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Die Ängste der Kubaner vor dem grossen Nachbarn

Die USA gehen mit grossen Schritten auf Kuba zu. Die Reaktionen auf der Insel: Hoffnung, aber eben auch Skepsis und sogar Panik.

Vertreter der US-Delegation vor den Medien in Havanna. Foto: Reuters
Vertreter der US-Delegation vor den Medien in Havanna. Foto: Reuters

Beginnt heute Kubas amerikanische Zukunft? Nach mehr als einem halben Jahrhundert kalten Krieges setzen sich David und Goliath heute erstmals gemeinsam an den Tisch, um über das künftige Miteinander zu verhandeln. Die Amerikaner fahren mit grossen Kraftprotz-Wagen und breiter Brust in Havanna ein. Die Gesandten kommen mit viel politischem Rückenwind ihres Präsidenten. Barack Obama macht seit der Ankündigung der historischen Wende am 17. Dezember forsch vorwärts.

Seit Freitag sind all die Massnahmen in Kraft, die das US-Embargo stark lockern und löchern: vereinfachtes Reisen von Amerikanern auf die Insel, weit geöffnete Geldhähne, damit noch mehr Dollars noch einfacher nach Kuba fliessen, auch mehr Güter und Waren. Schon jetzt strömen die Amerikaner in organisierten Kultur- und Bildungsreisegruppen zu Tausenden auf die Insel – und sind durchaus gern gesehen, weil sie den armen Kubanern weitaus grosszügiger Trinkgeld geben als die Europäer.

Klar ist: Obamas Friedenskurs wird zuallererst einmal markant mehr US-Bürger und Dollars ins Land bringen. Die meisten Kubaner haben keinerlei Berührungsängste oder ideologische Barrieren im Kopf: Fast alles, was ein paar Pesos mehr einbringt, ist willkommen.

Knackpunkt Migration

Heute, am ersten Verhandlungstag, steht bereits ein heisses Eisen zur Debatte: Migration. Die Kubaner auf der Insel wie auch jene im Exil fürchten, dass die Vorzugsbedingungen, zu denen die USA kubanische Flüchtlinge aufnehmen, bald ein Ende haben könnten. Das «Gesetz der trockenen Füsse» besagt, dass jeder Kubaner, der es irgendwie schafft, einen Fuss auf US-Boden zu setzen, automatisch eine Aufenthaltsbewilligung und Starthilfe erhält. Greift die Küstenwache jedoch Flüchtige auf offenem Meer auf, werden diese zurück nach Kuba deportiert.

Die Angst vor einer Kehrtwende in der US-Einwanderungspolitik hat viele Menschen, die nichts wie weg wollen von Kuba, in Panik versetzt. Ihr Gedanke: jetzt oder nie mehr. Hunderte sprangen nach dem 17. Dezember ins erstbeste Boot und riskierten die gefährliche Überfahrt durch den Golf von Mexiko. Die Zahl der Flüchtlinge ist explodiert. 500 registrierte die US-Behörde allein in den letzten zwei Dezemberwochen. Wie viele die kubanische Küstenwache an der Flucht gehindert hat, ist nicht bekannt.

Angst haben auch Exilkubaner, die etwas auf dem Kerbholz und keinen amerikanischen Pass haben: Diebe, Betrüger, Drogenhändler und andere Ganoven. 35'000 Kriminelle haben einen rechtsgültigen Ausweisebefehl, der jedoch aus politischen Gründen vorläufig ausgesetzt ist – die Politik Havannas gegenüber den USA hat sich nun aber grundsätzlich geändert.

Gespaltene Opposition

Noch vor der Ankunft der offiziellen amerikanischen Delegation flogen am Wochenende sechs demokratische Senatoren und Abgeordnete nach Havanna und deuteten selbstbewusst an, dass die USA lieber schon heute als morgen durch die grosse Tür kommen und einen Fuss auf die Insel setzen wollen. Bemerkenswert: Die Kongressmitglieder trafen sich zuerst mit gut einem Dutzend Dissidenten, bevor sie sich mit dem kubanischen Aussenminister und anderen Offiziellen an einen Tisch setzten. Die Staatsmedien schwiegen darüber, genau so, wie das Regime die verbotene Opposition seit Jahrzehnten totschweigt, verfolgt und drangsaliert.

Die zersplitterte Opposition in Kuba ist auch gespalten, was die neue Freundschaft zwischen den USA und Kuba betrifft: Eine lautstarke Minderheit kritisiert Obama dafür, dass er Raúl Castro die Hand gereicht, bedingungslos das Embargo gelockert hat und dieses aufheben möchte. Berta Soler von den «Damen in Weiss» bezeichnet Obamas neuen Kurs als eine Kapitulation vor dem Diktator und einen grossen Sieg für die Castros.

Eine Sorge eint die Opposition: dass die Mächtigen beider Länder die Zukunft Kubas am Volk vorbei planen und bestimmen – genauso wie damals, 1898, als die USA nach dem Krieg gegen die Spanier die Insel zu ihrem Protektorat gemacht hatten. Die Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, ist in Kuba verbreitet. Der Politologe und Autor Dimas Castellanos sagt: «Man darf sich keine Illusionen machen. Die USA haben knallharte, vor allem wirtschaftliche Interessen, Raúl Castro und sein Regime primär jenes, sich selbst an der Macht zu halten und die Kontrolle zu behalten.»

Die Amerikaner, so Castellanos weiter, sähen in Kuba primär ein Ferienparadies und einen Markt, wo man Geld ausgeben und verdienen könne. Der Ball liege nun aber bei der kubanischen Regierung: Sie entscheide, ob sie die Zukunft des Landes mit dem Volk oder an diesem vorbei gestalten möchte. Und das Volk müsse entscheiden, ob es sich den totalen Ausschluss weiterhin gefallen lassen möchte. «Kuba ist jetzt unter Druck, die USA geben Takt und Tempo vor.» Einige Dissidenten äusserten nach dem Treffen mit den US-Politikern das ungute Gefühl, dass diese ziemlich klare Vorstellungen und womöglich längst eine verdeckte Agenda, ja einen Masterplan im Kopf hätten, wie das Kuba der Zukunft auszusehen hat. Ein Kuba, das primär gut für die Amerikaner ist.

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