Die Einwanderer wollen gar nicht mehr nach Amerika

Die neue harte Einwanderungspolitik der USA verändert auch die Nachbarländer. Wo Immigranten jetzt ihr Glück suchen wollen.

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Vor wenigen Tagen klang es, als drohe Kanada der Ausnahmezustand. Weil die Stadt Montreal die vielen Asylbewerber nicht unterbringen könne, werde das örtliche Olympiastadion kurzfristig zum Zwischenlager umfunktioniert, hiess es. Dort finden 56 000 Zuschauer Platz.

In Wahrheit stehen in den Katakomben des Stadions nun vorläufig 150 Betten, die Kapazität kann auf 450 erweitert werden. Der Ausnahmezustand ist nicht in Sicht. Doch alleine die Symbolik genügt, um manchen Kanadier zu verunsichern: Das Land gilt als offen, aber auch wählerisch, wenn es um das Thema Einwanderung geht.

Montréals Bürgermeister Denis Codere hiess die Ankömmlinge via Twitter willkommen, konnte sich aber einen Seitenhieb nicht verkneifen: Das Ganze sei «eine weitere Konsequenz der missratenen Einwanderungspolitik Donald Trumps».

Haitianer auf dem Weg nach Norden

Das Thema wird dem Land erhalten bleiben. Derzeit erreichen täglich etwa 150 Asylsuchende die Provinz Québec, in dem Montreal liegt. Das sind so viele, wie im vergangenen Jahr noch in einem Monat ankamen. Seit Beginn der Trump-Ära steigt die Zahl der Ankömmlinge, die über die grüne Grenze aus US-Bundesstaaten wie New York, Maine und Vermont kanadischen Boden betreten, stetig.

Als die US-Regierung das Einreiseverbot für Muslime verhängen wollte, machten sich Syrer und Somalier im tiefsten Winter auf den Weg von den USA nach Norden. Derzeit sind es jedoch vor allem Haitianer, die bislang in den USA geduldet waren und die jetzt nach Kanada kommen: Nach dem schweren Erdbeben auf der Insel im Jahr 2010 hatte die damalige US-Regierung veranlasst, dass illegal im Land befindliche Haitianer vorläufig nicht ausgewiesen werden.

Die Trump-Regierung hat nun deutlich signalisiert, das Programm im Januar 2018 auslaufen zu lassen. Damit wären auf einen Schlag 58'000 Menschen von der Abschiebung bedroht. Die Ersten von ihnen zieht es deshalb nach Montreal, weil dort bereits eine grosse haitianische Diaspora zu finden ist.

Falschnachrichten über Kanada

Eine weitere Rolle spielt die wachsende Feindseligkeit, die viele undokumentierte Einwanderer in den USA spüren. «Das Schlechtmachen von Immigranten in den USA hört nicht auf, es ist unerträglich geworden», zitiert die Zeitung Globe and Mail einen Haitianer, der aus Boston nach Norden ging. «Ich musste einfach etwas tun.» Sich viral verbreitende Falschnachrichten über Whatsapp, wonach Kanada geduldete Haitianer ohne weitere Prüfung aufnehme, beschleunigen den einsetzenden Mini-Exodus.

Dabei ist es unwahrscheinlich, in Kanada Asyl zu erhalten: Die Hürden für die Anerkennung sind hoch und das Land hat vergangenes Jahr bereits sein Duldungsprogramm für Haitianer eingestellt. Wer sich an einem offiziellen Grenzübergang meldet, wird ohnehin fast immer direkt zurückgeschickt. In einer Vereinbarung zwischen den USA und Kanada erkennen sich beide als sichere Drittstaaten an; wer nachweisbar bereits vorher einen Fuss in das andere Land gesetzt hat, muss auch dort Asyl beantragen.

18'000 Asylanträge in Kanada allein in diesem Jahr

Viele Menschen reisen deshalb über die grüne Grenze ein, wo die kanadische Regierung nun neue Registrierungsstellen errichtet hat. Damit versucht sie, die Tür für Flüchtlinge aus den USA zu öffnen, ohne diplomatische Verwerfungen zu riskieren. Eine Prüfung aller Ankömmlinge an offiziellen Grenzposten würde nicht nur weitere Menschen aus dem Süden anlocken; die kanadische Regierung würde damit den USA de facto die Rolle als sicherer Drittstaat aberkennen.

Würden jedoch umgekehrt auch Asylsuchende an der grünen Grenze zurückgeschickt, würden damit auch jene Menschen abgewiesen, die womöglich tatsächlich ein humanitäres Bleiberecht verdient hätten - dies würde als «unkanadisch» gelten.

In diesem Jahr haben bereits mehr als 18'000 Menschen Asylanträge in Kanada gestellt, das entspricht bereits drei Viertel der Anträge des Gesamtjahrs 2016. Die kanadische Regierung rechnet damit, dass die Zahl in den kommenden Jahren der Trump-Ära weiter zunehmen wird.

Eine ähnliche Entwicklung ist derzeit auch südlich der USA zu beobachten. Die mexikanische Regierung rechnet in diesem Jahr mit 20'000 Asylanträgen - das sind doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und fast sechsmal so viel wie 2015. Der harte Anti-Einwanderungs-Kurs der Trump-Regierung hat Ausweisungen und Abschiebehaft selbst für langjährig im Land lebende Menschen forciert.

Die Instabilität im «nördlichen Dreieck» wird nicht so schnell verschwinden

Was Trump und seine Anhänger als grossen Erfolg verbuchen können, hat Latino-Gemeinschaften in den USA verunsichert und Farmern von Kalifornien bis Wisconsin einen Arbeitskräftemangel beschert. Jene Menschen aus dem «nördlichen Dreieck» Guatemala, El Salvador und Honduras, die zuletzt den Grossteil der illegalen Neuankömmlinge ausmachten, schrecken nun vor der Reise nach Norden zurück. Die Menschenschmuggler verlangen ohnehin immer höhere Risikozuschläge.

Stattdessen bleiben viele von ihnen in Mexiko und beantragen Asyl, häufig unter Berufung auf die Herrschaft der Gangs in ihrer Heimat. Dass sie mit Mexiko an ein Land geraten sind, das in einigen Regionen selbst ein massives Kartell- und Gewaltproblem hat, ist nur ein Teil ihrer Schwierigkeiten. Der südliche Nachbar der USA hat zwar offiziell ein relativ grosszügiges Asylsystem, legt es in der Praxis jedoch meistens streng aus.

Integrationsprogramme für Flüchtlinge gibt es ebensowenig wie Schutz vor Ausbeutung und Verbrechen: Einigen Berechnungen zufolge haben nur ein Prozent der Delikte gegen Migranten eine gerichtliche Verurteilung zur Folge. Noch ist nicht abzusehen, ab wann das Thema für Spannungen sorgen wird, schliesslich sind viele Mexikaner doch selbst im Niedriglohnsektor tätig und konkurrieren mit den Neuankömmlingen.

Die Instabilität im «nördlichen Dreieck» wird nicht so schnell verschwinden. Die Organisation «Ärzte ohne Grenzen» forderte Kanada deshalb jüngst dazu auf, mehr Einwanderung aus Mittelamerika zuzulassen. Doch weder der nördliche, noch der südliche Nachbar haben ein Interesse daran, die USA als erstes Zuwanderungsziel von in der Regel schlecht ausgebildeten Menschen abzulösen.

Noch ist der Druck verglichen mit Europa überschaubar, doch im kommenden Jahr entscheidet die US-Regierung über die Verlängerung des temporären Asyls von 257'000 Flüchtlingen aus Honduras und El Salvador. Sollte Trumps Heimatschutzministerium deren Aufenthaltserlaubnis widerrufen, ist die nächste Wanderungsbewegung absehbar.

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