Der «tolle Freund» ist zum Feind geworden

Der Handelskrieg mit China könnte zu einem kalten Krieg eskalieren. Topberater Donald Trumps bewerten Peking als Bedrohung der nationalen Sicherheit.

Inzwischen sind sie «wahrscheinlich nicht mehr so eng befreundet»: Trump empfängt Xi Jinping 2017 in Mar-a-Lago. <nobr>Foto: Alexa Brandon (Keystone)</nobr>

Inzwischen sind sie «wahrscheinlich nicht mehr so eng befreundet»: Trump empfängt Xi Jinping 2017 in Mar-a-Lago. Foto: Alexa Brandon (Keystone)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Xi Jinping war einmal ein lieber Freund Donald Trumps. Im April 2017 reiste der chinesische Präsident sogar zum Gipfeltreffen in Trumps Luxushotel Mar-a-Lago in Florida an, hochgelobt vom amerikanischen Gastgeber.

Das war einmal. Früher habe er Xi als «tollen Freund» betrachtet, «jetzt sind wir wahrscheinlich nicht mehr so eng befreundet», räumte Trump im Juli 2019 inmitten des eskalierenden Handelskriegs mit Peking ein. Und vorletzte Woche bezeichnete er den einstigen Freund sogar als «Feind».

Nicht nur sind Handelskriege eben nicht so «einfach» zu gewinnen, wie Trump als Präsidentschaftskandidat posaunte. Sie schlagen bisweilen auch in einen kalten Kriegszustand um. Denn je mehr der Zorn des US-Präsidenten über Chinas widerspenstige Haltung wächst, desto eifriger lenken Hardliner wie Sicherheitsberater John Bolton Trumps Aufmerksamkeit auf andere und gleichfalls wenig erfreuliche Aspekte von Pekings Verhalten.

Das Erbe seiner Vorgänger

Ob Hongkong, ob die chinesischen Territorialansprüche im Südchinesischen Meer oder drohende Gefahren für Taiwan: Topmitarbeiter des US-Präsidenten bewerten China inzwischen als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA – und Trump scheint einem Bericht des Webportals Axios zufolge gewillt, ihnen zuzuhören.

Auch ist der Präsident unverändert überzeugt, dass die harte Haltung gegenüber China in Handelsfragen längst überfällig war. Die Abschottung chinesischer Marktsegmente gegen Importe, der Diebstahl intellektuellen Eigentums, der illegale Export des Opiats Fentanyl in die USA: Das alles hätten seine Vorgänger im Präsidentenamt angehen müssen, klagt Trump.

Trumps Strategie ist schlecht

Doch so berechtigt seine Klagen über Chinas Verhalten auch sein mögen, so schlecht ist Trumps Strategie. Statt aus der Trans-Pacific Partnership (TPP), einem geplanten Freihandelsvertrag zwischen zwölf pazifischen Anrainerstaaten, 2017 auszusteigen, hätte Trump TPP als Bollwerk gegen Peking einsetzen können.

Und statt den europäischen Alliierten ebenfalls mit einem Handelskrieg zu drohen, wäre eine gemeinsame Front von USA, EU und den TPP-Staaten gegen Peking die bessere Idee gewesen. Dazu aber reichte Trumps Vorstellungskraft im Zeitalter von «America First» offensichtlich nicht.

Der erfundene Anruf von «China»

Jetzt droht dem Präsidenten ein langer und vielleicht eskalierender Handelskrieg mit China – ohne Verbündete. Der Zwist könnte die US-Konjunktur genügend schwächen, um Trumps Wahlchancen 2020 zu mindern. Wie sehr ihn diese Möglichkeit beunruhigt, zeigte sich am Rande des G-7-Gipfels in Biarritz, als Trump behauptete, «China» habe ihn wegen neuer Handelsverhandlungen «angerufen».

Der Anruf war offenbar eine Erfindung. Trump wolle «Optimismus verbreiten, um die Märkte zu stützen», berichtete CNN unter Berufung auf enge Mitarbeiter des Präsidenten.

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