Die ständige Angst vor einem neuen Attentat

Allein im August starben in den USA 53 Menschen bei Massenschiessereien. Die Politik versagt, die Bürger richten sich in ihrer Bedrohung ein.

Demonstranten in El Paso stossen mit ihrer Forderung nach dem Attentat auf taube Ohren. Foto: Keystone

Demonstranten in El Paso stossen mit ihrer Forderung nach dem Attentat auf taube Ohren. Foto: Keystone

Martin Kilian@tagesanzeiger

Es kann in Kirchen und Bars, in Einkaufszentren oder auf der Autobahn passieren: Massenschiessereien sind zum Problem in den Vereinigten Staaten geworden, 39 ereigneten sich bisher im laufenden Jahr. Das FBI definiert eine Massenschiesserei als Schusswaffengewalt mit mindestens drei Toten, den Täter nicht mitgezählt.

Allein seit Anfang August starben dadurch 58 Menschen, zuletzt am Montag in Alabama, wo ein 14-jähriger mutmasslicher Schütze fünf Familienmitglieder erschoss. Zuvor waren am Samstag im texanischen Odessa sieben Menschen wahllos ermordet und 21 verletzt worden. Rund 30 Menschen werden in den USA jeden Tag durch Schusswaffen getötet.

Seit dem Massenmord in El Paso am 3. August, bei dem ein Täter aus Hass auf Latinos und Migranten in einem Einkaufszentrum 22 Menschen ermordet und 25 teilweise schwer verletzt hat, haben Polizei und Sicherheitsbehörden im gesamten Land über 40 Menschen festgenommen, weil sie in sozialen Netzwerken oder im Freundes- und Bekanntenkreis mit Massenschiessereien gedroht hatten. Unter ihnen befanden sich Neonazis und Geisteskranke, Rassisten und Angeber.

Beunruhigung über «Inlandterroristen»

Alle hatten offenbar Zugang zu Schusswaffen, von denen in den USA über 300 Millionen zirkulieren. Nach dem Massaker in El Paso Anfang August äusserte sich das FBI beunruhigt darüber, «dass Inlandterroristen durch Attacken wie die in El Paso zu ähnlich gewalttätigen Taten inspiriert werden könnten». Bereits im Juli hatte FBI-Direktor Christopher Wray vor einem Senatsausschuss ausgesagt, seit Oktober 2018 habe das FBI 100 Festnahmen wegen des Verdachts des heimischen Terrorismus vorgenommen. Offenbar ist die Zahl solcher Fälle seit 2017 erheblich gestiegen.

Damit nicht genug, häufen sich Mordanschläge und Amokläufe von psychisch Kranken. So war dem Mörder von Odessa der Erwerb einer Schusswaffe 2014 verwehrt worden, weil ihn ein Gericht als «geistig krank» eingestuft hatte. Danach besorgte er sich die Tatwaffe, ein Sturmgewehr vom Typ AK-15, bei einem Privatmann. Eine beim Kauf in einem Waffengeschäft vorgeschriebene Hintergrundüberprüfung entfiel, da es sich um eine private Transaktion handelte.

Wer eine Schusswaffe unter Umgehung einer Hintergrundüberprüfung erwerben möchte, kann dies auf jeder «Gun Show» tun. Sie werden im gesamten Land abgehalten. Schlupflöcher wie diese zu schliessen und Überprüfungen für alle Käufer von Feuerwaffen einzuführen, wäre ein Anfang – und Pflicht der Politik. Die aber hat bisher versagt, weil die Schusswaffenlobby NRA noch immer einen starken Einfluss auf die Republikanische Partei und Präsident Trump ausübt.

Unfähige Politik

Nur zwei Tage nach dem Amoklauf des geisteskranken Täters im texanischen Odessa schaltete Trumps Wahlkampfstab am Montag einen Werbespot auf Facebook, in dem die Demokraten bezichtigt werden, sie wollten «den zweiten Verfassungszusatz eliminieren». Der Zusatz gibt Amerikanern das Recht auf Erwerb und Besitz von Feuerwaffen, weder die Kongressdemokraten noch die demokratischen Präsidentschaftskandidaten möchten ihn abschaffen. Der Werbespot ist mithin eine Lüge.

Angesichts der Unfähigkeit der Politik, ein Mindestmass an Kontrolle über Schusswaffen zu garantieren, sind weitere Massaker in den Vereinigten Staaten zu erwarten. Damit konfrontiert, richten sich die Amerikaner in ihrer Bedrohung ein: Architekten entwerfen Schulen, die Massenschiessereien erschweren sollen, Einkaufszentren arbeiten an speziellen Evakuierungsplänen, Polizei und Rettungsdienste üben für den Ernstfall. Ereignen kann er sich überall.

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