Ein Coupversuch lag in der Luft

Am Parteitag der Republikaner in Cleveland lebt der Geist von Richard Nixon. Donald Trump hat ihn herbeigerufen.

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Martin Kilian@tagesanzeiger

Eigentlich beehren amerikanische Präsidentschaftskandidaten ihre Parteitage erst am letzten Tag. Nicht so Donald Trump. Da er die Republikanische Partei erobert hat, führt sich Trump eben wie ein Eroberer auf. Und flog bereits gestern in Cleveland ein, um, so sagte er, seine Frau Melania vorzustellen. Melania hielt eine Rede vor den Delegierten, damit der hartgesottene Gatte in einem weicheren Licht erscheine.

Trumps Frau Melania spricht zu den Republikanern. (Video: Youtube/CNN)

Während Trump am Morgen des Montags in New York noch letzte Anweisungen für seine Salbung erteilte, traten vor der Arena in Cleveland wie immer bei amerikanischen Parteitagen allerhand politische Hasardeure und Aktivisten auf. Ein Mann mittleren Alters schwang ein Plakat, worauf zu lesen war, dass sowohl Trump als auch Hillary nichts taugten. «Ich bin ein Wähler in der politischen Mitte und mag sie beide nicht», sagte er und hob sein Plakat hoch.

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Schwester Juliana will hingegen die Welt verändern: Mit anderen katholischen Nonnen aus Madison im Staat Wisconsin war sie in einem Bus nach Cleveland gereist. «Nuns on the Bus» nennen sie sich und fragen Passanten, wie mehr soziale Gerechtigkeit in US-Amerika erreicht werden könne. Wieder andere verwahren sich mit Plakaten gegen «Sozialismus», ein Zeitgenosse behauptet, Fossilbrennstoffe «retten Leben», ein anderer rief dazu auf, Jesus zu wählen.

Der lahme Versuch der Trump-Gegner

So ist es eben bei Präsidentschaftskongressen. In der «Quicken Loan Arena» ging es später dann wirklich ernst zu, denn ein Coupversuch lag in der Luft: Die Trump-Gegner unter den Delegierten unternahmen einen letzten lahmen Versuch, King Donald zu stoppen – und wurden abgeschmettert. Mit rechten parlamentarischen Dingen ging es dabei nicht zu, weshalb einer der Initiatoren des Vorstosses, Senator Mike Lee aus Utah, beleidigt feststellte, solches habe man «noch niemals gesehen».

Vielleicht nicht, aber Trump und seine Consigliere haben die Partei, soweit sie sich nach Cleveland bequemt hat, fest im Griff. Abweichler werden nicht geduldet. Dass der republikanische Haufen tief gespalten ist, kümmert Trump nicht. Um so mehr, als die Delegierten dem neuen Führer der Partei Ergebenheit geloben: «Wir wollen Trump», skandieren sie während des versuchten Putsches. Und überhaupt: «Trump, Trump, Trump» hallt es durch die Halle. Dass die Redner am Montagabend nicht erste Garde sind, kann Trump egal sein. Sie sind lediglich Kulisse für ihn, den Kandidaten.

Sie greifen Hillary an wegen des islamistischen Sturms auf das US-Konsulat im libyschen Benghasi, sie beklagen die Verbrechen illegaler Einwanderer, vor allem aber rufen sie wie New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani nach Recht und Ordnung. Denn Trump ist jetzt der Kandidat von Law-and-Order, eine erstaunliche Wiedergeburt Richard Nixons, dessen unseliger Geist durch die Arena schwebt. Wie Trump sprach «Tricky Dick» für die «schweigende Mehrheit», wie Trump schürte er die Ängste der Amerikaner inmitten einer unsicheren Welt.

«Wir hören Sirenen in der Nacht»

«Wenn wir Amerika anschauen, sehen wir Städte in Rauch und Flammen», sagte Nixon in seiner Parteitagsrede 1968 in Miami Beach. «Wir hören Sirenen in der Nacht», sagte er im Jahr, als Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet wurden und Unruhen das Land erschütterten. Nun hören die Amerikaner von Trumps Rednern in Cleveland über die Polizistenmorde in Dallas und Baton Rouge. Sie hören, dass die Fundamente bröckeln. Sie hören von IS und von illegalen Migranten, die Amerikaner umbrachten. Sie spüren, wie ihre Welt wankt und wackelt. «Seid ihr sicherer als vor acht Jahren?», fragt sie Michael McCaul, der Vorsitzende des Heimatschutzausschusses im Repräsentantenhaus.

Nein, sie sind nicht sicherer. Aber Trump wird sie beschützen. Wie Nixon 1968 wird er der Schutzengel der «schweigenden Mehrheit» sein. Und wie Nixons Delegierte in Miami Beach sind auch Trumps Delegierte in Cleveland nahezu vollständig von weisser Hautfarbe. Dazwischen liegt fast ein halbes Jahrhundert, in dessen Verlauf Amerika bunter geworden ist. In Cleveland ist jedoch nichts bunt. Einfarbig kommt Donald Trumps Show daher. Danach befragt, sagt der Kongressabgeordnete und Trump-Fan Steve King aus Iowa: «Keine Untergruppe» habe so viel «zur Zivilisation beigetragen» wie Weisse.

Melania Trump über ihren Mann. (Video: Youtube/CNN)

Melania Trump zeichnete Donald weich

«Macht Amerika wieder sicher», lautet das Motto des ersten Abends. Sicher vor allem für weisse Amerikaner? Und welche Gewähr hat US-Amerika, dass Trump nicht wie Nixon den Staat als Instrument gegen seine innenpolitischen Gegner missbraucht? Könnte Trump die CIA anvertraut werden? Das FBI? Die Steuerbehörde IRS? Oder würde eine Trump-Präsidentschaft ähnlich gesetzlos verlaufen wie die Nixons?

Aber Trump ist nicht Nixon. Das garantiert Melania Trump. Der Kandidat stellte sie gestern Abend vor und sagte: «Wir werden gewinnen, riesig werden wir gewinnen, meine Damen und Herren». Danach kam Melania Trump zu den Klängen von Queens «We Are the Champions» auf die Bühne . Sie pries Amerika und zeichnete Donald weich. «Von ganzem Herzen» wisse sie, dass Donald Trump die Nation niemals enttäuschen werde. «Gütig» und «mitfühlend» sei er, sagte Melania. Also nicht wie Nixon.

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