Zum Hauptinhalt springen

Die personifizierte Hoffnung auf ein anderes Brasilien

Marina Silva könnte Brasiliens nächste Präsidentin werden. Denn die grüne Ex-Umweltministerin fasziniert nicht nur die urbane Mittelschicht, sondern auch die Armen.

Klimaanlagen erträgt sie nicht: Marina Silva, hier bei einem Besuch in Brasilia. Foto: Andre Vieira («The New York Times»)
Klimaanlagen erträgt sie nicht: Marina Silva, hier bei einem Besuch in Brasilia. Foto: Andre Vieira («The New York Times»)

Was Analysten vermutet haben, bestätigt sich: Laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage hat Marina Silva reelle Chancen, brasilianische Präsidentin zu werden. Der sozialistische Ex-Gouverneur des Bundesstaates Pernambuco, Eduardo Campos, ist vor einer Woche bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen; Silva hatte als seine Vizepräsidentin kandidiert. Erreichte Campos bei der letzten Umfrage vor dem Unglück einen Stimmenanteil von knapp 10 Prozent, stehen gemäss dem angesehenen Institut Datafolha nun 21 Prozent der Stimmbürger hinter Silva. Die wiederkandidierende Präsidentin Dilma Rousseff liegt unverändert bei 36 Prozent, der gemässigt Konservative Aécio Neves bei 20 Prozent. Damit käme es im Oktober zu einem zweiten Wahlgang zwischen Rousseff und Silva, bei dem die Grüne mit 47 zu 43 Prozent gewänne. Das Ergebnis liegt allerdings im statistischen Fehlerbereich.

Berater der um ihre Wiederwahl bangenden Präsidentin haben gegenüber brasilianischen Medien zugegeben, dass sie auf einen zweiten Wahlgang zwischen Rousseff und Neves hoffen. Bei dieser Konstellation könnten sie die Regierungschefin gemäss traditionellem Links-rechts-Schema als Vertreterin der sozial Schwachen anpreisen und Neves in die Rolle des neoliberalen Wüterichs drängen. Während Rousseff laut Umfrage ein Duell gegen Neves relativ deutlich gewänne, wäre der ideologische Frontverlauf gegenüber Silva schwerer zu ziehen. Inmitten der Günstlingswirtschaft, die unter den beiden grossen traditionellen Kräften, der Arbeiterpartei (PT) und der Partei der brasilianischen Sozialdemokratie (PSDB), sowie ihren wankelmütigen Koalitionspartnern entstanden ist, verkörpert die ehemalige grüne Ministerin die Hoffnung auf einen Dritten Weg. Fast drei Viertel der Bevölkerung hoffen, im grössten Land Lateinamerikas möge sich «etwas ändern» – nun gibt es eine Figur, auf die sich dieser Wunsch projizieren lässt.

Keine Quereinsteigerin

Marina Silva soll heute verkünden, ob sie bei den Wahlen am 5. Oktober für die Sozialistische Partei Brasiliens (PSB) antreten wird. Alles andere als ein Ja wäre eine grosse Überraschung. Die 56-jährige ist gerade dabei, die politische Formation «Rede Sustentabilidade» (Netz Nachhaltigkeit) aufzubauen, verbündete sich jedoch mit der PSB, weil ihr die rechtzeitige Registrierung ihrer Partei missglückt war. Bei den Sozialisten gibt es vereinzelt Widerstände, eine Partei­fremde ins Rennen zu schicken, doch ist den meisten Funktionären klar, dass kein eigener Kandidat auch nur annähernd Silvas Zugkraft hätte.

Die grüne Politikerin profitiert momentan von den Emotionen über den tragischen Tod des fünffachen Familienvaters Campos, doch schöpft sie ihr Potenzial auch aus tieferreichenden Quellen: Silva steht ausserhalb des traditionellen Parteiensystems und ist dennoch keine polternde populistische Quereinsteigerin. Sie ist Politikerin und Anti­politikerin zugleich. Sie ist die Kandidatin der jungen, urbanen, umweltbewussten Mittelschicht, deren Angehörige im Sommer des vergangenen Jahres zu Millionen gegen die schlechte Infrastruktur und die teure Fussball-WM protestierten. Ihre Mitgliedschaft bei der evangelikalen Freikirche Assembléia de Deus (Versammlung Gottes) erschliesst Silva ferner ein Segment, das für linke Politiker normalerweise schwer zugänglich ist: religiöse, gesellschaftlich konservative Wähler. Deren Bedeutung ist in Brasilien enorm, gehören doch 20 Prozent der Bevölkerung evangelikalen Gruppierungen an. Die politische Macht der Freikirchen stützt sich auf eine starke Lobby im Parlament und auf zahlreiche Massenmedien, darunter Brasiliens zweit­grösstes Fernsehnetzwerk.

Ihre Biografie macht die vierfache Mutter Marina Silva auch in den Augen der Armen attraktiv, stammt sie doch wie der frühere Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva aus ärmsten Verhältnissen. «Ein Präsident, der aus eigener Erfahrung weiss, was Hunger ist», hiess es damals bei Lula. Das kann Silva auch behaupten. Und schliesslich dürfte sie bei Schwarzen und Mulatten einen grossen Rückhalt geniessen.

Geboren wird Silva 1958 auf der Kautschukplantage Bagaço im nordwestlichen Amazonas-Bundesstaat Acre. Sie hat zehn Geschwister, von denen zwei in frühem Alter sterben. Mit 14 Jahren verliert sie auch ihre Mutter. Schon als kleines Mädchen muss Marina frühmorgens aufstehen, um ihren Vater auf dem stundenlangen Weg in die Plantage zu begleiten. Sie erkrankt mehrmals an Malaria, Hepatitis und Leishmaniose, was sie derart schwächt, dass sie bald nicht mehr beim Gummizapfen helfen kann. Stattdessen bereitet sie ihrem Vater jeweils das Frühstück zu, bevor er das Haus verlässt. Insgesamt dreimal haben Ärzte der jungen Marina Silva den nahen Tod prophezeit. Die Liste der Nahrungsmittel, die sie bis heute nicht riechen oder essen darf und der Stoffe, die sie nicht berühren sollte, ist lang: Milchprodukte, Meeresfrüchte, Fleisch, Alkohol, Kosmetika, Parfüm, Teppichböden. ­Sitzungen mit ihr verlassen Mitarbeiter oft schweissgebadet, weil sie keine Klimaanlage erträgt.

Fragil und vital zugleich

Faszinierend an der brasilianischen Politikerin ist ihre innere und äussere Widersprüchlichkeit: Sie wirkt fragil und vital zugleich. Sie ist stets freundlich und greift politische Gegner niemals persönlich an, aber sie strahlt oft etwas Abweisendes, Entrücktes aus. Sie kann ein Publikum durch eine flammende Rede mitreissen, um sich bei Interviews in langen, komplizierten Sätzen und Details zu verlieren.

Mit 16 Jahren zieht Marina Silva nach Rio Branco, der Hauptstadt des Bundesstaates Acre. Weil sie Nonne werden will, lernt sie in einem Konvent lesen und schreiben. Später arbeitet sie als Haushaltsgehilfe, gibt ihren klösterlichen Lebensplan auf und studiert Geschichte. Es ist die Zeit der Militärdiktatur. Silva, die ihre Religiosität ein Leben lang nie verleugnen wird, schliesst sich befreiungstheologischen Basisgruppen an. Sie engagiert sich für die Rechte der Landarbeiter und Ureinwohner und kämpft schon zu einer Zeit für den Schutz des Regenwaldes, als das öffentliche Bewusstsein für dessen Gefährdung noch gering ist. Zu ihrem grossen Förderer wird der Gewerkschafter und Umweltschützer Chico Mendes, den Grossgrundbesitzer 1988 erschiessen. Heute ist er eine brasilianische Legende.

Im Jahr von Mendes’ Ermordung wählt Rio Brancos Bevölkerung dessen Schülerin mit dem besten Resultat ins Stadtparlament. 1994 wird Silva mit 36 Jahren die jüngste Senatorin des Landes, 2003 bestimmt Lula sie zur Umweltministerin. Umweltschutzorganisationen sind begeistert, die Ernennung der «Frau aus dem Urwald» gilt als Zeichen, dass unter dem einstigen Arbeiterführer alles besser wird in Brasilien. Silva setzt strengere Umweltgesetze durch und erreicht, dass sich die Abholzung des Regenwaldes stark vermindert. Doch im Widerstreit zwischen Ökologie und Ökonomie entscheidet sich Lula immer häufiger für Letztere. Vergeblich kämpft Silva gegen den Anbau genveränderter Pflanzen, gegen Atomkraft und gigantische Staudamm- und Wasserkraftprojekte im Amazonas.

Ihre grosse Rivalin innerhalb des Kabinetts ist die damalige Energieministerin Dilma Rousseff, der Wirtschaftswachstum allemal wichtiger ist als ein Naturschutzreservat oder die Unversehrtheit eines Eingeborenenstammes. Irgendwann hat Silva genug. 2008 tritt sie zurück und verlässt kurz darauf auch die Arbeiterpartei. Als sie zwei Jahre später erstmals als Präsidentin kandidiert, erreicht sie völlig überraschend einen Stimmenanteil von 20 Prozent.

Für ihre Anhänger hat Silva im Laufe ihres Lebens immer wieder bewiesen, was sie auch als Präsidentin auszeichnen würde: unbeirrbare Prinzipienfestigkeit. Für ihre Gegner ist die Grüne nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Eifererin mit wenig exekutiver Erfahrung. Eine unheimliche Charismatikerin, deren Ideale von Nachhaltigkeit, Transparenz und sozialer Gerechtigkeit dazu verurteilt sind, an der Realität zu zerschellen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch