Die «Pink Wave» rollt unaufhaltsam Richtung Washington

Noch nie kandidierten so viele Frauen für den US-Kongress – sie könnten nach den Zwischenwahlen im Herbst das Land verändern.

Die neue Hoffnungsträgerin der amerikanischen Linken: Die Demokratin und Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez kandidiert für einen Sitz im Repräsentantenhaus. (Bild: Getty Images)

Die neue Hoffnungsträgerin der amerikanischen Linken: Die Demokratin und Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez kandidiert für einen Sitz im Repräsentantenhaus. (Bild: Getty Images)

Yannick Wiget@yannickw3

2018 wird in den USA das Jahr der Frauen.

Das zeichnete sich schon nach der Amtseinführung von Donald Trump ab, als sie in Scharen auf die Strasse gingen. Seither hat sich der Protest von der Strasse in Richtung Wahlbüros verlegt. Der Women’s March und die #MeToo-Bewegung spornten viele Frauen an, sich stärker in der Politik zu engagieren.

Bei Nachwahlen in verschiedenen Staaten spielten weibliche Stimmen inzwischen die entscheidende Rolle. Bewegungen wie das Aktionskomitee Emily’s List, das Frauen im Wahlkampf finanziell und organisatorisch unterstützt, erlebten einen starken Anstieg ihrer Mitgliederzahlen. Und eine wegweisende Anzahl Frauen bewarb sich um einen Sitz im Repräsentantenhaus oder Senat, die im November neu besetzt werden.

«Es ist amtlich. Wir haben den Rekord gebrochen.»Center for American Women and Politics

Nun zahlt sich die politische Mobilisierung aus. Bei Vorwahlen in den vier US-Bundesstaaten Kansas, Michigan, Missouri und Washington setzten sich am Dienstag noch einmal zahlreiche Frauen durch und sorgten für einen neuen Rekord: 185 Frauen wurden bisher als Kandidatinnen für Sitze im US-Repräsentantenhaus nominiert – so viele wie noch nie. 11 Frauen kämpfen zudem um Gouverneursposten, auch das ein historischer Höchstwert.

Verschiedene Medien bezeichneten die Resultate als bahnbrechend für die Frauen. Der bisherige Rekord der weiblichen Nominationen für das Repräsentantenhaus lag bei 167 und wurde vor zwei Jahren aufgestellt. Er könnte noch weiter übertroffen werden. Denn 287 Frauen sind weiterhin im Rennen, wie Zahlen des Center for American Women and Politics zeigen.

«Das wird für die Frauen das wichtigste Jahr an der Urne in der Geschichte.»Vox, US-Newsplattform

Kandidatinnen, die vor nicht allzu langer Zeit noch chancenlos geblieben wären, stehen sinnbildlich für den Aufschwung der Frauen und der Minderheiten in der US-Politik: Die Demokratin Rashida Tlaib wurde in Michigan nominiert. Weil die Republikaner in ihrem Wahldistrikt keinen Gegenkandidaten stellen, wird sie im Herbst aller Voraussicht nach als erste Muslimin der Geschichte in den Kongress gewählt. Sharice Davids könnte es in Kansas als erst zweite Native American Women (Frau mit indianischer Abstammung) schaffen. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass sich Davids offen zu ihrer Homosexualität bekannt hat. Und Alexandria Ocasio-Cortez, die seit ihrem Überraschungserfolg bei den Vorwahlen in New York als neue Hoffnungsträgerin der US-Linken gilt, wäre mit 28 Jahren die jüngste Abgeordnete im Kongress.

Bereits seit Juni steht fest, dass es auch bei den ebenfalls im Herbst anstehenden Senatswahlen eine Rekordzahl von weiblichen Kandidaturen gibt. Die US-Newsplattform Vox spricht deshalb vom wichtigste Jahr an der Urne für die Frauen in der Geschichte. Setzen sie ihren Siegeszug fort, könnten sie in der demokratischen Fraktion des Repräsentantenhauses sogar die weissen Männer überflügeln. Denn ein Grossteil der Kandidatinnen kommt aus den Reihen der Demokratischen Partei.

«Die Chancen für eine demokratische Welle steigen.»«Washington Post»

Diese will bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im 435-köpfigen Repräsentantenhaus von den Republikanern zurückerobern, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. 23 Sitzgewinne braucht die Demokratische Partei dafür. Und in zahlreichen Wahlkreisen wird demokratischer gewählt als im 12. Bezirk von Ohio, wo die Republikaner gestern in einer Nachwahl nur hauchdünn ihren Sitz im Repräsentantenhaus verteidigen konnten.

Seit Trump im Weissen Haus sitzt, haben die Demokraten bereits 44 republikanische Sitze in den Parlamenten der Bundesstaaten erobert, darunter viele in Gegenden, die mit grosser Mehrheit für Trump gestimmt hatten. Bei den Republikanern nimmt deshalb die Angst vor den Zwischenwahlen im Herbst zu.

Traditionell verliert die Partei des Präsidenten in Zwischenwahlen immer Sitze. Eine sogenannte «wave election», die zu neuen Mehrheiten führt, gab es zwar nur gerade dreimal in 60 Jahren. Laut der «Washington Post» steigen die Chancen für eine demokratische Welle aber immer mehr.

Die «Pink Wave» verändert die US-Wahlen: Noch nie kandidierten so viele Frauen für den Kongress wie dieses Jahr. Video: BBC/Youtube

Dass es dieses Jahr zum vierten Mal klappen könnte, liegt auch an der «Pink Wave», der politischen Bewegung von demokratischen Frauen. Beobachter in den USA glauben, dass sich die politische Agenda des US-Kongresses signifikant ändern könnte, wenn im November genug von ihnen ins Repräsentantenhaus gewählt werden.

Denn Auswertungen wie diejenige der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution zeigen, dass sich Frauen – unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit – mehr für soziale Themen wie Klimawandel, Bildung oder Mindestlohn einsetzen als Männer. Gemäss Untersuchungen ändert sich auch das gesellschaftliche Bewusstsein, wenn mehr Frauen einflussreiche Positionen besetzen.

Aktuell stellen sie aber nur etwa 20 Prozent der Mitglieder im Kongress. Die USA rangieren mit diesem Anteil auf Platz 102 von 193 Ländern weltweit. Im November dürfte sich das ändern. Die «Pink Wave», so die Hoffnung vieler Frauen und liberaler Kräfte, könnte die Politik im Land und damit die USA verändern.

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