Der Trump-Berater, den im Weissen Haus sonst niemand wollte

Für Sebastian Gorka sind Rechtsextremisten kein Problem, er hasst den Islam, verdreht Geschichten, ignoriert Statistiken. Warum er trotzdem zu Trumps engem Kreis gehört.

Dozenten renommierter US-Universitäten bezweifeln, dass er seinen Doktortitel rechtmässig erworben hat: Sebastian Gorka. Foto: AP

Dozenten renommierter US-Universitäten bezweifeln, dass er seinen Doktortitel rechtmässig erworben hat: Sebastian Gorka. Foto: AP

Christof Münger@ChristofMuenger

Wenn Steve Bannon der Kopf ist hinter Präsident Trump, dann ist Sebastian Gorka sein Sprachrohr. Ausgestattet mit dem Titel eines Stellvertretenden Assistenten des Präsidenten hat er das Ohr Donald Trumps, den er «bis zum letzten Tweet» verteidigt, wie das amerikanische Magazin «Rolling Stone» schreibt. Der Präsident sei begeistert von seinem Assistenten, wenn er bei der BBC Trumps Nordkorea-Politik verteidigt, und noch mehr, wenn er auf CNN den «fake-news industrial complex» anprangert. Am liebsten aber tritt Gorka bei «Breitbart News» auf, das sind Heimspiele: Vor seiner Tätigkeit im Weissen Haus arbeitete der 47-Jährige als Redaktor für das rechtsgerichtete Newsportal, sein Boss war damals schon Steve Bannon.

Nur Tage vor dem gewaltsamen Aufmarsch von Rechtsextremisten in Charlottesville, Virginia, sagte Gorka in einer Radiotalkshow von Breitbart, die Verfechter einer weissen Vorherrschaft seien kein Problem in Amerika. Gorkas Kritiker verwiesen prompt auf den Anschlag in Oklahoma City 1995, als 168 Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden. Die drei Täter, angeführt von Golfkriegsveteran Timothy McVeigh, verband eine rechtsextreme Weltsicht. Für Sebastian Gorka ist das jedoch kalter Kaffee: «Sprechen Sie mit mir lieber über die letzten 60 Jahre, in denen im Nahen Osten Hunderttausende getötet wurden durch Jihadisten.»

Eine Schlagzeile so schrill wie ein Terroralarm

Der radikale Islam ist für Gorka die Wurzel allen Übels in den USA. Als Breitbart-Journalist drehte er seine Geschichten so lange, bis sie seine These stützten. Im November 2014 etwa lieferte er eine Schlagzeile so schrill wie ein Terroralarm: «Muslimbrüder überrennen die Nationale Kathedrale in DC».

Ein komplett falscher Titel: Es gab keine Muslimbrüder, die in Washington DC irgendetwas überrannten. Vielmehr handelte es sich um eine multireligiöse Feier, die gemeinsam organisiert wurde vom Vorsitzenden der Nationalen Kathedrale und fünf gemässigten muslimischen Organisationen, die die «Stimmen der Mässigung» vereinen wollten.

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In der Autorenzeile all seiner Beiträge bei Breitbart nennt Gorka seinen Doktortitel, was auch in den USA unüblich ist, selbst der nicht uneitle Henry Kissinger macht das nicht. Dr. Sebastian Gorka dagegen besteht darauf, dass seine akademischen Meriten als Politikwissenschaftler erwähnt werden. Umstritten ist, ob sie auch verdient sind: Seine Dissertation, in der er angeblich den Ausbau des Nationalen Sicherheitsapparates zu einem Polizeistaat empfiehlt, reichte Gorka 2007 an der Corvinus-Universität in Budapest ein. Zuvor hatte der gebürtige Brite mit ungarischen Wurzeln – seine Eltern waren 1956er-Flüchtlinge – Viktor Orban beraten, der damals seine erste Amtszeit als ungarischer Regierungschef absolvierte.

Dozenten renommierter US-Universitäten bezweifeln, dass Dr. Gorka seinen Titel rechtmässig erworben hat. «Gorkas Dissertation ist so legitim, wie wenn sie bei der Trump-Universität eingereicht worden wäre», zitiert «Rolling Stone» einen Professor der University of North Carolina. Die Abschlüsse der Trump-Universität, die von 2005 bis 2010 betrieben wurde, werden nicht anerkannt; die Einrichtung ist nach Betrugsvorwürfen geschlossen worden.

Deutlich mehr Gewalt von Rechtsextremisten

Wie auch immer: Sebastian Gorka hält sich zumindest nicht an die Tacitus-Regel «sine ira et studio», wonach sich ein Akademiker «ohne Zorn und ohne Eifer» in ein Thema vertiefen soll. Sonst würde der inzwischen eingebürgerte Amerikaner die Untersuchung zum Rechtsextremismus der United States Military Accademy, besser bekannt als West Point, nicht unerwähnt lassen. Die Studie hielt bereits 2013 fest, dass die Zahl der Anschläge und Anschlagspläne von Leuten, «die sich mit der äussersten Rechten der amerikanischen Politik identifizieren», markant gestiegen sei.

Demnach gab es in den 1990er-Jahren 70 Angriffe pro Jahr. Nach der Jahrtausendwende waren es jährlich 308, wobei die Höchstwerte erreicht wurden, wenn Präsidentschaftswahlen anstanden und das politische Klima in den USA besonders stark vergiftet war. Die West-Point-Studie hält ausserdem fest, dass nach 9/11 in den USA deutlich mehr politisch motivierte Gewalt von Rechtsextremisten als von Islamisten ausging.

In seiner Haltung bestätigt wird Sebastian Gorka hingegen durch Frau Katharine Cornell Gorka, eine gebürtige Amerikanerin und seit einigen Monaten Beraterin im US-Ministerium für Heimatschutz. Die Gorkas verbindet die Liebe zu Trump und eine radikale Ablehnung des Islam. Als Sebastian seinen Job im Westflügel des Weissen Hauses antrat, rümpften etablierte Sicherheitsexperten die Nase, und bereits Mitte April kolportierten amerikanische Medien, Dr. Gorka müsse seinen Posten demnächst wieder räumen. Doch er ist immer noch da dank der Protektion seines Mentors Bannon, aber auch dank seiner zweifelhaften Qualifikation, wie «Rolling Stone» schreibt: «Das Weisse Haus suchte in einer anderen Behörde einen Job für ihn, hatte aber kein Glück. Niemand wollte Gorka.»

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