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Ein Totengräber in Todesgefahr

Der Totengräber Jesus Antonio Hernandez muss um sein Leben fürchten. Sein Haus wurde bereits angezündet. Wie ein Mann wegen seines Berufs in Kolumbien zwischen die Fronten gerät.

Zwischen die Fronten geraten: Totengräber Jesus Antonio Hernandez (r.) trägt zwei Beutel mit menschlichen Überresten in La Macarena, Kolumbien.
Zwischen die Fronten geraten: Totengräber Jesus Antonio Hernandez (r.) trägt zwei Beutel mit menschlichen Überresten in La Macarena, Kolumbien.
Keystone

Der Totengräber Jesus Antonio Hernandez wurde im Mai in seinem Geschäft an der Ecke von mutmasslichen Guerilleros beschossen. Immer wieder bekommt er Morddrohungen am Telefon. Es ist sein Beruf, der ihn mitten in den alten Konflikt zwischen Regierung und Rebellen in Kolumbien hineingezogen hat. In der abgelegenen, wilden Bergregion Macarena versucht die Regierung mit einem Modellprogramm zur Bekämpfung der Aufständischen, Herr der Lage zu werden. Unterstützt wird das Programm von den USA: Wenn es in dieser gesetzlosen Gegend gelingt, das Staatswesen - mit Polizei und Justiz, Schulen, Strassen, Arbeitsplätzen - fest zu etablieren, so die Überlegung, dann könnte das auch in Afghanistan funktionieren.

Ob die Fortschritte von Dauer sind, ist noch nicht ausgemacht. Das ist eine der grössten Herausforderungen für den neuen Präsidenten Juan Manuel Santos, der am Wochenende sein Amt antrat. «Wir leben nicht im Paradies. Es gibt immer noch ernste Probleme», räumte der scheidende Staatschef Alvaro Uribe ein.

Die Angriffe der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) sind in jüngster Zeit wieder aufgeflammt. Allein am Tag der Präsidentenwahl am 20. Juni wurden zehn Soldaten und Polizisten getötet. Neun starben voriges Wochenende, sechs davon bei einem Überfall keine 100 Kilometer von La Macarena entfernt. Von 2006 bis 2009, als Santos Verteidigungsminister war, wurden im Jahresdurchschnitt 473 Mann getötet.

Vertuschung von Menschenrechtsverletzungen

Und dann ist da Hernandez, der Totengräber. Kritiker des Antiguerillaprogramms werfen ihm vor, er helfe bei der Vertuschung von Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimatregion, die die Regierung 2002 von der Farc zurückerobert hatte. Menschenrechtsaktivisten zufolge liegen Hunderte, wenn nicht Tausende unbeteiligte Zivilpersonen in anonymen Gräbern auf dem städtischen Friedhof von La Macarena. Hernandez wird von Farc-Guerilleros unter Druck gesetzt, das zu bestätigen.

«Sie haben mich angerufen und gesagt: 'Du musst sagen, dass da ein Massengrab ist, oder wir bringen dich um'», berichtet der 52-Jährige. Seine Frau und seine Tochter hat er im Januar schon in Sicherheit gebracht. Der Leiter des Aufbauprogramms in der Region, Alvaro Balcazar, erklärt allerdings, in fast allen der 300 bis 400 anonymen Gräber auf dem Friedhof seien im Kampf gefallene Rebellen beigesetzt.

Die Regierung muss eine argwöhnische Bevölkerung auf ihre Seite ziehen, die über vier Jahrzehnte unter der Herrschaft der Farc gelebt hat. Die Rebellen stellten sogar eigene Ausweispapiere und Landbesitzurkunden aus.

Seit Ende der 90er Jahre, als der Staat dem Kollaps nahe war, hat es Kolumbien schon weit gebracht. Die Zahl der Entführungen und Morde ist dramatisch zurückgegangen. Die Rebellen sind schwer getroffen, durch Desertion geschwächt, und sie wurden tief ins Hinterland gedrängt.

Kokaplantagen waren «die Bank der Farc»

In den Aufbauplan für die Region Macarena flossen seit 2007 umgerechnet rund 130 Millionen Euro; rund 23 Millionen Euro steuerten die USA und die Niederlande bei. Fast die Hälfte des Geldes wurde für den - ausschliesslich vom Militär vollzogenen - Ausbau des Strassennetzes verwendet. Ein Fünftel der 100.000 Einwohner hat staatliche Unterstützung erhalten: Fast alle Empfänger waren von der Rodung der Kokaplantagen betroffen, wie der Urheber des Plans und frühere Verteidigungsminister Sergio Jaramillo berichtet.

In Macarena schaffte es die Regierung, rund 85 Prozent des Kokaanbaus zu vernichten - und fast nichts davon wurde wieder angepflanzt. «30 Prozent der weltweiten Kokaproduktion stammten aus dieser Gegend», sagt Jaramillo. «Das war die Bank der Farc.»

Doch die Rebellen haben noch immer gosse Gebiete unter Kontrolle. Erst vorige Woche blockierten sie die einzige Strasse nach La Macarena und schnitten den Ort von Lebensmittel- und Treibstofflieferungen ab. «Weder die Unterdrückung durch die Armee noch die Umtriebe rechtsextremer Milizen sind vorüber, noch die Präsenz der Rebellen. Es gibt viel zu viele Menschenrechtsverletzungen», sagt der Jesuitenpriester Javier Giraldo, der eine Parlamentsanhörung vorigen Monat in La Macarena zu den Gräbern auf dem Friedhof mit organisierte.

Ermittlungen zu 2000 Morden an Zivilisten unter Uribe

Rund 1000 Menschen kamen zu der Anhörung, an der auch europäische Abgeordnete teilnahmen. Die 39-jährige Luz Eli Porras sagte aus, ihr Mann Javier Enteno Acuna und zwei Freunde hätten Soldaten beim Viehdiebstahl erwischt und seien am 30. November 2006 von Soldaten gefoltert und ermordet worden. Dann habe man sie als Rebellen ausgegeben, die im Kampf getötet worden seien.

Gerardo Borda berichtete, wie sein 18-jähriger Sohn Everardo am 14. Januar 2008 zur Ernte aufs Feld ging und von Soldaten verschleppt wurde. Ein Jahr später habe er einen Brief bekommen mit der Mitteilung, sein Sohn sei als Guerillero im Kampf getötet worden.

Staatsanwälte ermitteln in fast 2000 Fällen

Regierungsvertreter wie Balcazar sagen, die Leute seien von der Farc gezwungen worden, zu der Anhörung und zu Demonstrationen zu erscheinen. Einige der vorgebrachten Fälle von Mord und Verschleppung würden von den Behörden untersucht, bei anderen habe es sich um Zufälle gehandelt. Drei Tage nach der Anhörung flog Uribe ein, lobte die neben dem Friedhof stationierte Elitetruppe und beschuldigte die Farc, die Sicherheitsbemühungen der Regierung abwürgen zu wollen.

Landesweit ermitteln die Staatsanwälte in fast 2000 Fällen, in denen das Militär seit Uribes Amtsantritt 2002 unbeteiligte Zivilpersonen getötet haben soll. Menschenrechtler werfen der Regierung vor, bis zu der Anhörung die anonymen Toten auf dem Friedhof von La Macarena ignoriert zu haben. Die Generalstaatsanwaltschaft wollte dazu nicht Stellung nehmen. Im Vertrauen berichteten Beamte aber, sie hätten im Februar zu ermitteln begonnen und am 21. Juli, einen Tag vor der Anhörung, die ersten vier Leichname exhumiert.

dapd Frank Bajak/bru

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