Geister aus Vietnam jagen Trump

Der Präsidentschaftsanwärter steht in der Kritik, weil er sich vor einem Kriegseinsatz in Südostasien gedrückt hatte. Ein Rückblick.

Donald Trump (2. von links) auf der Militärakademie im Jahr 1964. Foto: NYMA

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann, der Amerika mit dem Vietnamkrieg versöhnte, war Forrest Gump. 1994 stolperte er im gleichnamigen Film durch den Dschungel in Südostasien, ein etwas trotteliger, naiver, aber durch und durch netter Kriegsheld. Das war ein anderes Bild vom Krieg in Vietnam als es in früheren Filmen gemalt worden war – in Dramen wie «Apocalypse Now», ­«Platoon» und «Full Metal Jacket», aus denen Dreck, Blut und Wahnsinn troff. Doch irgendwie lassen sich die Geister ­Vietnams nicht vertreiben. Vor einigen Tagen spukten sie wieder, dieses Mal durch die «New York Times», die in einem langen Artikel ­ausbreitete, wie sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump Ende der Sechzigerjahre um den Kriegsdienst in Asien gedrückt hatte. Und plötzlich wird wieder ge­stritten.

Dabei hatte man gedacht, das Thema tauge nicht mehr für einen politischen Streit. Zig Millionen Amerikaner hatten sich damals «Forrest Gump» angeschaut. Und mit dem, was sie da über Vietnam gezeigt bekamen, konnten wohl die allermeisten gut leben. In den US-Uniformen steckten keine irren Kinderkiller, sondern normale Jungs wie Forrest und Bubba aus Alabama, die in den Strudel des Weltgeschehens geraten waren und eigentlich nur ihre Pflicht taten.

Das bestätigte die Sicht der Patrioten, die Vietnam schon immer für weniger schlimm gehalten hatten, als die Linken in Hollywood es darstellten. Und es beruhigte das Gewissen der Kriegsgegner, die ja auch wussten, wie schäbig Amerika die Vietnamveteranen behandelt hatte. Heilung also auf allen Seiten jener grossen, tiefen Kluft, die Amerikas Gesellschaft in den Vietnamjahren ­spaltete. «Forrest Gump» bekam dafür sechs Oscars.

Der langhaarige Drückeberger

Amerikas Konservative liebten den Film vielleicht auch deshalb, weil sie gerade eine Wahl gegen einen dieser langhaarigen Drückeberger verloren hatten. 1992 war Bill Clinton Präsident geworden, der sich Ende der Sechziger als Student vom Militärdienst hatte zurückstellen lassen. In altmodischeren Zeiten hätte es wohl als Verrat gegolten, sich nicht freiwillig zu melden, wenn das Heimatland einen Krieg zu kämpfen hat. Der ehrgeizige Jungspund Clinton wusste schon damals, dass er ein politisches Risiko einging. (Aus genau diesem Grund entschied sich sein späterer Vizepräsident Al Gore für den Militärdienst.) Doch Anfang der Neunzigerjahre, als es zählte, war die Mehrheit der Wähler entspannter. Was sollte schlecht daran sein, gegen einen Krieg opponiert zu haben, der ein verbrecherisches Desaster gewesen war, auch wenn nicht jeder Soldat, der dort kämpfte, ein Verbrecher war?

Was Politikerkarrieren angeht, ist der Umgang mit dem Vietnamkrieg seither recht flexibel geworden, man könnte auch sagen: opportunistisch bis zur Heuchelei. Das begann 2004 mit der Kandidatur des Demokraten John Kerry gegen den amtierenden Präsidenten George W. Bush. Ausgerechnet die Partei, die den Widerstand gegen den Krieg in Vietnam immer stolz zu ihrem Erbe gezählt hatte – ungeachtet dessen, dass es demokratische Präsidenten waren, die den Krieg begonnen hatten –, schickte einen Mann ins Rennen ums Weisse Haus, der in Vorbereitung seiner Kandidatur ein dickes Buch über seinen Kriegsdienst hatte schreiben lassen.

Kerry war nach der amerikanischen Definition ein Kriegsheld. Er kommandierte 1968 und 1969 ein Schnellboot in Vietnam, wurde mehrmals verwundet und mit Orden ausgezeichnet. Im Wahlkampf trat er gern mit militärischem ­Salut und den Worten «Ich heisse John Kerry und melde mich zum Dienst» ans Mikrofon – ein Hieb gegen Bush, der seinen Militärdienst damals, in Sicherheit und gut versorgt mit alkoholischen Getränken, auf einem Luftwaffenstützpunkt in Texas ableisten durfte.

Reden über Pflichterfüllung

Kerrys Auftritt war aber auch ein Hieb gegen Leute wie Bushs Vizepräsident Dick Cheney oder den Republikaner Newt Gingrich, die beide viel über Patriotismus und Pflichterfüllung redeten, aber (um Cheney zu zitieren), «in den Sechzigerjahren andere Prioritäten als den Militärdienst» hatten. Und natürlich war das militärische Gehabe des Leutnant a. D. John Kerry genauso ein Hieb gegen den Parteifreund Bill Clinton. Aber das sagte Kerry nicht.

Was Kerry in seinem Präsidentschaftswahlkampf ebenfalls nicht mehr erwähnte, war, dass er nach seiner Rückkehr aus Vietnam Anfang der Siebzigerjahre zu den lautesten Gegnern dieses Kriegs zählte, öffentlich die Kriegsverbrechen dort anprangerte und angeblich sogar aus Protest seine Orden wegwarf. Kerry vollführte damals einen Eiertanz, ob er nun tatsächlich die Orden weggeschmissen hatte oder nur die Ordensbändchen, oder ob es seine Orden waren oder die anderer wütender Veteranen. Als es darauf ankam, waren Kerrys Orden jedenfalls plötzlich wieder da: der Silver Star, der Bronze Star und die Purple Hearts.

Egal, was John Kerry tatsächlich über den Krieg in Vietnam gedacht haben mag: Im Wahlkampf 2004 – drei Jahre nachdem 9/11 den Heroismus in Amerika wiederbelebt hatte – schien die Tatsache, ein dekorierter Kriegsheld gewesen zu sein, offenbar wichtiger zu sein als die Frage, in welchem Krieg eigentlich.

Gegen einen Drückeberger verloren

Mit der bösen Genialität der Bush-Verbündeten hatte Kerry freilich nicht gerechnet. Sie fanden einige frühere Kameraden von Kerrys Schnellboot, die ihren alten Kapitän nicht mochten und Geschichten – angeblich die «Wahrheit» – darüber erzählten, wie sich der Kandidat seine Auszeichnungen zusammen­gelogen hatte. Die sogenannten «Swift Boat Veterans for Thruth» demontierten den Kriegshelden Kerry binnen weniger Wochen so gründlich, dass er gegen Drückeberger Bush verlor.

Vielleicht wäre das ein guter Schlusspunkt gewesen. Vielleicht hätte man sagen können: Vietnam ist lange her. Wer sich – je nach Sichtweise – drückte oder weigerte, an einem verbrecherischen Krieg teilzunehmen, das ist nicht mehr so wichtig. Doch dann kam die «New York Times», die Trump vorhielt, sich um Vietnam herumgemogelt zu haben. Zumal er als Jugendlicher an der New Yorker Military Academy in Cornwall-on-Hudson eine vormilitärische Ausbildung absolviert hatte. Nach dem Highschool-Abschluss am Privatinstitut liess er sich zunächst als Student freistellen, dann wegen eines angeblichen Fersensporns, einer Fusskrankheit. Der ganze «Times»-Artikel war mit einem indignierten Unterton geschrieben, der einerseits gerechtfertigt ist: Trump hat öffentlich die Eltern eines im Irak gefallenen muslimischen Soldaten verhöhnt, das sollte man schon aus Anstand und Respekt vor einem Toten besser bleiben lassen – allemal wenn man, als man selbst mit dem Militärdienst an der Reihe war, «andere Prioritäten» hatte.

Andererseits: Trump hat in den Sechzigern auch nichts anderes getan als viele andere weisse Jungs, die sich ein Studium leisten konnten und so um den Kriegsdienst herumkamen. Kann man ihm das vorwerfen, wenn man es Bill Clinton durchgehen lässt? Ist es moralisch besser, wenn sich jemand aus politischer Opposition gegen einen bestimmten Krieg um den Wehrdienst drückt oder weil er eben einfach sein leichtes College-Leben mit Bier und Mädchen weiterleben will?

Soldaten wie Dreck behandelt

Vielleicht hat die wahllose Stilisierung von Menschen in Uniform zu «Helden», die in Amerika üblich geworden ist, damit zu tun, dass man eine ganze Generation von Soldaten wie Dreck behandelt hat. Aus ihnen allen – und aus allen Feuerwehrleuten, Sanitätern und Polizisten gleich dazu – nun Heroen zu machen, ist allerdings genauso falsch. Das sieht man spätestens dann, wenn einer dieser Helden bei einer Verkehrskontrolle einen Wehrlosen erschiesst.

Man sieht es aber vor allem beim Militär. Hauptmann Humayun Khan – der Soldat, dessen Eltern Trump beleidigte – fiel 2004 im Irak durch Feindeinwirkung. Allein das reicht für eine Grabstelle auf dem Nationalfriedhof in Arlington und den Heldenstatus. Was Hauptmann Khan eigentlich an jenem 8. Juni im irakischen Bakuba zu suchen hatte, wird hingegen mit keinem Wort diskutiert. Es gilt heute als ausgemacht, zumal unter den Demokraten, die nun auf Trump einhauen, dass Bushs Einmarsch im Irak ein blutiges Desaster war, ähnlich dem Krieg in Vietnam. Wenn das so ist, bedeutet das aber auch, dass die Soldaten, die dort gefallen sind, für einen Fehler, eine Lüge, vielleicht sogar für ein Verbrechen gestorben sind. Sind sie trotzdem Helden? Oder eher Opfer ihrer eigenen Regierung? Man weiss auch nicht, was der muslimische Hauptmann Khan eigentlich über den Krieg im Irak dachte, der von der politischen Rechten in seinem Heimatland immer wieder als Kreuzzug gegen die Ungläubigen dargestellt wurde. Wollte er dafür sein Leben geben?

Man weiss nur, dass Humayun Khan tot ist und seine Eltern trauern. Der Film über ihn muss noch gedreht werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2016, 22:35 Uhr

Bildstrecke

Soldat Humayun Khan

Soldat Humayun Khan Ein Gefallener bewegt Amerikas Gemüter - mehr als zehn Jahre nach seinem Tod im Irak. Donald Trump hatte seine Eltern verbal attackiert, nachdem sie dem Präsidentschaftskandidaten vorgeworfen hatten, bisher kein wahres Opfer für die USA gebracht zu haben.

Artikel zum Thema

Der tote Soldat, der Trump zum Stolpern bringt

Dank Trumps jüngster verbaler Entgleisung wurde ein gefallener pakistanisch-stämmiger US-Soldat posthum berühmt. Wer war Humayun Khan, und wofür kämpfte er? Mehr...

Nun wittert Trump eine Verschwörung

Video Trumps jüngster Fehltritt mit der Familie Khan spaltet die republikanische Partei. Jetzt glaubt er an eine Verschwörung – und bekommt in der Veteranenfrage auch Zuspruch. Mehr...

Trump und die Khans – ein Fehltritt zu viel?

Donald Trump ist ein notorischer Polterer. Seine Anhängerschaft verschreckt das bisher wenig. Doch mit seinem jüngsten Affront könnte er einen Schritt zu weit gegangen sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...