Die «Weltwoche» und ihr Donald

Roger Köppels Magazin hält zu Trump. Selbst dann, wenn er Kinder von ihren Eltern trennt. Die publizistische Unterwürfigkeit hat aber auch komische Seiten.

«Der Erfolg ist ihm ins Gesicht gepinselt»: Die «Weltwoche» über das Trump-Porträt «The Visionary» von Ralph Wolfe Cowan 1989. Foto: Wikipedia

«Der Erfolg ist ihm ins Gesicht gepinselt»: Die «Weltwoche» über das Trump-Porträt «The Visionary» von Ralph Wolfe Cowan 1989. Foto: Wikipedia

Sandro Benini@BeniniSandro

So gewaltig war die Empörung und so gross der potenzielle politische Schaden, dass Donald Trump am Mittwoch nachgegeben hat. Der US-Präsident unterzeichnete ein Dekret – eine sogenannte Executive Order –, wonach an der Grenze zwischen Mexiko und den USA illegal einreisende Familien nicht mehr auseinandergerissen werden. In den Wochen zuvor hatte die Grenzpolizei über 2300 Kinder aus Zentralamerika und Mexiko von ihren Eltern getrennt und in Sammelunterkünfte gebracht. In Zukunft sollen die Familien nun gemeinsam darauf warten, dass die Behörden über ihr Schicksal entscheiden.

Zuvor war der grösste Proteststurm über Trump hereingebrochen, seit er im Januar 2017 sein Amt angetreten hat. Kleinkinder fern von ihren Eltern in Maschendrahtkäfige einzusperren, entwickelte sich zu einem gigantischen PR-Desaster. Da drohte den Republikanern bei den Zwischenwahlen im November womöglich Schlimmes – das dürfte der wahre Grund sein, weshalb der Präsident nun zurückgerudert ist.

Bilder: Das weinende Mädchen an der US-Grenze

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Trump wird es kaum erfahren, und falls doch, dürfte es ihm ein schwacher Trost sein. Aber auch in jenen Momenten, in denen sich selbst Gefolgsleute entsetzt von ihm abwenden, ist die Treue unzerstörbar, die ihm die Schweizer «Weltwoche» entgegenbringt. In der neuesten Nummer schreibt der «Weltwoche»-Journalist Alex Baur einen Kommentar mit dem Titel «Hart, aber ehrlich». Darin behauptet er unter anderem, «auf die weiche Tour» sei das «tödliche Treiben an der Grenze nicht zu stoppen». Aha. Das in der Kinderschutzkonvention der Vereinten Nationen verankerte Prinzip zu respektieren, wonach man ein Kind ausschliesslich aufgrund einer gerichtlichen Anordnung von seinen Eltern trennen darf, ist also «die weiche Tour».

In der allgemeinen Empörung ist laut Baur «völlig untergegangen, dass von 12'000 Kindern, die sich an der US-Südgrenze zurzeit in behördlichem Gewahrsam befinden, vier Fünftel beim illegalen Grenzübertritt gar nicht in Begleitung ihrer Eltern waren». Damit suggeriert er, dass es in den meisten Fällen die Eltern sind, die sich von ihren Kindern trennen, und dies freiwillig. Richtig ist, dass die Zahl minderjähriger Migranten aus Zentralamerika, die ohne elterliche Begleitung unterwegs sind, in jüngster Zeit deutlich angestiegen ist.

Aber dabei handelt es sich überwiegend um Jugendliche, die älter als zwölf Jahre sind – 2014 betrug ihr Anteil gemessen an der Gesamtzahl der unbegleiteten Minderjährigen laut einer Statistik des Pew Research Center 84 Prozent. «Wenn die Behörden diese Kinder in Gewahrsam nehmen, tun sie es auch zu deren Schutz», schreibt Baur. Ja, bei unbegleiteten Minderjährigen hat tatsächlich auch niemand etwas dagegen, wenn sie «in Gewahrsam genommen» werden – sofern man sie in den Unterkünften menschenwürdig behandelt. Aber rechtfertigt das in irgendeiner Weise die Infamie, Eltern ihre Kleinkinder und Babys wegzunehmen? Und was hat das eine überhaupt mit dem anderen zu tun?

Gewalt wie in einem Bürgerkrieg

Weiter schreibt Baur, es herrsche in Lateinamerika «zurzeit nirgends ein Bürgerkrieg und auch keine Hungersnot». Kinder alleine auf die lebensgefährliche Reise durch Mexiko an die US-Grenze zu schicken, sei deshalb ungerechtfertigt. Das Argument mit dem Bürgerkrieg ist zwar formal richtig, zeugt aber von völliger Unkenntnis der Zustände, die in den Herkunftsländern der Migranten herrschen.

Gemäss Weltgesundheitsorganisation kann man von «epidemischer Gewalt» sprechen, wenn die Mordrate in einem Land höher liegt als bei 10 Fällen auf 100'000 Einwohner. In Guatemala ereigneten sich im vergangenen Jahr pro 100'000 Einwohner 26 Morde, in Honduras knapp 44 und in El Salvador 60. Das sind Zahlen wie in einem Bürgerkrieg, zumal es sich um nationale Durchschnittswerte handelt. In besonders gewaltverseuchten Regionen sind sie teilweise viel höher.

Laut einer Studie der auf Risikoanalyse spezialisierten britischen Firma Maplecroft war Guatemalas Kriminalitätsindex 2016 der zweithöchste der Welt, höher als jener des Irak und Syriens. Vergangenes Jahr sagte Antonio Sampaio, Experte des in London ansässigen International Institute for Strategic Studies, laut der Nachrichtenagentur AFP: «Nur sehr selten erreicht kriminelle Gewalt ein ähnliches Niveau wie ein bewaffneter Konflikt. Aber das ist in dem nördlichen Dreiländereck in Mittelamerika und insbesondere in Mexiko der Fall.»

Ob eine Familie riskiert, in einem Bürgerkrieg von Rebellen oder Paramilitärs massakriert zu werden oder in einem Land, in dem offiziell kein Bürgerkrieg herrscht, von Killern eines Drogenkartells, spielt für die Betroffenen keine Rolle. In beiden Fällen ist es nachvollziehbar, dass sie fliehen.

Natürlich kann man argumentieren, Gewalt und Korruption in zentralamerikanischen Ländern seien nicht das Problem der USA und müssen von den jeweiligen Regierungen gelöst werden. An der Gefährdung der einzelnen Betroffenen ändert dies nichts. Man kann auch, wie es Baur tut, die Eltern anprangern, die Jugendliche unbegleitet in den Norden schicken. Aber wer in der unversehrten Schweiz auf einem Redaktionssessel sitzen darf, hat es leicht, moralische Urteile über Personen zu fällen, die sich mitsamt ihren Kindern in ihrer Heimat tagtäglich in Lebensgefahr befinden.

Die USA sind mitschuldig

Hinzu kommt, dass die Vereinigten Staaten an der Gewalt in Mittelamerika mitschuldig sind. Vor gut drei Jahren gab der damalige Marinegeneral und heutige Stabschef im Weissen Haus, John Kelly, der Washingtoner Denkfabrik «Atlantic Council» ein Interview. Darin sagt er, das Drama um die Kinder an der südlichen Grenze sei «das direkte Resultat unseres Drogenkonsums». Die Eltern aus Zentralamerika täten nichts anderes, als «ihre Kinder zu retten».

Ist es zu viel verlangt, fünf Minuten aufzuwenden, um zu googeln?

Laut Baur hingegen werden Kinder von den Migranten «schon lange als Waffe eingesetzt». Eine steigende Zahl von Kindern würde «regelrecht angemietet» und «gehören gar nicht zu ihren vermeintlichen Eltern». Daten des Ministeriums für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten (Homeland Security) zeigen indessen, dass der Anteil der aufgegriffenen Familien, bei denen der Verdacht besteht, eine Verwandtschaft werde nur vorgegaukelt («individuals using minors to pose as fake family units») zwischen Oktober 2017 und Februar 2018 genau 0,61 Prozent betrug. Die von Baur gegen die zentralamerikanischen Migranten erhobene Beschuldigung ist also trotz unbestrittener Steigerung in den letzten Monaten praktisch irrelevant.

Ist es zu viel verlangt, fünf Minuten aufzuwenden, um dies zu googeln? Offensichtlich schon.

Die Unversehrtheit von Kleinkindern ist unendlich viel höher zu gewichten als das legitime Interesse eines Landes, seine Grenzen vor illegaler Einwanderung zu schützen. Darum geht es. Um Trump trotz seiner erbarmungslosen Migrationspolitik irgendwie doch zu verteidigen, weicht die «Weltwoche» auf das zwar ebenfalls erschütternde Problem unbegleiteter jugendlicher Migranten aus, das aber mit der erzwungenen Trennung von Eltern und Kleinkindern nichts zu tun hat. Worthülsen wie «Trump-Hasser» und «humanitäre Bedenkenträger» lassen sich so natürlich trotzdem streuen. Baur beschönigt die Lage in Zentralamerika, moralisiert selbstgerecht gegen Eltern aus Gebieten, in denen bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen und bläst ein statistisch irrelevantes Phänomen auf.

Auf Anfrage beurteilt «Weltwoche»-Chefredaktor und SVP-Nationalrat Roger Köppel Baurs Kommentar mit folgenden Worten: «Alex Baur hat einen ganz hervorragenden Kommentar über die Instrumentalisierung von Kindern im Asylwesen geschrieben. Kinder werden aus niedrigen Motiven benutzt, um Politik und Medien auf eine linke asylpolitische Linie zu bringen. Hochgradig unehrlich. Alex hat das brillant auf den Punkt gebracht.»

Melanias graziler Oberkörper

Um diesen Beitrag mit etwas Heiterkeit zu beenden, sei nicht verschwiegen, dass die Unterwürfigkeit der «Weltwoche» gegenüber «dem erstaunlichen Mister Trump» auch komische Züge annehmen kann, wenn auch unfreiwillig. In einer Reportage über Trumps Freizeit- und Wochenendresidenz Mar-a-Lago, wohin «Weltwoche»-Auslandchef Urs Gehriger ehrenvollerweise eingeladen wurde, finden sich so schöne Sätze wie: «Trumps Reich heisst Mar-a-Lago. Vier Silben gehauchte Sinnlichkeit.» Oder: «Es rauschen die Palmblätter im Wind, in der Ferne klacken Krocketkugeln, und irgendwo plantscht ein gebräuntes Frauenbein im Pool.»

Von beeindruckendem sprachlichem Stilbewusstsein zeugt auch Gehrigers Huldigung an Melania Trump, welche «die Gäste entzückt mit ihrem weiss-blau gestreiften Sommerkleid, das sich hauteng an ihren grazilen Oberkörper schmiegt und ab der Hüfte bei jedem Schritt luftig um ihre Beine wogt.» Kein Wunder verändert ein solcher Anblick den Aggregatszustand der anwesenden Pressefotografen, deren Tross «wie brodelnde Lava über die Absperrkordel quillt». Ein Porträtgemälde des Verehrten würdigt Gehriger mit den Worten: «Es zeigt den jungen Trump, jupiterhaft, in schneeweissem Tennisanzug vor apokalyptisch leuchtendem Hintergrund. Sein zukünftiger Erfolg ist ihm ins Gesicht gepinselt.»

«Groupie-Journalismus» nennt das der freischaffende Publizist René Zeyer auf dem Portal des Branchenblattes «Persönlich», und fügt hinzu: «Dass er (Gehriger) in Lobhudeleien ausbricht, die dem goldüberkrusteten Primitivgeschmack Trumps in nichts nachstehen, ist beunruhigend.»

Man könnte auch sagen: Es ist das Verdrängen von Journalismus durch dümmliche Propaganda. Es ist die «Weltwoche».

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