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Der Kindersoldat und die Granate

Die Welt blickt nach Guantánamo Bay: Nach acht Jahren Gefangenschaft wird dem als «Kindersoldat» bekannten Omar Khadr der Prozess gemacht. Bürgerrechtler halten das Sondertribunal für einen Skandal.

«Tötet mich, tötet mich»: Oma Khadr als Teenager (l.) und heute vor dem Sondertribunal.
«Tötet mich, tötet mich»: Oma Khadr als Teenager (l.) und heute vor dem Sondertribunal.
Keystone

Omar Khadr wollte sterben, als ihn US-Soldaten 2002 in den Trümmern eines zerbombten Al-Qaida-Unterschlupfes gefangen nahmen. «Tötet mich, tötet mich», sagte der damals 15-Jährige, selbst schwer verletzt und dem Tode nahe. Khadr überlebte: Der gebürtige Kanadier mit dem unschuldigen Jungengesicht landete in Guantánamo Bay, inmitten erwachsener Terrorverdächtiger.

Seit acht Jahren sitzt er dort, ein Drittel seines bisherigen Lebens. Er ist der jüngste Gefangene, der jemals in das US-Lager gebracht wurde.

Jetzt, nach all den Jahren, die er überwiegend in Einzelhaft verbracht hat, wird ihm der Kriegsverbrecher-Prozess vor einer der Militärkommissionen gemacht, die unter dem früheren US-Präsidenten George W. Bush eigens zur Aburteilung von Guantánamo-Häftlingen geschaffen wurden.

Bushs Nachfolger Barack Obama hat zwar dafür gesorgt, dass Gefangene in diesen Prozessen mehr Rechte erhalten als ursprünglich geplant. Aber entsprechen diese Tribunale wirklich den Rechtsstandards einer westlichen Demokratie?

Zweifel am Verfahren

Im Ausland, so auch in Europa, herrscht weiter Skepsis, und eine richterliche Entscheidung kurz vor dem Prozessauftakt hat die Zweifel noch verstärkt. Demnach sollen im Verfahren Schuldgeständnisse als Beweise zugelassen werden, die der mittlerweile 23-Jährige in den Jahren seiner Gefangenschaft gemacht hat.

Khadrs Verteidiger argumentierten vergeblich, dass ihr Mandant während Verhören schwer misshandelt worden sei und aus purer Angst nie begangene Verbrechen zugegeben hat - allem voran die Tötung eines US-Soldaten mit einer Handgranate vor seiner Gefangennahme in Afghanistan.

Das ist der schwerwiegendste Vorwurf unter den insgesamt fünf Hauptanklagepunkten. Wird Khadr in allen schuldig gesprochen, könnte er für immer hinter Mauern und Stacheldraht bleiben.

Zur Untermauerung ihres Folter-Vorwurfs haben Khadrs Anwälte bereits 2008 die Veröffentlichung eines Verhörvideos aus dem Jahr 2003 erkämpft. Es zeigt Khadr, wie er unkontrolliert weint, stöhnt, schluchzt, sich das Hemd vom Körper reisst - ein Bild der Verzweiflung. Er war damals 16.

Warf er die Granate?

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sagen, dass Khadr so oder so, ob schuldig oder nicht schuldig, von vornherein nie nach Guantánamo Bay gehört hätte. Sie weisen darauf hin, dass ihm als ehemaligem «Kindersoldaten» gemäss einer 2002 von den USA ratifizierten internationalen Vereinbarung besonderer Schutz zustehe.

Stattdessen nun ein Kriegsverbrecher-Prozess - nach Angaben von Menschenrechtlern der erste einer westlichen Nation seit langem gegen einen Angeklagten, der zur Tatzeit ein Kind war.

Omar wurde 2002 in den Trümmern eines Anwesens gefunden, das US- Soldaten zerbombt hatten, weil sie darin Al-Qaida-Mitglieder vermuteten. Beim Durchsuchen des Geländes wurde eine Handgranate auf die Amerikaner geschleudert, ein Sanitätssoldat starb.

Omar bestreitet, dass er den Mann tötete - laut US-Augenzeugen war er aber der einzige in dem zerstörten Gelände, der sich noch regte.

sda/dpa Gabriele Chwallek/bru

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