse wenig. Nate Silver, das neue Wunderkind der Statistik, zitiert dazu in seinem Buch «The Signal and the Noise» eine in der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlichte Studie. Diese zeigt laut Silver, «dass je besser die politischen Partisanen über die Klimaerwärmung informiert waren, desto weniger verstehen sie einander».

Der Grund liegt darin, dass die Klimaerwärmung ein äusserst komplexes System ist. In solchen Systemen gibt es keine absoluten Wahrheiten. Viel sinnvoller ist es, mit Wahrscheinlichkeiten zu operieren. Wie man dies tut, hat der schottische Pfarrer Thomas Bayes schon im 18. Jahrhundert hergeleitet mit dem berühmten Satz von Bayes.

Wie beim Poker, so in der Forschung

Ohne auf die grusligen Details des Satzes von Bayes einzugehen, geht es um Folgendes: Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem komplexen System ein bestimmtes Phänomen auftritt, variiert zwischen 0 (gar nicht) und 1 (mit absoluter Sicherheit). Die Berechnung der Wahrscheinlichkeit erfolgt aufgrund der bekannten Daten. Gute Pokerspieler können deshalb aufgrund der bereits gespielten Karten besser Schlüsse ziehen, was für Karten die Gegner haben könnten.

Was im Pokern gilt, gilt oft auch in der Wissenschaft. Wetterprognosen beispielsweise sind ebenfalls ein sehr komplexes Phänomen (der Flügelschlag eines Schmetterlings kann bekanntlich einen Sturm auslösen), doch dank Big Data und neueren Modellen sind zumindest die kurzfristigen Prognosen in den letzten Jahren viel präziser geworden. Bei der Voraussage von Erdbeben hingegen tappt die Wissenschaft noch weitgehend im Dunkeln.

Starke Signale in einem sehr lärmigen Umfeld

Die Klimaerwärmung liegt irgendwo dazwischen. In vielen Bereichen herrscht Übereinstimmung. «Eine 2008 unter Wissenschaftlern durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass 94 Prozent von ihnen überzeugt sind, dass es dieses Phänomen gibt. 84 Prozent glauben auch, dass es von Menschenhand gemacht ist», stellt Silver fest. Unbestritten ist auch, dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre zunimmt. Vor ein paar Wochen hat er erstmals 400 ppm, sprich Millionstel überschritten.

Weniger klar hingegen sind die Auswirkungen des erhöhten CO2-Anteils auf die Temperatur. Das bedeutet: In der Theorie über die Klimaerwärmung gibt es starke Signale, in der praktischen Auswirkung hingegen gibt es noch sehr viel Lärm. Die Wissenschaftler befinden sich so in einer vergleichbaren Situationen wie der Pokerspieler. Sie müssen aus wenigen bekannten Fakten in einem sehr lärmigen Umfeld Schlüsse für die Wahrscheinlichkeit des Auftretens bestimmter Phänomene ziehen. Dazu benützen sie den Satz von Bayes.

Die Wahrscheinlichkeit spricht für die Klimaerwärmung

Genau dies tut auch der zum Star-Statistiker mutierte ehemalige professionelle Pokerspieler Nate Silver. Die Herleitung zu diskutieren, würde den Rahmen sprengen. Die Schlussfolgerung lautet: «In der wissenschaftlichen Debatte um die Klimaerwärmung scheint die Wahrheit mehrheitlich auf einer Seite zu sein: mit grösster Wahrscheinlichkeit existiert der Treibhauseffekt und er wird durch menschliche CO2-Emissionen verstärkt. Das wird den Planeten wahrscheinlich erwärmen. Die Auswirkungen dieser Erwärmung sind ungewiss, aber tendieren für die Menschheit zu wenig vorteilhaften Szenarien.»

Mit anderen Worten: Auch wenn wir einen ungewöhnlichen nasskalten Frühling erlebt haben und der Sommer immer noch auf sich warten lässt – die Wahrscheinlichkeit spricht klar für die Klimaerwärmung.

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