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Die «Eiserne Lady» Brasiliens

Dilma Rousseff will die erste Präsidentin Brasiliens werden. Weshalb die Chancen dafür gut stehen, zeigt ein Blick in die Slums von São Paulo.

Amtsübergabe: Rousseff mit ihrem Ziehvater Lula am 1. Januar 2011.
Amtsübergabe: Rousseff mit ihrem Ziehvater Lula am 1. Januar 2011.
Reuters
Händeschütteln: Dilma Rousseff begrüsst ihre Anhänger.
Händeschütteln: Dilma Rousseff begrüsst ihre Anhänger.
AFP
Aufgewachsen ist Rousseff in der Stadt Belo Horizonte.
Aufgewachsen ist Rousseff in der Stadt Belo Horizonte.
Keystone
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Warum die vor wenigen Monaten noch weitgehend unbekannte brasilianische Präsidentschaftskandidatin Dilma Rousseff so populär ist, wird im Slum Paraisopolis schnell klar. In den Elendsquartieren der «Paradiesstadt» mitten in einem der reichsten Viertel von São Paulo hat der scheidende Staatschef Luis Inacio Lula da Silva viele Anhänger, die nun auch seine ausersehene Nachfolgerin unterstützen.

«Ich bin für Dilma», erklärt Darley Oliveira in seiner Bäckerei. «Sie ist Lulas Kandidatin, und sie wird fortsetzen, was er begonnen hat.» Die 62-Jährige gilt als Favoritin bei der Wahl am Sonntag; sie wäre die erste Frau an der Spitze des Staates.

Ihre Umfragewerte haben infolge eines Korruptionsskandals um eine ehemalige Mitarbeiterin in jüngster Zeit zwar gelitten, so dass sie nicht mehr unbedingt damit rechnen kann, mit absoluter Mehrheit bereits im ersten Wahlgang ins Amt zu kommen. Doch mit 46 Prozent hat die Politikerin der regierenden Arbeiterpartei (PT) immer noch einen komfortablen Vorsprung vor dem Kandidaten der Sozialdemokraten (PSDB), Jose Serra. Marina Silva von den Grünen kommt auf 14 Prozent.

Wunsch nach Kontinuität

Bis zum Wahlkampfbeginn im Juli wusste Oliveira nicht, wer Rousseff ist. Doch: «Das ist nicht wichtig. Mir reicht es zu wissen, dass sie Lulas Kandidatin ist», sagt der Bäcker. «Endlich hatten wir mal einen Präsidenten, der wirklich was für die Armen getan hat. Ich bin sicher, Dilma wird das auch tun.»

Wandel scheint nicht angesagt; die Mehrheit der Brasilianer ist offenbar mit dem bisherigen Kurs zufrieden. Seit Lulas Amtsantritt 2003 bis Ende vorigen Jahres haben sich einer Studie zufolge 20,5 Millionen Brasilianer aus der Armut befreit, und 29 Millionen schafften es in den in den Mittelstand. Bei 135 Millionen Wahlberechtigten ist das ein Wählerpotenzial, auf das die Arbeiterpartei zählen kann. Dazu kommt, dass Brasilien die globale Krise besser überstanden hat als andere Länder, der Arbeitsmarkt dieses Jahr ein Rekordwachstum verzeichnete und ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent erwartet wird.

Der Wirtschaftswissenschaftlerin Rousseff fehlt zwar der Charme und die Volkstümlichkeit Silvas, doch ihr Lebensweg ist mindestens so dramatisch wie der des früheren Gewerkschaftsführers. Sie gehörte zum bewaffneten Widerstand gegen die Militärdiktatur 1964-1985 und wurde dafür inhaftiert und gefoltert. Sie überstand eine Krebserkrankung. Sie gehörte Silvas Regierung als Energieministerin und Stabschefin an und pflegt einen Führungsstil, der ihr den verhassten Spitznamen «Eiserne Lady» eingetragen hat.

«Jeanne d'Arc» der Guerilla

«Sie ist entscheidungsfreudig, hart, klug, gut organisiert und darauf aus, ihre Partei zu stärken», urteilt Michael Shifter, Präsident des Inter-Amerikanischen Dialogs. «Sie wird im wesentlichen den von Lula eingeschlagenen Kurs fortsetzen, doch ohne das fröhliche Charisma und die Anziehungskraft, die er besitzt.»

Die Tochter eines aus Bulgarien stammenden Anwalts und einer Lehrerin wurde schon früh politisiert, schloss sich 1967 als 19-jährige Studentin dem Widerstand an, unterrichtete die Genossen in Marxismus und schrieb für eine Untergrundzeitung. Als sie 1970 von der Militärpolizei verhaftet wurde, bezeichnete sie ein Ankläger als «Jeanne d'Arc» der Guerilla. Drei Jahre sass sie in Haft, wurde blutig zusammengeschlagen, mit Elektroschocks und anderen Foltermethoden wie der «Papageienschaukel» gequält.

Nach der Freilassung zog sie in den Süden, traf ihren - inzwischen geschiedenen - Ehemann Carlos Araujo wieder, bekam eine Tochter und beendete ihr Studium. Als die Diktatur zu bröckeln begann, engagierte sie sich politisch und stieg in öffentlichen Ämtern auf: Finanzchefin in Porto Alegre, Energieministerin des Bundesstaates Rio Grande do Sul, nach Silvas Wahlsieg 2003 in seinem Kabinett als Energieministerin und Chefin des Stabes.

Traum vom besseren Leben

Ihre politischen Überzeugungen hätten sich zwar - vom Marxismus zum pragmatischen Kapitalismus - drastisch gewandelt, sagte Rousseff vor einigen Jahren in einem Zeitungsinterview. Doch sie sei weiterhin stolz auf ihre Wurzeln: «Wir haben dafür gekämpft und davon geträumt, ein besseres Brasilien zu schaffen», erklärte sie. «»Wir haben viel gelernt. Wir haben eine Menge Unsinn angestellt, aber das macht uns nicht aus. Was uns ausmacht ist, dass wir gewagt haben, ein besseres Land zu wollen.»

Genau das wollen auch die Einwohner von Paraisopoli. Neue Wohnblocks mit 2.400 Einheiten, gestrichen im traditionellen Rot der Arbeiterpartei, sind für sie ein Zeichen der Hoffnung. «Ich stimme für Dilma, das können Sie glauben», verkündet die 28-jährige Vanessa Silvamento, Maniküre in einem Schönheitssalon im Slum und Mutter einer vierjährigen Tochter. «Ich verstehe vielleicht nicht viel von Politik. Aber ich weiss, dass eine Regierung hier endlich was verändert hat. Das gibt mir mehr Sicherheit im Leben.»

(dapd)

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