Der Spion, der mich kopierte

US-Dienste betreiben angeblich keine Wirtschaftsspionage. In einem Zukunftsszenario aber soll Diebstahl technologische Überlegenheit sichern.

«Wir stehlen keine Industriegeheimnisse ausländischer Firmen»: James Clapper, Nationaler Geheimdienstdirektor seit vier Jahren.

«Wir stehlen keine Industriegeheimnisse ausländischer Firmen»: James Clapper, Nationaler Geheimdienstdirektor seit vier Jahren.

(Bild: Reuters Brendan Smialowski)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Sie drangen in die Computer des brasilianischen Energiekonzerns Petrobras ein, forschten EU-Kartellkommissar Joaquin Almunia aus und zapften die Rechner von China Telekom an: Die Dokumente des NSA-Whistleblowers Edward Snowden zeigten die Spione der NSA im globalen Overdrive, stets auf der Suche nach verwertbarem Material zum Vorteil der Vereinigten Staaten. Nur eines dementierten die Späher des elektronischen Dienstes und ihr Oberaufseher James Clapper, der Direktor der nationalen Aufklärung, stets vehement: Niemals hätten US-Dienste Industrie- und Wirtschaftsspionage zum Nutzen amerikanischer Konzerne betrieben.

Die Vereinigten Staaten, erklärte Clapper im September 2013 kategorisch, «stehlen nicht die Industriegeheimnisse ausländischer Firmen». Das Dementi ausgelöst hatte ein ebenfalls auf Snowden-Dokumente gestützter Bericht der «Washington Post», wonach US-Dienste allein 2011 insgesamt 231 «offensive Cyber-Operationen» durchgeführt und dabei das Internet als «eine Bühne für Spionage, Sabotage und Krieg» genutzt hatten. Prompt erhielt die «Washington Post» überdies ein E-Mail von der NSA: Der Dienst, hiess es darin, «betreibt KEINE Wirtschaftsspionage in irgendeinem Bereich inklusive Cyber».

Angst um die eigene Überlegenheit

Mag sein, aber der Snowden-Vertraute und Journalist Glenn Greenwald wirft jetzt im Onlinemagazin «The Intercept» einen Blick auf die Zukunftspläne der US-Spione anhand eines Snowden-Dokuments von 2009: In der «Quadrennial Intelligence Community Review» (QICR), einem vierjährlichen Grundsatzdokument aller US-Geheimdienste, rechtfertigt die Angst vor einem Verlust amerikanischer Vormacht weitreichende Industrie-, Wirtschafts- und Forschungsspionage. Der geheime Report zeichnet ein für Washington beängstigendes Szenario eines «aus Russland/Iran/China/Indien bestehenden Blocks», der die USA 2025 auch deshalb herausfordert, weil «die technologische und innovative Überlegenheit der Vereinigten Staaten nachlässt».

Ausländische Konzerne überholen laut dem QICR-Szenario amerikanische Firmen, es droht «ein wachsender – und potenziell permanenter – Nachteil in kritischen Gebieten wie Energie, Nanotechnologie, Medizin und IT». Um dem Problem abzuhelfen, empfiehlt QICR «systematische Bemühungen, alle frei erhältlichen sowie geschützten Informationen durch erlaubte Mittel und geheime Ausforschung zusammenzutragen». Forschungszentren und andere innovative Bereiche sollen ausspioniert, «die Aneignungen von Technologien mit allen Mitteln» betrieben werden. Unter anderem schlägt QICR vor, innovative russische und indische Konzerne zu penetrieren, um herauszufinden, «ob und wie ihre Forschungsergebnisse nützlich für US-Industrien wären».

«Eine analytische Übung»

In einem Mail an Greenwald erklärte Jeffrey Anchukaitis, ein Sprecher des Direktors für nationale Aufklärung, «im Gegensatz zu unseren Feinden» führe Washington keine Industriespionage durch, weshalb QICR «nicht unsere gegenwärtige Politik oder Operationen» widerspiegle. Vielmehr, so Anchukaitis weiter, handle es sich dabei um «eine analytische Übung, um künftige globale Umfelder zu identifizieren». Was immer QICR bedeute, so gestehe der Report doch «unbekümmert ein, dass der Diebstahl von Geheimnissen zugunsten von Wettbewerbsvorteilen für amerikanische Konzerne eine akzeptable künftige Rolle für US-Nachrichtendienste ist», schreibt Greenwald daraufhin.

Einen diesbezüglichen Schritt nach vorne hat zumindest die NSA bereits getan, indem sie multinationale Wirtschaftsforen ausspionierte oder die Kommunikation ausländischer Spitzenpolitiker wie Almunia ausforschte. Immerhin überwacht der spanische EU-Kommissar das Geschäftsgebaren und Verhalten von US-Firmen wie Google, Microsoft, Apple oder Intel in den Staaten der Europäischen Union.

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