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Die Wirtschaftskrise pflügt die Stadt New York um

Zwangsversteigerungen nehmen in Queens und Brooklyn zu. Und im Finanzzentrum der USA gehen Zehntausende von Jobs verloren. Die Stadt bereitet sich auf einen harten Sparkurs vor.

Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein: ein idyllisches Wohnquartier mit Reiheneinfamilienhäuschen, kleinen Vorgärten, herbstlich verfärbten Baumalleen. Wer genauer hinsieht, dem fallen die vielen «For Sale»-Schilder auf, die schweren Ketten, die einige Haustüren zusätzlich sichern, die mit Holz verbarrikadierten Fenster. Die 118. Avenue in South Jamaica, Queens, ist jener Teil New Yorks, in dem es derzeit die meisten Zwangsversteigerungen von Häusern gibt. 18 Prozent aller Liegenschaften in dem Quartier sind betroffen, wie die «New York Times» in einer Studie hat errechnen lassen. Zum Vergleich: In der ganzen Stadt sind es nur 3 Prozent, in Queens 7 Prozent.

Wie man die Nachbarn verliert

Hört man sich um in South Jamaica, wo vor allem Afroamerikaner und Jamaikaner leben, erfährt man Geschichten wie die von Archie, einem 66-jährigen Rentner, der diverse Handlangerarbeiten machen muss, um am Ende des Monats die Miete zahlen zu können. Er wohnt seit 1951 im Quartier und erlebt gerade, wie ein guter Freund und Nachbar sein Haus verliert. «Er ist seit neun Jahren mit seiner Familie hier, aber vor ein paar Wochen hat er seinen Job verloren. Wenn nicht sehr schnell eine Lösung auftaucht, muss er raus aus seinem Haus. Er ist ziemlich verzweifelt, aber was kann man tun?» Schuld seien «die da oben» und die Korruption.

Archie sitzt in einem Coiffeurladen am Sutphin Boulevard, quasi die Geschäftsstrasse des Quartiers. Aber viele Läden sind zu, Rollladen unten. Und von den offenen kommen gemischte Signale. Die Geschäftsführerin eines chinesischen Imbisses sagt, die Geschäfte gingen nicht schlechter als sonst. Aber der Inhaber des kleinen Gemischtwarenladens klagt, in den letzten Wochen kämen viel weniger Kunden. Auch der Manager des grossen Supermarkts sagt, in den letzten zwei, drei Wochen liefen die Geschäfte nicht so gut. Und eine Pöstlerin, die gerade Briefe verteilt, stellt fest, dass sie inzwischen bei viel weniger Häusern Post austrage als noch vor ein paar Monaten.

Viel gelassener sieht Winston Montgomery die Lage. Der 54-jährige Techniker beim Telekommunikationskonzern Verizon lebt seit 31 Jahren in seinem Häuschen an der 153. Strasse, das gepflegt und gehegt aussieht. «Mir geht es sehr gut hier, und die Gegend hat grosse Fortschritte gemacht. Vor zehn Jahren standen an jeder Ecke Typen, die dir Marihuana verkaufen wollten.» Im Haus gleich nebenan, wo ebenfalls ein «For Sale»-Schild prangt, hätten ein paar Jungs Kokain verkauft. «Verglichen damit ist es heute wunderbar hier.» Selbst wenn es gelegentlich Anzeichen gebe, dass die Zahl der leerstehenden Häuser wieder zweifelhafte Gestalten anlocke. Aber auch er weiss von einigen Nachbarn, die in Schwierigkeiten sind. «Viele wollen ihre Häuser verkaufen. Und wenn das nicht geht, dann renovieren sie sie ein bisschen und versuchen sie zu vermieten. Jeder versucht sich irgendwie durchzuschlagen.»

Manhattan blieb bis jetzt verschont

Neben Queens erleben auch Teile von Brooklyn und der Bronx einen starken Anstieg der Zwangsversteigerungen. Im ganzen Land waren in den letzten zwei Jahren über eine Million Häuser betroffen, nochmals so viele stehen kurz davor. In New York scheint nur Manhattan noch immer davon verschont, das luxuriöse Herz der Stadt. Man merkt wenig von Krisenstimmung, wenn man gegenwärtig dort unterwegs ist. An der 5th Avenue drängeln sich Shopper und Touristen durch die Läden. Und in den besseren (und teureren) Restaurants ist am Wochenende abends ohne Reservation kein Tisch zu bekommen. Alles wie immer. Die Frage ist allerdings: Wie lange noch?

In den letzten Monaten hat an der Wallstreet ein eigentliches Massaker stattgefunden. Moody's Economy.com erwartet, dass in der Region bis Ende Jahr 100'000 Angestellte der Finanzbranche ihren Job verloren haben werden – was eine Kaskade weiterer Entlassungen in anderen Branchen nach sich zieht. New Yorks Gouverneur David Paterson geht davon aus, dass die Arbeitslosenrate auf 6,5 Prozent steigen wird und nächstes Jahr weitere 160'000 Jobs verschwinden.

Das grosse Hoffen auf «Change»

Angesichts so vieler gut verdienender Banker weniger, bereitet sich der Einzelhandel auf das schlechteste Weihnachtsgeschäft seit Jahren vor und die Stadt New York auf massiv sinkende Steuereinnahmen. Bürgermeister Michael Bloomberg warnte, das jährliche Budgetdefizit werde um 500 Millionen Dollar steigen und hat seine Administration angewiesen, überall nach Sparpotenzial zu suchen.

Zwar zeichnet sich ab, dass das Budget im Fiskaljahr 2009, das Mitte nächsten Jahres endet, noch ausgeglichen sein könnte, aber für 2010 wird die Stadt den Gürtel enger schnallen müssen. Schon jetzt ist klar, dass soziale Programme und der öffentliche Verkehr zu den Leidtragenden gehören werden.

Doch von all dem lässt sich Winston Montgomery in South Jamaica die gute Laune nicht verderben. «Ich habe hier schon Schlimmeres erlebt. Und bald geht es sowieso wieder aufwärts.» Auf die erstaunte Frage nach dem Grund für seinen Optimismus, sagt er nur ein Wort: «Obama.»

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