Die Angst vor dem Tod prägte seine Politik

George H. W. Bush navigierte die USA als Präsident durch das Ende des Kalten Krieges und ermöglichte die deutsche Einheit. Populär wurde er erst später. Ein Nachruf.

Diplomatischer Präsident in dramatischen Zeiten: George H. W. Bush ist tot. Video: AP

Ein Versager, wie es ihn selten gegeben hat in der langen Reihe der US-Präsidenten. Ein «One Term President», vier Jahre nur im Amt, nicht wiedergewählt. Einer, der es nie geschafft hat, aus dem Schatten seines Vorgängers zu treten, der seine Versprechen gebrochen hat. Und: ein Langweiler.

Das war lange das Bild, das die öffentliche Wahrnehmung von George Herbert Walker Bush bestimmte. Jetzt ist er, der die vergangenen Jahre an Parkinson gelitten hat, im Alter von 94 Jahren gestorben – und wird als einer der populärsten Präsidenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die US-Historie eingehen. Lange hat es keinen US-Präsidenten mehr gegeben, dessen Imagewandel nach der Amtszeit so tiefgreifend war.

In die Jahre 1989 bis 1993, die Jahre seiner Präsidentschaft, fallen politische Ereignisse von globaler Bedeutung: das Ende des Kalten Krieges, die deutsche Wiedervereinigung und der erste Irakkrieg. Ohne George H. W. Bush an der Spitze der zumindest damals mächtigsten Nation der Welt hätten diese Ereignisse eine andere, eine möglicherweise zerstörerische Wendung genommen. Denn Bush wusste, was Krieg bedeutet – und wie wichtig es ist, Dinge zum Positiven zu wenden.

Der 2. September 1944 war ein entscheidender Tag in seinem Leben. George H. W. Bush hat gerade eine Bombe auf eine japanische Funkstation abgeworfen, als sein Flugzeug über dem Pazifik abgeschossen wird. Der Lieutenant Junior Grade rettet sich aus dem Flugzeug per Fallschirm, die drei anderen Soldaten im Flugzeug schaffen es nicht. Drei Stunden schwimmt Bush durch den Ozean, hinter ihm ein japanisches Schiff. Erst dann nimmt ihn ein US-amerikanisches U-Boot auf.

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Kein typischer Politiker

Dieser Schock, der Tod der Kameraden, die drei Stunden im Wasser, die Angst vor dem eigenen Tod, das hat das Leben von George H. W. Bush geprägt.

Bush war kein typischer Politiker. Im Kern seines Wesens wollte er mit der Politik nichts zu tun haben. Er hielt sie für eine schmutzige, eine unfaire Sache. Aber eben eine, die man mitmachen musste. So lange, bis man Präsident ist, also in einem Amt, das einen aus all dem Schmutz und der Unfairness erhebt.

Er war ein Mann mit Prinzipien, angetrieben vom Konkurrenzdenken, er wollte es allen zeigen. Vor allem seinem Vater Prescott Bush, für ihn eine überlebensgrosse Figur, der als Investor und im Ölgeschäft ein Vermögen gemacht hatte.

Bush ging immer seinen eigenen Weg

Deshalb lehnt Bush am Tag, nachdem er sein Studium an der Eliteuniversität Yale abgeschlossen hatte, ein Angebot ab, das ihn nach New York geführt hätte, an die Wallstreet. Bush hätte Banker werden können, Finanzinvestor. So wie sein Grossvater, sein Vater und seine drei Brüder. Doch er wollte nach Texas. Bush wollte seinen eigenen Weg gehen, sich beweisen.

Bush ging nach West-Texas. Dorthin, wo es am windigsten ist, im Sommer am heissesten und im Winter am kältesten. In den Wilden Westen. Bush stieg ins Ölgeschäft ein. Gründete selbst drei Unternehmen.

In den USA ist für viele die Gegend, aus der ein Mensch stammt, gleichbedeutend damit, wer dieser Mensch ist. Der heimatliche Bundesstaat als Charakterzug. George H. W. Bush wurde in Massachusetts an der Ostküste der Vereinigten Staaten geboren, aufgewachsen ist er in Greenwich, Connecticut, wenige Meilen nördlich von New York.

Vermögend geboren, seine Familie, sein Clan: Geldadel. Auf der Eliteuniversität Yale knüpfte Bush Kontakte zu den mächtigsten Familien der Vereinigten Staaten, war Mitglied in der Studentenverbindung «Skulls and Bones». Im Jahr 1945 heiratete er standesgemäss. Barbara Pierce, eine Nachfahrin des 14. Präsidenten der USA.

Bush begriff sich als neuenglischer Patrizier, als liberaler Republikaner. Haltung, Pflicht, harte Arbeit und Noblesse oblige, das waren die Koordinaten, um die herum er seine Laufbahn aufbaute. «Ich habe ihn niemals furzen gehört», sagte sein Sohn Jeb einmal über seinen Vater.

Ohne Texas wäre er nie Präsident geworden

Mit seinem Umzug nach Texas erfand er sich neu, entzog sich der Familientradition. Als Politiker hatte er anfangs eine harte Zeit – aber eine, die ihn prägte. Zu Beginn seiner politischen Karriere, als Vorsitzender der Republikanischen Partei in Harris County, nahm ihm, dem Yankee, jedenfalls keiner den Texaner ab. So sehr Bush sich auch anbiederte.

Er stopfte, sobald eine Kamera in der Nähe war, geröstete Schweinehaut in sich hinein, behauptete, Countrymusik gut zu finden und sogar Dolly Parton. Kurz: Bush versuchte den Eindruck zu erwecken, als sei er nicht in einer Villa mit neun Schlafzimmern aufgewachsen, sondern in einem Wohnwagen im Trailerpark ohne fliessendes Wasser. Er mutierte vom Yankee zum Raubein. 1964, im Wahlkampf um einen Sitz im Senat, wütete er wie besessen gegen die Bürgerrechtsgesetzgebung des damaligen Präsidenten Lyndon Johnson, gegen Liberalität, gegen Martin Luther King – und verlor.

Und trotzdem: Ohne Texas wäre Bush nie Präsident geworden. Dort relativierte sich das Elitäre seiner Herkunft, die Unnahbarkeit, die er ausstrahlte. Wer nach Ronald Reagan am Ende des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten Präsident werden wollte, der musste ein bisschen wie Texas sein: patriotisch, konservativ, religiös.

Er sah aus, wie sich Amerika einen Leader vorstellte

1966 wurde Bush als Abgeordneter von Houston ins Repräsentantenhaus gewählt, blieb aber ein politisches Leichtgewicht und scheiterte 1970 erneut beim Versuch, Senator zu werden. Anschliessend wurde er mit einigen hochrangigen Ämtern betraut, war US-Botschafter bei der UNO für Präsident Richard Nixon, Vorsitzender des Republican National Committee, US-Botschafter in Peking für Präsident Gerald Ford. Von 1976 bis 1977 war Bush Direktor des Geheimdienstes CIA.

George H. W. Bush war ein Mann, der sein Leben statuarisch repräsentierte. 1,88 Meter gross, schlank, sportlich. Bush sah in seinen eng geschnittenen Sakkos aus, wie sich Amerika einen durchsetzungsstarken Leader gemeinhin so vorstellte. Und er wusste das zu nutzen. Im Vorwahlkampf gegen Ronald Reagan 1980 zum Beispiel. Da passte Bush seinem Rivalen in dem Moment ab, als dieser ein Hotel in Florida verliess.

Wie aus dem Nichts tauchte Bush auf, im T-Shirt und in kurzen Hosen joggte er an Reagan und den aufgeregt knipsenden Fotografen vorbei. Der alternde ehemalige Gouverneur von Kalifornien auf der einen Seite, der über zehn Jahre jüngere, durchtrainierte Herausforderer auf der anderen Seite. Bush lächelte dieses für ihn so typische Lächeln. Eiskalt, siegesgewiss und zuversichtlich.

Am Ende konnte sich der Favorit Reagan zwar durchsetzen, doch er holte sich Bush an seine Seite. Gemeinsam gewannen sie das Rennen um das Weisse Haus gegen Jimmy Carter, Bush wurde Vizepräsident – und acht Jahre später war er am Ziel.

Die Herzen erreichte er selten

Es war der 20. Januar 1989. Bush war Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Der 41. In seiner Antrittsrede verkündete er, die einzige Supermacht der Welt möge eine freundlichere und sanftere Nation werden.

Was folgte, war eine Epoche beispielloser, dramatischer Veränderungen. Für die wenigsten war Bush verantwortlich. Ihm fiel die Aufgabe zu, das, was bereits ins Rollen gekommen war, in die richtigen Bahnen zu lenken. Im Gegensatz zu Reagan war er ein nüchterner Verwalter. Mit Emotionen oder Gefühlen tat er sich immer schwer – und erreichte deshalb auch nur selten die Herzen der Menschen.

Und das, obwohl er eine neue Weltordnung verkünden konnte. Bush vollendete, worauf Reagan in den Achtzigerjahren hingearbeitet hatte: den friedlich erkämpften Sieg im Kampf der Systeme, im Kalten Krieg. Die Sowjetunion brach auseinander. Der ultimative Triumph. Bush verzichtete auf Triumphgeheul.

Höhepunkt deutsch-amerikanischer Beziehungen

Auch beim Fall der Berliner Mauer. Die Deutsche Einheit 1990 wäre ohne Bush so nicht zustande gekommen. Gegen die Bedenken europäischer Verbündeter wie Grossbritannien und Frankreich trieb er die Einheit entschlossen voran.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem Bush eine tiefe, vertrauensvolle Freundschaft verband, erklärte gar, dass es ohne diesen heute keine deutsche Einheit gäbe. Partnership in Leadership – Partner in der Führung, das waren die geflügelten Worte damals. Ein Höhepunkt der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Bush Senior war Deutschland so wohlgesonnen wie wohl kaum ein anderer US-Präsident jemals zuvor und danach.

Zur ersten grossen internationalen Krise nach dem Ende des Kalten Krieges kam es, als 1990 der irakische Diktator Saddam Hussein Kuwait überfiel. Für die verbliebene Supermacht war das ein wichtiger Test. Und Bush bestand ihn. In dieser Krise zeigte sich: Bush war einer der vorsichtigsten Präsidenten, den die USA je hatten.

Amerikas «guter Irakkrieg»

Im Golfkrieg übernehmen die USA unter Bush die Führung, doch einen Alleingang starten sie nicht. Umsichtig organisiert Bush eine breite internationale Koalition, er sichert sich den Beistand der Welt. Die «Operation Wüstensturm» ist genau geplant, es gibt eine Exit-Strategie, die internationale Gemeinschaft unterstützt sie. In die Geschichte geht dieser Einsatz als Amerikas «guter Irakkrieg» ein. Bush macht das, was sein Sohn zwölf Jahre später versäumt.

Die Einigkeit, mit der die internationale Gemeinschaft gegen die Aggression Saddam Husseins auftrat, liess eine hoffnungsvolle neue Ära erkennen. Das bei weitem wichtigste Erbe ihres Mannes, erklärte Barbara Bush viele Jahre später, sei es, der Welt gezeigt zu haben, wie man den Frieden bewahrt, indem man Koalitionen schafft und diese zusammenhält.

1991 dann hielt Bush sich zurück. Die US-Armee hätte nach der Befreiung Kuwaits nach Bagdad vorrücken können, Saddam Hussein stürzen. Bush entschied sich anders, hörte auf den Rat seiner Berater und Diplomaten, wollte keine opferreiche Schlacht. Er hatte kein Mandat der Vereinten Nationen für ein solches Vorgehen und wollte die Destabilisierung der gesamten Region verhindern. Das erledigte dann sein Sohn.

Niederlage gegen Clinton

In den USA war Bush nach dem Golfkrieg beliebt, er war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Bei 90 Prozent lagen seine Zustimmungswerte in den USA. Er hätte jetzt alles Mögliche durchsetzen können. Steuersenkungen, Sozialprogramm, er hätte Geld in die Wirtschaft pumpen können. Doch er überliess die Wirtschaft sich selbst, setzte darauf, dass sie sich von selbst erholte, so, wie es Ronald Reagan immer gepredigt hatte. Und lag damit falsch. Die Wirtschaftskrise, die folgte, kostete ihn sein Amt.

Er hatte versprochen, die Steuern nicht zu erhöhen. In der Krise konnte er das Versprechen nicht halten, galt fortan als Lügner und verlor die Wahl gegen den Gefühlspolitiker Bill Clinton und dessen Slogan «It's the economy, stupid!». Die innenpolitischen und wirtschaftlichen Probleme überlagerten die Erfolge in der Aussenpolitik. Nach nur einer Amtszeit war Schluss.

Bis ins hohe Alter war Bush aktiv, war sein Drang zu spüren, sich mit anderen zu messen. Er war auf Lachsfang in Neufundland unterwegs, fuhr Powerboote, spielte Tennis. Prinzen, Präsidenten und Premiers luden ihn gerne zum Dinner. Noch an seinem 90. Geburtstag ging er Fallschirm springen. Er liess sich eine Glatze scheren, aus Solidarität mit dem Sohn eines Leibwächters, der an Leukämie erkrankt war, diente einem befreundeten lesbischen Paar als Trauzeuge – in der konservativen republikanischen Partei des Ex-Präsidenten ein Affront.

Noble Zurückhaltung bis zum Tod

Mit politischen Äusserungen hielt sich Bush Senior in den letzten Jahren seines Leben zurück. Auch während der Amtszeit seines Sohnes Bush Junior, Nummer 42, der von Diplomatie sehr viel weniger hielt als sein Vater. Der Sohn war Texaner durch und durch, auftrumpfend und oft rücksichtslos; Bush Senior hat sich noble Zurückhaltung bis zu seinem Tod auferlegt. Zur Amtseinführung von Donald Trump ist er nicht erschienen. «Mein Arzt sagt mir, dass ich vermutlich sechs Fuss unter der Erde lande, wenn ich im Januar draussen herumsitze. Gleiches gilt für Barbara. Also hängen wir vermutlich in Texas fest.» Mit diesen Worten sagte er ab.

Er war mit sich und seinem Politikerleben im Reinen. Nun ist George Herbert Walker Bush gestorben – nur ein halbes Jahr nach seiner Frau Barbara. Er hat als Politiker keinen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie sein Sohn. Das ist gut so.

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