Die Sphinx im Weissen Haus

Die Amerikaner versuchen, die rätselhaften Taten von Melania Trump zu deuten. Wird die First Lady unabhängiger? Oder trollt sie gar ihren Ehemann?

Melania Trump: 2017 weigerte sie sich, in der Öffentlichkeit Donald Trumps Hand zu nehmen. (Video: Tamedia/AP)

Wenn sich Gegensätze anziehen, müssten Melania Trump und ihr Ehemann Donald das perfekte Paar sein. Sie: zurückhaltend, introvertiert, unterkühlt. Er: vorlaut, extrovertiert, aufbrausend. Sie: besonnen, elegant, gute Manieren. Er: unvernünftig, eigenwilliger Stil, schlecht sitzende Anzüge.

Das ist zumindest der Eindruck, den die Öffentlichkeit von dem sehr unterschiedlichen Paar hat. Da wenig über die aktuelle First Lady bekannt ist, ist das Rätselraten um Melania für einige US-Amerikaner zum Hobby geworden. Alles an ihr wird interpretiert und gedeutet. Ihre Kleidung, ihre Art zu sprechen, ihre Kampagne gegen Cyberbullying, ihr Krankenhausaufenthalt und warum sie mit ihrem Ehemann nicht Händchen halten will.

Selbst Stormy Daniels, die Pornodarstellerin, mit der Melanias Gatte eine Affäre gehabt haben soll, verteidigt sie. Die Leute sollten aufhören, die immerhin schon 13 Jahre dauernde Ehe zu bewerten, sagt Daniels.

Und dann schreibt auch noch Omarosa Manigault Newman, ehemalige Mitarbeiterin im Weissen Haus, in ihrem halbseidenen Enthüllungsbuch, Melania zähle nur die Tage, bis Trump nicht mehr Präsident sei, damit sie ihn endlich verlassen könne. Alles nur Spekulationen, denn die beiden Damen kennen sich nicht näher. Doch die klatschsüchtige Öffentlichkeit saugt derartige Informationsschnipsel begierig auf. Es kursieren sogar Theorien, dass in der Öffentlichkeit vorwiegend bezahlte Doppelgängerinnen zu sehen seien.

Die «Washington Post»-Legende Bob Woodward hat jetzt mit einigen Spekulationen aufgeräumt. In seinem soeben erschienenen Buch «Fear» (Angst) über die Trump-Präsidentschaft ist nicht viel Gutes über den US-Präsidenten zu lesen. Aber Mitarbeiter des Weissen Hauses – und von denen vor allem solche, die mit auf Reisen sind, wenn das Ehepaar Trump gemeinsam unterwegs ist – sagen, beide empfänden «ehrliche Zuneigung» füreinander. Allen Gerüchten zum Trotz.

Unnahbarer als bisherige First Ladies

Melania Trump, die vor 48 Jahren als Melanija Knavs in Slowenien geboren wurde, ist auch deshalb ein Mysterium, weil sie zugeknöpfter und unnahbarer wirkt als ihre Vorgängerinnen im Weissen Haus. Mit ihrer Rolle als First Lady ist sie nur sehr langsam warm geworden. Bei der Amtseinführung ihres Mannes stand sie in einem himmelblauen Kostüm neben ihm. Ihre Erscheinung erinnerte an Jackie Kennedy, womit Melania – bewusst oder unbewusst – die Erwartungen hoch setzte.


Melania Trump: Die First Lady in Bildern

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Doch nach den Feierlichkeiten verschwand sie von der Bildfläche. Bis zum Sommer 2017 blieb sie mit Sohn Barron im Trump-Tower in New York, damit er dort das Schuljahr beenden konnte. Ihre öffentlichen Aufgaben als Präsidentengattin nahm sie anfangs nur sporadisch wahr. Sie war es nicht gewohnt, als Person so plötzlich in der Öffentlichkeit zu stehen. Bekannt ist, dass sich Melania aus der Präsidentenbibliothek historische Bücher über frühere First Ladies ausgeliehen hat. Offenbar um zu studieren, wie diese ihren Job interpretierten.

Im Ostflügel des Weissen Hauses, wo traditionell die Büros der First Lady liegen, sind nur zehn Mitarbeiter für Melania tätig. Das ist beeindruckend wenig, bei Michelle Obama und Laura Bush waren es jeweils 25.

Ob die dünne Personaldecke der Grund ist, dass ihre Agenda bislang noch wenig Interesse weckt? Oder ist es gar mangelnde Ambition, wie ihr manche US-Medien unterstellen? Klar ist, dass Melania, ein Ex-Model, die Kunst und Design studierte, sich bislang nicht als politische Strippenzieherin inszenieren wollte. Doch vielleicht kommt ihr grosser Moment noch.

Zumindest scheint seit ein paar Monaten mehr Bewegung in ihre Aktivitäten als erste Dame des Staates zu kommen. Genauer gesagt, seit die angeblichen Affären ihres Mannes mit Pornodarstellerin Stormy Daniels und Playboy-Model Karen McDougal bekannt wurden. Auf einmal strebt Melania offenbar nach mehr Unabhängigkeit. Sie wirkt selbstbewusster, treibt endlich eigene Projekte voran und reist alleine.

Dabei geht nicht immer alles glatt. Zum Gedenken an den 17. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 entfachte sie einen Sturm der Entrüstung, weil sie ihre Anteilnahme auf Twitter mit einem Bild von sich und ihrem Mann geschmückt hatte. Der Vorwurf an sie: Das sei «narzisstisch».

Zynische Aufschrift: Die Welt rätselte über Melanias Jacke. Video: Reuters

Und auf einem Trip im Juni nach Texas, wo sie Kinder illegaler Einwanderer besuchte, die wegen der Nulltoleranz-Politik ihres Ehemannes an der Grenze von ihren Eltern getrennt worden waren, sendete sie eine merkwürdige Botschaft. Auf ihrer 39-Dollar-Zara-Jacke stand: «I really don't care. Do u?» (Mir ist es völlig egal. Und dir?)

Die westliche Welt diskutierte, was es mit diesem Spruch auf sich habe. «Es ist nur eine Jacke», teilte ihre Sprecherin mit. «Es gibt keine versteckte Botschaft.» Die US-Medien hatten eine andere Erklärung: Es sei eine Nachricht an die Medien, die zu gerne nach versteckten Botschaften in ihren Kleidern suchten. Möglich. Zufall war es wohl nicht, denn Melania ist sich ihrer Aussenwirkung durchaus bewusst.

Will sie den Präsidenten ärgern?

Dabei gibt es nicht nur beim Erscheinungsbild einiges zu deuten, sondern auch bei ihren Taten. Einige US-Medien gelangen gar zu dem Schluss, sie trolle ihren Ehemann. Ihre Kampagne «Be Best» etwa konzentriert sich auf Anstand im Netz. Sie will damit Kinder vor Cyberbullying schützen. Das ist nicht ohne Ironie, denn ihr eigener Mann gilt als einer der grössten Berserker auf Twitter, der kein Blatt vor den Mund nimmt und laut «New York Times» schon an die 500 Menschen mit seinen Tweets beleidigt hat. Ist ihr das nicht bewusst? Oder hat sie dieses Thema mit Absicht gewählt, um den Präsidenten zu ärgern?

Bewunderung für Basketball-Star LeBron James, den Trump auf Twitter beleidigte

Weitere Beispiele, die für die Troll-Theorie sprechen: dass sie dem National Park Service zum 102. Jubiläum für seinen «Einsatz für dieses Land» dankte, nachdem Trump zuvor ein Budget gestrichen hatte, das die Entlassung von 2000 Mitarbeitern zur Folge hat. Dass sie bei Trumps erster Rede zur Lage der Nation in einem weissen Hosenanzug erschien, der aussah wie aus dem Kleiderschrank seiner Erzfeindin Hillary Clinton.

Oder dass sie veröffentlichte, sie bewundere das Engagement des Basketballspielers LeBron James, der in Ohio eine Schule eröffnete. Sie würde diese gerne einmal besuchen, liess sie ausrichten. Zuvor hatte ihr Gatte die Intelligenz von James und dem ebenfalls schwarzen CNN-Moderator Don Lemon auf Twitter infrage gestellt. Weiteres Indiz: dass sie eine Solo-Reise nach Afrika ankündigte, einen Kontinent, den ihr Mann als «shithole countries» (Dreckslöcher) schmähte, von wo er Einwanderung beschränken wolle.

Dann war da noch ihr Ehestreit an Bord der Air Force One, als sie Medienberichten zufolge gegen den Willen des Präsidenten im Fernsehen den Sender CNN schaute anstatt Trumps Lieblingssender Fox News.

Und als Donald Trump diese Woche nach der Landung auf dem Weg zu einer Gedenkstätte für 9/11-Opfer mit siegesgewiss erhobenen Fäusten und gefletschten Zähnen auf schaulustige Fans zumarschiert, da schleicht Melania Trump gesenkten Hauptes hinter ihm her. Als würde sie denken, das kann doch alles nicht wahr sein.

Die Idee, es handele sich bei Melania Trump um die «First Oppositional Lady», entspringt allerdings auch einem Wunschdenken. Und einer Verklärung von Präsidentengattinnen als Vorbild für alle amerikanischen Frauen. Diese Rolle haben die Ehefrauen in den vergangenen 100 Jahren manchmal gesucht, oft aber auch von den PR-Strategen im Weissen Haus aufgedrängt bekommen.

Als Gattin eines umstrittenen US-Präsidenten ist es wohl selten einfach. Gerade wenn es um eheliches Fehlverhalten geht, ist die Balance delikat: Jackie Kennedy schlüpfte in die Rolle der Architektin eines neuen Stils im Weissen Haus, dekorierte die Räume um und veranstaltete Kulturabende. Sie spielte die gute Ehefrau.

Hillary Clinton wiederum verteidigte ihren Ehemann gegen alle Vorwürfe und sogar nach Berichten über dessen Affären. Das trug ihr unter Anhängern den Ruf einer starken Frau ein – und unter Gegnern den einer Komplizin.

Soll heissen: Was ich glaube, weiss nur ich. Hört endlich auf mit den Interpretationen.

Die «Washington Post» mutmasste kürzlich: Wenn Trump eine First Lady hätte wie Hillary Clinton, würde er in der Öffentlichkeit besser dastehen. Doch womöglich versucht sich Melania Trump im Hintergrund zu halten, weil sie gar keinen Interpretationsspielraum geben möchte. Zu keinem Thema.

Als Trumps Anwalt Rudolph Giuliani einmal sagte, Melania «glaube ihrem Ehemann», dass er keine Affäre mit Stormy Daniels hatte, liess sie durch ihre Sprecherin mitteilen, sie habe niemals ihre Gedanken zu welchem Thema auch immer mit Giuliani diskutiert. Soll heissen: Was ich glaube, weiss nur ich. Hört endlich auf mit den Interpretationen.

Getrennte Schlafzimmer, eigene Hotelsuiten

Kurz vor der Wahl 2016 war das noch anders. Als Trump auf einem Audiotape sagte, er könne jeder Frau zwischen die Beine greifen, weil er berühmt sei, tat sie es als «Jungsgerede» ab. Und als eine Gruppe Frauen an die Öffentlichkeit ging mit Anschuldigungen, Trump habe ihnen ungewollte Avancen gemacht, sagte Melania bei CNN: «Ich glaube meinem Ehemann. Mein Ehemann ist freundlich, und er ist ein Gentleman, und er würde das niemals tun.»

Kritiker merkten an, dass sich die Verteidigung anhörte, als sei sie auswendig gelernt. Seit bekannt wurde, dass Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen 130’000 Dollar Schweigegeld an Daniels gezahlt hatte, sagt Melania gar nichts mehr.

Vor der Wahl erzählte sie der «Washington Post», dass Donald und sie sich gegenseitig viel Raum geben würden. Dieser Raum scheint in den vergangenen Monaten grösser und grösser zu werden. Im Weissen Haus schlafen sie in getrennten Schlafzimmern, auf Reisen haben beide je eine eigene Suite. Trotz der von Bob Woodward beschriebenen «ehrlichen Zuneigung». Melania Trump lebe – so weit es eben gehe – ein «unabhängiges Leben», schreibt Woodward. Sie versuche, sich in ihrem Leben so gut es geht auf den gemeinsamen Sohn Barron zu konzentrieren.

Zu einer offenen Rebellion, etwa in Form einer Scheidung, wird es jedoch kaum kommen. Die Ehe der Trumps ist bis ins Detail per Vertrag geregelt. Und auch auf ein Enthüllungsbuch nach Melanias Zeit im Weissen Haus werden die Amerikaner dank Geheimhaltungsvereinbarung wohl vergeblich warten.

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