Der Revolutionär, der die Atombombe liebte

Die Trauer um Fidel Castro war gross, nicht nur in Kuba. Dabei ging vergessen, dass der kommunistische Diktator einst vorgeschlagen hatte, die USA mit Nuklearwaffen anzugreifen.

Gemeinsam gegen den Erzfeind Amerika: Fidel Castro und Nikita Chruschtschow 1960 an der UNO-Vollversammlung. Foto: Marty Lederhandler (Keystone)

Gemeinsam gegen den Erzfeind Amerika: Fidel Castro und Nikita Chruschtschow 1960 an der UNO-Vollversammlung. Foto: Marty Lederhandler (Keystone)

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Zehntausende säumten am Sonntag die Strassen, als seine Urne zum Friedhof Santa Ifigenia in Santiago de Cuba gebracht wurde. Nun ist Fidel Castro beigesetzt. Neun Tage lang herrschte Trauer, staatlich verordnet. Aber nicht nur. Zwar wurden die Errungenschaften seiner Revolution gepriesen, vor allem das Bildungswesen und die Gesundheitsversorgung – es war ein letztes Hochamt der Mythenbildung. Verdrängt wurde dabei, dass Kubas Erster Revolutionär einst bereit war, seine Revolution – und vor allem sein Regime – mit allen Mitteln zu verteidigen. Was heisst: auch mit Atomwaffen. Das zeigte sich während der Kubakrise 1962.

Nie war der Kalte Krieg gefährlicher als damals. Mitte Oktober entdecken die USA, dass die Sowjets auf Kuba atomare Mittelstreckenraketen stationiert haben; fast alle amerikanischen Städte liegen in Reichweite. John F. Kennedy fordert seinen Widersacher im Kreml, Nikita Chruschtschow, ultimativ auf, die Raketen abzuziehen. Der US-Präsident verhängt eine Seeblockade, um weitere Waffenlieferungen nach Kuba abzufangen. Bevor die Sowjets einlenken und ihre Raketen wieder verpacken und verschiffen, gerät die Welt in nur 13 Tagen an den nuklearen Abgrund – aber nicht nur wegen Kennedy und Chruschtschow. Sondern auch wegen ­Fidel Castro.

Eigentlich ist für den Revolutionsführer im Kräftemessen zwischen Washington und Moskau nur eine Nebenrolle vorgesehen. Kuba ist für die Sowjets eine weit entfernte, aber geeignete Raketenabschussrampe, weil sie nur 150 Kilometer vor der amerikanischen Küste liegt; entsprechend bedroht fühlen sich die USA. Castro hingegen betrachtet die russischen Raketen als Lebensversicherung für seine Revolution von 1959. Mit guten Gründen befürchtet er, dass die USA sein Regime stürzen wollen, sie haben es ja bereits versucht, in der Schweinebucht, mit Aufwiegeleien, mit ausgeklügelten Attentatsplänen. Fidel Castro hat sich deshalb zum Marxismus-Leninismus bekannt und sich dann an die andere Supermacht gewandt: Aus dem Nationalisten ist ein Kommunist geworden. Und Nikita Chruschtschow steht als Führer der kommunistischen Sowjetunion nun in der Pflicht, dem Genossen auf der anderen Seite des Globus beizustehen.

Am 27. Oktober 1962, dem «Black Saturday», wie Historiker Arthur Schlesinger geschrieben hat, erreicht die Kubakrise ihren Höhepunkt, ein Krieg scheint imminent. Kennedy und seine Berater erwägen Luftangriffe oder eine Invasion Kubas oder beides, um die Raketen auszuschalten. Das kommt auch Fidel Castro zu Ohren, seine Agenten haben die CIA unterwandert. Doch er befürchtet, dass die Sowjets nicht entschieden genug reagieren.

Um zwei Uhr nachts Lokalzeit bittet er deshalb Aleksander Alexejew, den sowjetischen Botschafter in Havanna, um ein Gespräch. Es findet im atombombensicheren Keller unter der Botschaft statt, Castro besteht darauf, er rechnet mit einer US-Invasion innert Stunden. Im engen Schutzraum geht er pausenlos auf und ab und verwirft die Hände. Er vergleicht die Lage Kubas mit jener der Sowjetunion 1941 am Vorabend des deutschen Überfalls. Stalin hatte damals zahlreiche Warnungen ignoriert. Der Führer von Kuba befürchtet nun, dass sich die Geschichte wiederholt.

Zunächst versichert Castro «Don Alejandro», wie er den sowjetischen Botschafter nennt, dass er dem Einsatz taktischer Atomwaffen, also kleiner Bomben, auf dem kubanischen Schlachtfeld zustimme, obwohl dabei die Insel für Generationen atomar verseucht würde. Dann aber schlägt der aufgebrachte Revolutionsführer vor, den «Schlag der Imperialisten» nicht abzuwarten und die grossen strategischen Atomraketen auf die USA abzufeuern: «Wir sollten ihnen zuvorkommen und sie ausradieren, falls sie Kuba angreifen.» Castro weiss, dass er und sein Volk untergehen würden, allerdings «con suprema dignidad», mit «grosser Würde», wie er sagt. Michael Dobbs hat das Gespräch in seinem Buch zur Kubakrise wiedergegeben. Der britisch-amerikanische Autor hatte in den USA, in Russland, der Ukraine und in Kuba über hundert Veteranen der Krise interviewt.

Chruschtschows grosser Schrecken

In den frühen Morgenstunden macht sich Castro daran, einen Brief für Chruschtschow zu entwerfen. Don Alejandro, der nicht gut Spanisch spricht, hat Mühe, die verworrenen Sätze zu verstehen und auf Russisch zu übersetzen. Castro bleibt im Unklaren. Irgendwann bricht das Offensichtliche aus dem Diplomaten heraus: «Möchten Sie schreiben, dass wir den nuklearen Erstschlag führen sollen?» Castro: «Nein, ich möchte es nicht so direkt sagen, aber unter gewissen Umständen schon.»

Um sechs Uhr wird seine Atomwaffenpolitik offiziell, er diktiert das Telegramm an Chru­schtschow. Der übernächtigte Castro gibt verklausuliert wieder, was er vor ein paar Stunden im Keller gesagt hat: Im Falle einer US-Invasion sei der Moment gekommen, «die Gefahr für immer zu eliminieren in einem Akt höchst legitimer Selbstverteidigung. So schrecklich die Lösung auch wäre, es gibt keine andere», schreibt Castro und grüsst «brüderlich».

Nun ist der Kreml doppelt alarmiert. Zuerst Kennedy und sein Ultimatum und nun auch das noch. Und was, wenn Castro und seine Hitzköpfe die Kontrolle über die Atomwaffen auf der Insel an sich reissen? Chruschtschow will keinen Krieg, schon gar nicht einen nuklearen Erstschlag, geschweige denn wegen einer Karibikinsel. Er weiss, dass die USA nicht nur Kuba im Meer versenken, sondern auch die Sowjetunion mit Atomwaffen direkt angreifen würden, so sieht es die amerikanische Eventualplanung vor. Und spätestens dann wären auch das geteilte Deutschland und Europa überhaupt Kriegsschauplätze.

Deshalb telegrafiert Chruschtschow eilig zurück und gibt Castro einen «freundlichen Rat»: «Haben Sie Geduld, beherrschen Sie sich.» Vor allem bittet er Castro eindringlich, sich nicht provozieren zu lassen und weitere amerikanische U2-Spionageflugzeuge über Kuba abzuschiessen. Damit würde er nur die Kriegstreiber im Pentagon anstacheln. «Solche Aktionen werden von Aggressoren für ihre eigenen Zwecke ausgenutzt.» Er werde mit Kennedy schon eine Lösung finden und gleichzeitig Kuba schützen.

Das gelingt noch am selben Tag. Kennedy und Chruschtschow einigen sich in letzter Minute auf einen Kompromiss: Die Sowjets ziehen ihre Raketen ab, dafür versprechen die Amerikaner, dass sie keine Invasion auf Kuba durchführen, woran sich zehn US-Präsidenten halten werden. Ausserdem bauen die USA ihre Raketen in der Türkei ab, was allerdings geheim bleibt.

Zwei Tage später wendet sich Chruschtschow nochmals an Castro, diesmal ausführlicher: «In Ihrem Telegramm haben Sie vorgeschlagen, dass wir als Erste einen Nuklearschlag gegen das feindliche Territorium ausführen sollen. Natürlich verstehen Sie, wohin das führen würde. Es wäre nicht ein einfacher Angriff, sondern der Beginn eines nuklearen Weltkriegs. Lieber Genosse Castro, ich finde Ihren Vorschlag falsch.» Das unabhängige National Security Archive in Washington hat den Brief wie auch weitere Dokumente aus sowjetischen Archiven nach dem Ende des Kalten Kriegs auf Englisch übersetzt und veröffentlicht.

Eine neue Brieffreundschaft

Fidel Castro traut weder Kennedys Versprechen noch der Bündnistreue des grossen Bruders. Für Castro ist Chruschtschow eingeknickt, er trauert den sowjetischen Atomwaffen nach. Zur Versöhnung lädt ihn Chruschtschow nach Moskau ein und versichert ihm die «sowjetische Liebe und Solidarität gegenüber Kuba». Vor allem aber zeigt er ihm die streng geheimen Briefe von John F. Kennedy. Die beiden mächtigsten Männer haben einen Briefwechsel begonnen, von dem auf beiden Seiten nur wenige Berater wissen. Darin vereinbaren sie eine friedliche Koexistenz und versichern sich gegenseitig, dass nun eine Détente, eine Entspannung, nötig sei – der Schock der Kubakrise sitzt tief.

Fidel Castro sei von den Kennedy-Briefen beeindruckt gewesen, berichtet Robert F. Kennedy Jr. dem «Tages-Anzeiger» bei einem Treffen in Zürich Anfang dieses Jahres. «Es war das erste Mal, dass er meinem Onkel vertraute.» Robert F. Kennedy Jr. ist der Neffe von John F. Kennedy. Sein Vater, Justizminister Robert F. Kennedy, war der Pöstler des Präsidenten. Er übergab die geheimen Briefe für Chruschtschow eingewickelt in eine «New York Times» dem KGB-Agenten Georgi Bolschakow, einem Chruschtschow-Intimus, der zur sowjetischen Botschaft in Washington gehörte und oft im Haus Robert F. Kennedys verkehrte. «Er war ein lustiger russischer Spion», erinnert sich Bobby Junior. «Wir Kinder nannten ihn Georgi Bolschoi und liebten ihn, weil er mit uns den Kosakentanz machte.»

Als erwachsener Mann lernte Robert Kennedy Jr. auch Fidel Castro persönlich kennen. Er besuchte ihn in Kuba und sprach mit ihm über die turbulenten 1960er-Jahre. «Als Castro aus Moskau heimkehrte, streckte er die Fühler nach Amerika aus.» Mit Erfolg: Im Sommer 1963 empfing Fidel Castro mehrmals Repräsentanten der US-Regierung, natürlich nur im Geheimen. Sie berichteten nach Washington, dass Fidel Castro in Kuba populär und ein Machtwechsel deshalb unrealistisch sei. Aber sie meldeten auch, dass man mit Castro reden könne.

Der Besuch in Moskau und Chruschtschows mahnende Worte hatten offenbar gewirkt. Eine Entspannung oder zumindest eine Annäherung schien möglich, so Robert Kennedy Jr. Auch am 22. November 1963 habe in Havanna ein Treffen stattgefunden. Dann fielen die Schüsse von Dallas. Als Fidel Castro während des Gesprächs davon erfuhr, sagte er: «Es ist vorbei.» Nach dem Tod John F. Kennedys erkaltete der Kontakt nach Havanna. Bis Barack Obama im März 2016 nach Havanna reist und beginnt, die Beziehungen zwischen den Erzfeinden zu normalisieren – ein Prozess, den der kommende amerikanische Präsident allerdings rückgängig machen könnte.

Fidel Castros Begeisterung für Atomwaffen liess in den Jahren nach der Kubakrise nach. Bei einem seiner letzten Auftritte als Staatschef beschwor er 2010 die Gefahr eines nuklearen Holocaust. Mit Blick auf den Atomstreit mit dem Iran warnte er, dass Regierungschefs «den sofortigen Tod von Millionen von Menschen anordnen» könnten. Dabei würden sie hinnehmen, dass eine «nicht schätzbare Zahl der eigenen Leute» ums Leben komme. Fidel Castro wusste, wovon er sprach.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2016, 23:22 Uhr

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