Ein grosses Opfer

Hintergrund

Treten in den USA die drohenden Budgetkürzungen in Kraft, trifft das die Hauptstadt Washington besonders hart. Im Rest des Landes würde dies Genugtuung auslösen.

  • loading indicator
Martin Kilian@tagesanzeiger

Falls sich der demokratische Präsident und die republikanische Opposition im US-Kongress nicht bis zum Wochenende einigen, wird der amerikanische Bundeshaushalt querbeet gekürzt. Die Amerikaner ausserhalb Washingtons mögen den Einsparungen mit Bangen entgegensehen, einig aber sind sie sich in ihrer Schadenfreude über das Schicksal der Hauptstadt: Wie keine andere Region werden Washington und seine Vorstädte in den Staaten Virginia und Maryland bluten müssen.

Seit geraumer Zeit verfolgen die Amerikaner mit zunehmendem Missmut den Aufstieg ihrer Hauptstadt zur wohlhabendsten Region des Landes. Besonders im Gefolge von 9/11 labte sich Washington wie nie zuvor am Trog des Staats. Tausende Firmen machen beste Geschäfte mit der Regierung, Consulting und die Privatisierung staatlicher Funktionen vor allem im Sicherheitsbereich blühten. Dass die Armut in den afroamerikanischen Quartieren der Hauptstadt schändlich wie eh und je ist, verstärkt nur den Kontrast zum neuen Reichtum der Region: Mit Ausnahme Manhattans und einiger Kreise im nördlichen Kalifornien befinden sich die reichsten Countys und Gemeinden des Landes sämtlich in der Region Washington.

Von der Provinzstadt zur Metropole

Das staatliche Füllhorn garantiert niedrige Arbeitslosigkeit und hohe Einkommen, wovon feine Restaurants und teurere Geschäfte profitieren. Bot Washington noch vor drei Jahrzehnten eher den Eindruck einer Provinzstadt, so hat sich die Hauptstadt dank des vielen Zasters inzwischen zu einer wahren Metropole gemausert. Allerorten entstehen teure Eigentumswohnungen, die Lebenshaltungskosten steigen steil nach oben.

Draussen im Land wurde der Aufstieg der Hauptstadt freilich mit wachsendem Argwohn verfolgt. Immerhin war Washington der Ort, an dem bestens alimentierte Politicos und wuchernde Bürokratien das Geld der Steuerzahler verprassten und im Gefolge staunenswerte Defizite und Staatsschulden anhäuften. Nicht nur die Tea Party gewahrte am Potomac ein fiskalisches Versailles, wo Präsidenten wie Sonnenkönige agierten und Senatoren und Abgeordnete sorglos mit dem Geld anderer Leute umgingen. Je mehr die Nation über den staatlich finanzierten Wohlstand der Hauptstadt las und hörte, desto mehr fühlte sie sich ausgenutzt und hintergangen.

Genugtuung über das Gürtel-enger-Schnallen

Nun also droht ein Ende des Überflusses: Zehntausende ziviler Pentagon-Bediensteter werden womöglich unbezahlte Ferien nehmen müssen, lukrative Aufträge an Privatfirmen könnten storniert werden und die Manager grosser Behörden der unübersichtlichen Finanzlage wegen harte Sparmassnahmen einleiten. Vorbei wären dann die Zeiten, als jede Woche neue Edelrestaurants und Luxusshops eröffnet wurden. In der Provinz hingegen löste es gewiss Genugtuung aus, wenn Washington den Gürtel enger schnallen müsste.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt