Der wilde Mann erfindet sich neu

Trump 1.0 hat ausgedient. Jetzt kommt die neue Version: Trump 2.0.

Auf dem Weg politischer Läuterung: Donald Trump am letzten Samstag in Fredericksburg, Virginia. Foto: Molly Riley (AFP)

Auf dem Weg politischer Läuterung: Donald Trump am letzten Samstag in Fredericksburg, Virginia. Foto: Molly Riley (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was macht ein Politiker, wenn er Wochen vor einer entscheidenden Wahl ins Hintertreffen geraten ist? Er verspricht den Wählern das Blaue vom Himmel und ändert politische Positionen, die negativ befrachtet sind. Donald Trump geht anscheinend noch einen Schritt weiter: Er erfindet sich neu! Elf Wochen vor dem amerikanischen Wahltag ist Trump eifrig dabei, sich von radikalen Positionen zu verabschieden und mehr in die politische Mitte zu rücken.

Trump 1.0 taugte im Vorwahlkampf dazu, die republikanische Präsidentschaftskandidatur zu ergattern, im Hauptwahlkampf aber brachte die brutale Version bislang nichts. Deshalb rollt Trumps neuer Wahlkampfstab mit Managerin Kellyanne Conway an der Spitze jetzt die Version 2.0 aus der Werkstatt – in der Hoffnung, der abgeschlagene Kandidat werde sich erholen. Trump 1.0 war ein rabiater Lautsprecher mit radikalen Ideen, die weissen Nationalisten und Rassisten auf den Leib zugeschnitten waren. Trump 2.0 ist lieber und leiser. Er liest seine Reden von einem Teleprompter ab, über dessen Gebrauch er sich beim Vorwahlkampf noch lustig gemacht hatte.

Vor Weissen an Schwarze appellieren

Nun benützt Trump selbst einen Teleprompter, um dadurch politisch kostspielige Improvisationen am Mikrofon zu verhindern. Der Teleprompter zwingt Trump 2.0 zu Disziplin. Ausserdem versucht Trump 2.0 Afroamerika um Stimmen anzubetteln. Dort sieht es nicht gut aus für ihn: In manchen Staaten wie Ohio und Pennsylvania hat der Kandidat etwa ein Prozent amerikanischer Schwarzer hinter sich, nirgendwo liegt er über zehn Prozent. Vergangene Woche appellierte Trump 2.0 gleich mehrmals an Afroamerikaner, ihn doch bitte zu wählen. Ihr Leben sei derart grauenhaft, dass sie nichts zu verlieren hätten, sagte die neue Version. Anstatt aber vor schwarzen Wählern um schwarze Stimmen zu bitten, appellierte Trump vor weissen Vorstädtern an schwarze Wähler. Vor einem schwarzen Publikum liess er sich bisher nicht sehen.

Am Wochenende setzte Trump seinen Versuch einer politischen Runderneuerung fort: Vor einem Beirat hispanischer Berater signalisierte er, vielleicht auf die Ausschaffung von Millionen illegaler Latinos zu verzichten. Hatte Trump 1.0 kategorisch verlangt, die Sans-Papiers müssten gehen, so scheint der neue Trump bereit, einen Eckstein seines Wahlkampfs zu zertrümmern. Am Sonntag danach befragt, wich Wahlkampfmanagerin Conway aus: Trumps Position sei «noch nicht festgelegt». Anscheinend will sich Trump 2.0 bei einem Wahlkampfauftritt am Donnerstag im Staat Colorado zur Einwanderungsfrage auslassen und sogar einen Plan zur Legalisierung der Illegalen skizzieren. Zwar sagte der Kandidat am Montag, er stehe zu seiner harten Haltung gegenüber illegalen Einwanderern, eine Modifizierung seiner bisherigen Position aber scheint sicher.

Der Verwandlungskünstler ist überall

Auch sonst scheint Trump auf dem Weg politischer Läuterung: Von einem totalen Verbot muslimischer Einwanderung, wie er es im Dezember vorgeschlagen hatte, will er jetzt nichts mehr wissen. Trotz seiner vielen Volten muss Trump 2.0 nicht unbedingt befürchten, dass ihm die alte Stammwählerschaft die Gefolgschaft aufkündigen wird. Schliesslich ist Donald Trump seit geraumer Zeit ein Verwandlungskünstler, der nahezu alle denkbaren Positionen auf dem politischen Spielfeld eingenommen hat. Ob Abtreibungsfreiheit oder Schusswaffen in Bars, ob Folter oder Nuklearwaffen für Japan: Trump ist überall, er sagt dies und das und dementiert notfalls, dies und das gesagt zu haben.

Immerhin: Je weniger radikal Trump 2.0 klingt, desto zufriedener dürfte die Republikanische Partei sein. Beruhigt sich der wilde Mann an der Spitze, könnten republikanische Senatoren und Abgeordnete im Kongresswahlkampf davon profitieren. Und womöglich reisst Trump 2.0 sogar das Steuer im Präsidentschaftswahlkampf herum. Auch wenn am Ende niemand mehr weiss, wofür er steht und was er wirklich will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2016, 17:47 Uhr

Artikel zum Thema

Wird Trump dank seiner neuen Managerin «fair und menschlich»?

Elf Millionen Ausländer ohne Aufenthaltsbewilligung leben in den USA. Gegen die wollte Donald Trump hart vorgehen – doch seine Wahlkampfmanagerin verspricht einen weicheren Kurs. Mehr...

Trumps Firmen haben 650 Millionen Dollar Schulden

Die Firmen des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten sind verschuldet. Das ist kein Geheimnis. Doch offenbar sind die Werte weit höher als bisher bekannt. Mehr...

Heisser Streit im US-Wahlkampf

Für Donald Trump ist es ein grosser Schwindel, für Hillary Clinton ein ernstes Problem: Der Klimawandel polarisiert in den USA mehr als die Abtreibung. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...