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Der mächtigste Drogenboss der Welt spielt Schach gegen sich selbst

Chapo Guzmáns Leben im Hochsicherheitsgefängnis ist zermürbend. Doch es könnte schlimmer kommen. Denn dem Chef des Sinaloa-Kartells droht, was er am meisten fürchtet: Die USA.

US-Richter fürchten seine Rache: Joaquín «El Chapo» Guzmán mit zwei mexikanischen Polizisten vor seiner Auslieferung in die USA. (20. Januar 2017)
US-Richter fürchten seine Rache: Joaquín «El Chapo» Guzmán mit zwei mexikanischen Polizisten vor seiner Auslieferung in die USA. (20. Januar 2017)
AFP
Die Brooklyn-Brücke wird geschlossen und der New Yorker Verkehr lahmgelegt: Der ehemalige Drogenboss wird mit einem schwer bewachten Autokorso hin- und hergebracht.
Die Brooklyn-Brücke wird geschlossen und der New Yorker Verkehr lahmgelegt: Der ehemalige Drogenboss wird mit einem schwer bewachten Autokorso hin- und hergebracht.
Tom Hays
Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis von Ciudad Juárez.
Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis von Ciudad Juárez.
Reuters
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Der 26. September 2016 wird ein wichtiger Tag sein im Leben von Joaquín Guzmán Loera alias Chapo Guzmán. Um 10.40 Uhr wird in einem Gerichtsgebäude von Mexiko-Stadt eine Sitzung beginnen, in deren Verlauf die Richter entscheiden müssen, ob sie den Chef des Sinaloa-Kartells an die USA ausliefern. Es wäre jenes Szenario, das lateinamerikanische Capos mehr fürchten als den Tod: Die Isolationshaft in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis. Die fremde Sprache. Die Chancenlosigkeit, gegenüber den Wärtern und der Gefängnisleitung jenes Powerplay aus Drohung, Erpressung, Bestechung aufzuziehen, das sie zu Hause so blendend beherrschen.

«Lieber ein Grab in Kolumbien als eine Zelle in den USA», hatte in den 1980er-Jahren schon Pablo Escobar gesagt.

Experten gehen davon aus, dass das Gericht in der Hauptstadt dem Auslieferungsbegehren zustimmen werde. Die Versuche von Guzmáns Anwälten, mit der US-Justiz einen «Deal» zu schmieden – Chapo lässt vom juristischen Widerstand gegen die Auslieferung ab und zeigt sich nach seiner Überstellung kooperationsbereit, erhält dafür aber eine deutliche Strafmilderung – sind bisher gescheitert. Zuerst müsse der Grossverbrecher in einem amerikanischen Gefängnis sitzen und sich schuldig bekennen.

Warten auf das Unvermeidliche

So wartet der Häftling mit der Nummer 3912 in einem Hochsicherheitsgefängnis der Grenzstadt Ciudad Juárez auf das wohl Unvermeidliche. Ein Journalist der spanischen Zeitung «El País» durfte die Anstalt kürzlich besuchen. Er beschreibt, wie Chapo Guzmán schon in Mexiko widerfährt, was ihn in verschärfter Form jenseits der Grenze erwartet. «Die Zelle ist klein, nicht mehr als neun Quadratmeter. Ein metallenes Lavabo, eine WC-Schüssel, zwei Rollen Toilettenpapier, und in einer Ecke eine Pritsche und eine Schlafmaske.»

Die Wärter dürfen kein einziges Wort mit Chapo Guzmán wechseln.

Der einst mächtigste Drogenboss der Welt verbringe seine Zeit, indem er Schach gegen sich selber spiele und ab und zu ein Buch lese. 75 Wärter innerhalb der Anstalt sind allein für seine Bewachung zuständig. Es ist ihnen verboten, mit dem Gefangenen auch nur ein einziges Wort zu wechseln. Rund um das Gefängnis sind 600 Soldaten und Polizisten stationiert, um einen Ausbruch des Drogenbosses zu verhindern.

Verhaftet, geflohen, wieder verhaftet: Chapo Guzmán. Quelle: Reuters

Die strenge Behandlung ist für mexikanische Verhältnisse ungewöhnlich. Im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano in der Nähe von Mexiko-Stadt, in dem Chapo Guzmán zuvor eingesessen war, hatte er sich viele Privilegien erkaufen können. Am 11. Juli 2015 war es ihm gelungen, durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel zu fliehen – für den mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto und seine Regierung eine unsägliche Blamage. Vor dieser Flucht hatte sich Mexikos Präsident aus Nationalstolz eher ablehnend zum amerikanischen Auslieferungsbegehren geäussert. Sein Land sei fähig, selbst den mächtigsten Capo vor Gericht zu stellen und sicher zu inhaftieren.

Selbst auf der Toilette wird er überwacht

Nun versucht Mexiko, den Mann aus den Bergen von Sinaloa so schnell wie möglich loszuwerden, und bis es so weit ist, unternehmen die Behörden alles, aber wirklich alles, um eine erneute Flucht des Chapo zu vereiteln – sie würde Peña Nietos ohnehin krisengeschüttelte Präsidentschaft förmlich pulverisieren. Laut «El País» wird in Ciudad Juárez jede Bewegung des Gefangenen mit Kameras überwacht, selbst auf der Toilette. Gefilmt werden auch alle seine Wärter. Chapos Anwälte haben vor mexikanischen Gerichten und vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte in Washington Klage eingereicht. «Man behandelt ihn grausam, unmenschlich, man foltert ihn und gefährdet sein Leben», sagt einer seiner Anwälte in mexikanischen Medien.

Immerhin hat Chapo Guzmán kürzlich einen kleinen juristischen Erfolg errungen. Nachdem es der Polizei am 8. Januar 2016 gelungen war, ihn erneut festzunehmen, wurde er wieder ins Gefängnis Altiplano gebracht. Vier Monate später erfolgte die Verlegung nach Ciudad Juárez – mitten in der Nacht, Chapo Guzmán an Händen und Füssen gefesselt. Die Behörden behaupteten, man habe erneut eine «Sicherheitslücke» festgestellt. Ein Richter hat nun angeordnet, die Verlegung wegen eines Formfehlers rückgängig zu machen. Doch die Rückkehr ins Gefängnis Altiplano verzögert sich.

Inzwischen sind Einzelheiten über den 8. Januar 2016 bekannt geworden – der Tag, an dem der Drogenboss zum dritten Mal in seinem Leben verhaftet wurde. Um 9.16 Uhr hält eine zweiköpfige Polizeipatrouille auf der Autobahn zwischen Culiacán und Los Mochis im Bundesstaat Sinaloa einen roten Ford Focus mit zwei Insassen an – Chapo Guzmán und der Chef seiner Leibwächter, Orso Iván Gastelum. Zuvor ist es den Sicherheitskräften gelungen, den Capo einzukreisen; nun versucht er, den Sicherheitsring zu durchbrechen.

Die Polizisten erfahren, dass ein Killerkommando unterwegs ist, um Chapo Guzmán zu befreien. Doch sie bleiben hart.

Der rote Ford ist als gestohlen gemeldet, einer der beiden Männer versucht, die Polizisten zu bestechen. Als sie ablehnen, sagt er: «Erkennt ihr nicht, wer ich bin?» Erst jetzt bemerken sie, dass sie Chapo Guzmán vor sich haben. Obwohl er sein Angebot in schwindelerregende Höhen treibt, obwohl die Uniformierten über Funk erfahren, dass ein Killerkommando unterwegs ist, um den Boss zu befreien, bleiben sie hart. Sie fordern Verstärkung an und verbarrikadieren sich mit ihrem Gefangenen im Zimmer eines nahen Hotels. So lange, bis ein Sonderkommando der Armee eintrifft.

Lesend, Schach spielend, schweigend muss Chapo Guzmán erleben, wie sein Reich zu zerfallen droht. Seine Feinde scheinen die Furcht vor ihm abgelegt zu haben. Das rivalisierende Kartell Jalisco Nueva Generación dringt in seine Hoheitsgebiete in Sinaloa vor. Und Caro Quintero, der aus demselben Ort stammt wie Chapo Guzmán und schon in den 1980er-Jahren zu einer legendären Verbrecherfigur wurde, ist laut mexikanischen Geheimdiensten dabei, Killer anzuheuern, um eine neue Organisation aufzubauen.

Es drohen Hinrichtungen und Massaker

Vor einem Monaten entführte ein Kommando zwei von Chapo Guzmáns Söhnen, während sie in Begleitung mehrerer Komplizen und junger Frauen in einem Nobelrestaurant der Küstenstadt Puerto Vallarta assen. Die Tat wurde von einer Überwachungskamera aufgenommen.

Entführung in Puerto Vallarta. Quelle: Youtube.

Zuvor hatten Unbekannte die Residenz von Chapos Mutter Consuelo Loera verwüstet – ein in der Welt der mexikanischen Kartelle unfassbares Sakrileg. Guzmáns Getreue mussten die Hochbetagte in einem Kleinflugzeug an einen sicheren Ort bringen. Sollte das Kartell von Sinaloa, das mächtigste Drogensyndikat der Welt, tatsächlich zerfallen, wären die Folgen schrecklich: Nachfolgekämpfe, Krieg um Territorien und Transportrouten. Entführungen, Hinrichtungen, Massaker.

Wenn sich die Richter am 26. September für Chapo Guzmáns Auslieferung entscheiden, bleiben ihm zwei Hoffnungen: ein letzter Rekurs vor dem Obersten Gericht. Wird er abgelehnt, dürfte es bis zur Überstellung noch rund sechs Monate dauern. Oder eine erneute Flucht. Das ist selbst in Mexiko, diesem Land, in dem die Grenze zwischen dem Undenkbaren und der Realität häufig verschwimmt, nahezu ausgeschlossen. Die Zeit für Chapo Guzmán wird knapp.

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