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Dramatische Befreiungsaktion in Quito

Ein Sonderkommando hat in der Nacht auf heute den Präsidenten von Ecuador aus dem Spital befreit und in den Palast gebracht. Nach der Meuterei ist der Polizeichef zurückgetreten.

Die Schiesserei im Spital wurde von Journalisten (hinten) beobachtet.
Die Schiesserei im Spital wurde von Journalisten (hinten) beobachtet.
Keystone
Wird auch im Palast weiterhin eng beschützt: Präsident Correa.
Wird auch im Palast weiterhin eng beschützt: Präsident Correa.
Keystone
Gespalten: Die Armeeführung stellt sich hinter den Präsidenten. Derweil haben rund150 Soldaten den Flughafen in Quito gestürmt.
Gespalten: Die Armeeführung stellt sich hinter den Präsidenten. Derweil haben rund150 Soldaten den Flughafen in Quito gestürmt.
Keystone
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Der Polizeichef von Ecuador, Freddy Martínez, ist zurückgetreten, nachdem Polizisten aus Protest gegen die Kürzung von Vergütungen Staatschef Rafael Correa stundenlang festgehalten hatten. Das teilte ein Polizeisprecher am Freitagmorgen mit. Martínez wolle seinen Rückzug noch in einer Pressekonferenz erläutern. Dem Polizeichef war es am Donnerstag nicht gelungen, die meuternden Polizisten zu beruhigen.

Sie hatten Staatschef Correa stundenlang in einem Krankenhaus festgehalten, bis Soldaten den Präsidenten unter Schusswechseln aus dem belagerten Gebäude befreiten. Correa warf den Polizisten nach seiner Befreiung vor, «diese Horde von Wilden» habe ihn töten wollen, «sie wollten Blut». Ohne den Einsatz einer regierungstreuen Spezialeinheit «würde ich dies jetzt nicht erzählen, da ich schon in ein besseres Leben übergegangen wäre», berichtete Correa im Präsidentenpalast nach seiner dramatischen Befreiung, bei der nach Angaben des Roten Kreuzes mindestens zwei Polizisten getötet und 37 weitere Menschen verletzt wurden.

Zwei Tote

Unter dem Feuer von Maschinenpistolen haben ecuadorianische Soldaten Präsident Correa aus dem Polizeikrankenhaus befreit, in dem er von meuternden Polizisten belagert festsass. Dabei war es zu heftigen Zusammenstössen zwischen den Polizisten und dem Militär gekommen. Bei den Protesten sind nach Angaben des Roten Kreuzes mindestens zwei Menschen getötet und 37 weitere verletzt worden. Nach Angaben eines Sprechers der Regierung starben zwei Polizisten in einem Spital.

Staatschef Correa sagte nach seiner Befreiung, bei den Schusswechseln sei ein Polizist getötet worden, unter den regierungstreuen Soldaten gebe es fünf Verletzte. Wenig später nannte er nur noch die Zahl von fünf Verletzten.

«Wir wissen, woher sie kommen»

Die Union der südamerikanischen Nationen (UNASUR) kam in der Nacht auf Freitag in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires zu einer Dringlichkeitssitzung wegen der Krise in Ecuador zusammen. «Wir wollen, dass in Ecuador Rechtsstaatlichkeit und Demokratie wieder hergestellt werden», sagte Chiles Staatschef Sebastian Piñera.

Nach seiner Befreiung zeigte sich der 47-Jährige Präsident auf einem Balkon des Präsidentenpalasts. In einer Ansprache bezeichnete er die Unruhen als mehr als nur einfache Proteste. «Dort waren viele Infiltratoren, die als Zivilisten gekleidet waren und wir wissen, woher sie kommen», rief er, äusserte aber keine konkreten Anschuldigungen. Ausserdem dankte er seinen Unterstützern, die zum Krankenhaus gekommen waren, und sagte: «Wir sind bereit, die Demokratie zu verteidigen.»

Kritisiertes Gesetz

Die Proteste richteten sich gegen ein am Mittwoch vom Kongress verabschiedetes Gesetz zur Änderung der Beförderungspraxis. Demnach sollen Angehörige von Polizei und Streitkräften nicht mehr mit jeder Beförderung Medaillen und Boni erhalten. Ausserdem soll der Abstand zwischen zwei Beförderungen von fünf auf sieben Jahre angehoben werden. Das Gesetz ist noch nicht in Kraft getreten, weil es Correa noch nicht unterzeichnet hat.

Zahlreiche protestierende Polizisten blockierten am Donnerstag Strassen und besetzten den internationalen Flughafen Ecuadors. Correa rief daraufhin den Ausnahmezustand aus. Das kritisierte Gesetz entferne Bonuszahlungen und Auszeichnungen aus dem gesamten öffentlichen Sektor, um den Missbrauch von Staatsgeldern zu verhindern, begründete Correa das Gesetz während der Proteste. «Wir wissen, dass die Ecuadorianer das unterstützen.»

Als Präsident oder als Leiche

Bei dem Versuch des Präsidenten mit den aufgebrachten Demonstranten zu reden, gab es am Vormittag vor dem Krankenhaus dramatische Szenen. Den Demonstranten rief Correa zu: «Wenn ihr den Präsidenten töten wollt, hier steht er. Tötet mich!» Wasser und Tränengas gingen auf den 47-Jährigen nieder, der zurück in das Krankenhaus flüchtete. Aus der Klinik sagte Correa telefonisch, die Unruhen seien ein Putschversuch der Opposition. Er sei praktisch ein Gefangener der Protestierenden. Dem Staatsfernsehen sagte Correa aus dem Krankenhaus heraus, dass er die Klinik nur als Präsident oder als Leiche verlassen werde.

Der Kommandeur der ecuadorianischen Streitkräfte äusserste seine Unterstützung für den Präsidenten. In einer im Fernsehen ausgestrahlten Ansprache erklärte er, das Militär stehe loyal zu Correa. Dabei rief er zu einer Wiederaufnahme des Dialogs auf. Dies sei «der einzige Weg, wie Ecuadorianer ihre Differenzen beilegen können.» Auch Correas innenpolitischer Rivale, der Bürgermeister von Guayaquil, Jaime Nebot, sprach sich gegen die Proteste aus. Er erklärte auf einer Pressekonferenz: «Kein Problem sollte mit Gewalt und Nichtachtung der Verfassung und der Gesetze gelöst werden.»

Chávez solidarisch via Twitter

Von anderen Staatsführern der Region erhielt Correa Unterstützung. Sein venezolanischer Kollege Hugo Chávez erklärte über Twitter, die Demonstranten versuchten, den Präsidenten zu stürzen. «Viva Correa!!», schrieb Chávez. Der peruanische Präsident Alan Garcia erklärte, er werde die Grenzen zu Ecuador schliessen, bis Correas «demokratische Autorität» wiederhergestellt sei. Die kolumbianische Regierung forderte eine friedliche Lösung des Konflikts.

Es schien sich aber um einen spontanen Protest zu handeln. Hinweise darauf, dass er von der Opposition geplant wurde, lagen nicht vor. Aus Quito und der 270 Kilometer entfernten Küstenstadt Guayaquil wurden Plünderungen gemeldet. Die Zeitung «El Universo» berichtete von Überfällen auf Supermärkte und Raubüberfällen, die auf die mangelnde Präsenz von Sicherheitskräften zurückzuführen seien. Die Koordinationsministerin für Politik, Doris Soliz, rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Es handele sich um einen Akt der Indisziplin, der unter Kontrolle gebracht werde. Die Militärführung unterstütze die Demokratie.

Passagiere sitzen fest

Der Präsident des Flughafens von Quito, Philippe Baril, sagte, Flüge seien abgesagt worden. Etwa 700 Passagiere sässen fest. Nach Angaben der US-Botschaft wurde auch der Flughafen von Guayaquil geschlossen.

(AFP/sda)

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