Die dunkle Seite von Mississippi

Die heutige Senatswahl gibt den Blick auf die beschämende Geschichte des Staats frei. Nirgendwo litten Afroamerikaner mehr.

  • loading indicator
Martin Kilian@tagesanzeiger

Mississippi war stets ein Aussenseiter, traditionell der ärmste US-Bundesstaat und zugleich ein Ort mit einer hässlichen Rassengeschichte. Dass der Blues in Mississippi geboren wurde, war kaum ein Zufall: Im fruchtbaren Delta zwischen dem Mississippi-Fluss und dem Yazoo-Fluss gedieh auf riesigen Plantagen die Baumwolle, das Schicksal afroamerikanischer Landarbeiter aber war geprägt von Armut, Unterdrückung und Leid. Noch 1964 beschrieb der Historiker James Silver den Südstaat in einem aufsehenerregenden Buch gleichen Namens als eine «geschlossene Gesellschaft», die Afroamerikanern den Zugang zu bürgerlichen Rechten notfalls mit Gewalt verwehrte.

Untrennbar ist die heutige Senatswahl zwischen der weissen Republikanerin Cindy Hyde-Smith und dem schwarzen Demokraten Mike Espy mit der Geschichte des Staats verbunden, wiederholt spülte der Wahlkampf Mississippis beschämende Vergangenheit hoch. Hyde-Smith war im April vom republikanischen Gouverneur Phil Bryant zur Nachfolgerin des schwer erkrankten Senators Thad Cochran ernannt worden, nun muss sie ihr Amt gegen Espy, ehemals Landwirtschaftsminister in der Clinton-Administration, in einer Stichwahl verteidigen.

Für Trump ist sie «herausragend»

Die Republikanerin gilt als Favoritin, doch ist ihr Vorsprung mehreren Umfragen zufolge so gering, dass Donald Trump gestern vorsichtshalber zu zwei Wahlveranstaltungen einflog. Hyde-Smith sei «eine herausragende Person», twitterte Trump über die Senatorin, die ihn im Washingtoner Senat vorbehaltlos unterstützt. Beispielhaft steht sie für Gegenwart wie Vergangenheit eines Staats mit dem grössten afroamerikanischen Bevölkerungsanteil – nahezu 40 Prozent – sowie einem selbst für US-Südstaaten brutalen Umgang mit Schwarzen.

1954 ordnete das oberste Bundesgericht die Aufhebung der Segregation in öffentlichen Schulen an, erst 1970 aber setzte Mississippi nach erbittertem weissen Widerstand das höchstrichterliche Urteil um – worauf viele Weisse ihre Kinder auf eigens gegründete Privatschulen schickten. Auch die spätere Senatorin besuchte eine dieser Schulen. Ihre Tochter ging in Hyde-Smiths Wohnort Brookhaven ebenfalls auf eine Privatschule. 2016 wurde diese Schule von 386 weissen Kindern, jedoch nur einem einzigen schwarzen Kind besucht – obwohl Brookhaven laut dem US-Zensus 55 Prozent schwarz und 43 Prozent weiss ist.

Früher regierten rassistische Demokraten

Mississippi wurde bis in die 70er-Jahre ausschliesslich von rassistischen Demokraten, sogenannten «Dixiecrats» regiert. Sie waren überzeugt von der «genetischen Unterlegenheit» Schwarzer und hielten die afroamerikanische Bevölkerung mit Terrormethoden in Schach. Ungesühnte Lynchmorde, Bombenanschläge auf afroamerikanische Einrichtungen und willkürliche Festnahmen waren an der Tagesordnung, nirgendwo erlebten Bürgerrechtler in den 60er-Jahren Schlimmeres als in Mississippi.

Als 1964 drei Bürgerrechtler, die afroamerikanische Wähler registrieren wollten, spurlos verschwanden, schaltete sich Präsident Lyndon Johnson persönlich in die Suche ein und telefonierte mit Mississippis demokratischem Senator James Eastland, einem berüchtigten Rassisten. «Jim, wir haben drei vermisste Kids da unten, was soll ich tun?», fragte Johnson. «Ich glaube nicht, dass die drei vermisst sind», erwiderte Eastland. Denen gehe es lediglich um «Publizität», wahrscheinlich seien sie in Chicago.

Tage später wurden die Leichen von Mickey Schwerner, James Chaney und Andrew Goodman nahe der Ortschaft Philadelphia gefunden. Sie waren vom Ku-Klux-Klan ermordet worden. James Eastland, so Johnson später, könnte «mitten in der schlimmsten Mississippi-Flut stehen und würde behaupten, das hätten Nigger mithilfe von Kommunisten angerichtet».

Aus Demokratin wurde Republikanerin

Nach der Verabschiedung von Johnsons Bürgerrechtsgesetzen Mitte der 60er-Jahre sowie der erzwungenen Aufhebung der Rassentrennung wandelte sich Mississippi wie andere Südstaaten zu einer republikanischen Bastion: Weisse wählten republikanisch, Schwarze demokratisch. Cindy Hyde-Smith ging mit der Zeit und wechselte 2011 ebenfalls die Partei: Aus der Demokratin wurde eine Republikanerin, da andernfalls ihre politische Karriere gefährdet gewesen wäre. Als sie 2014 das Haus des ehemaligen konföderierten Präsidenten Jefferson Davis in Biloxi besuchte, liess sich Hyde-Smith mit der Kopfbedeckung konföderierter Soldaten ablichten. «Ein Höhepunkt der Geschichte Mississippis», beschrieb sie ihren Besuch auf Facebook.

Man soll die Stimmabgabe für Liberale etwas schwieriger machenCindy Hyde-Smith

Im Wahlkampf leistete sich die Senatorin ebenfalls mehrere Ausrutscher. Anfang November versicherte sie einem Bewunderer, bei einer «öffentlichen Erhängung» wäre sie «in der ersten Reihe» zu finden – eine geschmacklose Bemerkung in einem Staat, wo Afroamerikaner oftmals ohne Verfahren öffentlich gehängt wurden. Nur einen Tag später schien Hyde-Smith Barrieren für die Ausübung des Wahlrechts zu befürworten, als sie erklärte, man solle die Stimmabgabe für Liberale «ein bisschen schwieriger machen». Auch das erregte Unmut in einem Staat, der schwarzen Bürgern mit nahezu allen Mitteln die Ausübung ihres Stimmrechts verwehrte.

Nicht nur forderten Unternehmen wie Walmart und der Versicherungskonzern Aetna daraufhin ihre Wahlkampfspenden von Hyde-Smith zurück. Überdies verprellte die Senatorin damit einen Teil der weissen Wählerschaft, der mit Mississippis Geschichte brechen möchte und ein verbessertes Image des Staats anstrebt. Dennoch wäre es eine Sensation, wenn Mike Espy bei der heutigen Wahl als Sieger hervorginge. Mississippi mag endlich auf dem Weg in eine bessere Zukunft sein, noch aber hängt die Vergangenheit dem Staat als eine schwere Last an.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt