Der General erfüllt seine Pflicht

John Kelly verbindet wenig mit Donald Trump. Trotzdem arbeitet er für ihn. Und dem Stabschef im Weissen Haus ist es gelungen, den Präsidenten zu zügeln.

Beide lieben Amerika, aber sie zeigen es auf unterschiedliche Arten: Präsident Donald Trump und Stabschef John Kelly. Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

Beide lieben Amerika, aber sie zeigen es auf unterschiedliche Arten: Präsident Donald Trump und Stabschef John Kelly. Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

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Vor einigen Jahren hielt John Kelly eine Trauerrede. Das war 2010, und Kelly war damals noch Soldat, General der Marineinfanterie. In der Rede gedachte er zweier Marines, die im Irak gefallen waren. Sie hatten eine Strassensperre bewacht und waren bei der Explosion eines mit Sprengstoff beladenen Lasters getötet worden. Eine Videokamera hatte den Vorfall aufgezeichnet. Kelly erzählte in seiner Rede von den letzten sechs Sekunden im Leben dieser Soldaten. Wie der Laster auf sie zuraste. Wie sie zu schiessen begannen. Wie sie feuerten und feuerten und der Laster trotzdem weiterfuhr. Wie sie in einem Feuerball starben. «Sechs Sekunden – genug Zeit für zwei mutige junge Männer, ihre Pflicht zu tun», sagte Kelly damals.

Man hört in Washington jeweils von dieser Rede, wenn gerätselt wird, warum ein Mann wie John Kelly eigentlich für einen Mann wie Donald Trump arbeitet. Kelly – seit Juli Stabschef im Weissen Haus – hat den grössten Teil seines Lebens in der Marineinfanterie verbracht. Er hat im Golf- und im Irakkrieg gekämpft, sein eigener Sohn ist 2010 in Afghanistan gefallen. Begriffe wie Ehre, Dienst, Pflicht und Opferbereitschaft sind für ihn keine leere Phrasen.

Trump hingegen hat es vor allem dadurch zu Ruhm gebracht, dass er Frauen und Geld hinterhergejagt ist. Er hat sich um den Militärdienst in Vietnam gedrückt, daheim gab es mehr Bier und Mädchen. Im Wahlkampf hat er behauptet, er habe auch viel geopfert, weil er ja so reich geworden sei. Was ihr bisheriges Leben angeht und vor allem die Werte, an die sie glauben, gibt es kaum etwas, was den narzisstischen Hallodri und den hoch dekorierten Offizier verbindet.

«Trump unter Hausarrest»

Trotzdem ist Kelly in den vergangenen Monaten zu Trumps wohl wichtigstem Mitarbeiter geworden. Bevor der frühere General sein Amt antrat, war das Weisse Haus voller Intrigen und Machtkämpfe. Jeder misstraute jedem, jeder machte seine Politik, aber niemand war verantwortlich, wenn etwas schiefging. «Man sagt hier nicht ‹Yes, Sir›, sondern ‹Fuck you›», beschrieb ein Regierungsbeamter die Stimmung.

Kelly hat das Präsidialamt seitdem zu einer einigermassen funktionierenden Regierungszentrale umgebaut. Er weiss, dass er den Präsidenten selbst nicht ändern kann, weder dessen masslosen Fernsehkonsum noch dessen Twitterei. Aber er wacht eisern darüber, was der leicht beeinflussbare Trump zu lesen bekommt und mit wem er spricht. Die Zeiten, in denen Mitarbeiter dem Präsidenten heimlich ungeprüfte Artikel von rechten Internetsites auf den Tisch legen konnten, sind vorbei; ebenso die Zeiten, in denen alte Kumpels den Präsidenten einfach anrufen oder besuchen konnten. Inzwischen müssen Gesprächs­wünsche angemeldet werden, oft lehnt Kelly ab, oder er hört zumindest mit. Der republikanische Aussenpolitiker John Bolton zum Beispiel, ein bedingungsloser Hardliner, beschwerte sich jüngst, dass er wegen Kelly keinen Termin mehr bei Trump bekomme. «Trump unter Hausarrest», plärrte daraufhin das rechtslastige Internet.

Auch die Praxis, dass Mitarbeiter ohne Termin ins Oval Office marschieren oder uneingeladen an Sitzungen teilnehmen, hat Kelly beendet. Eine Frau, die das mit Vorliebe tat, war der Fernsehstar Omarosa Manigault, die Trump trotz mangelnder Qualifikation für seine Öffentlichkeitsarbeit angeheuert hatte. Berichten zufolge hat Kelly inzwischen befohlen, dass Manigault bei «wichtigen» Treffen draussen bleiben muss. Die geplante Anstellung des ebenso schillernden Sheriffs David Clarke verhinderte Kelly. Selbst Ivanka Trump, die älteste Tochter des Präsidenten, die als Beraterin im Weissen Haus arbeitet, darf angeblich nur noch unangemeldet ins Büro ihres Vaters, wenn es Privates zu besprechen gibt.

Zudem hat Kelly einige weitere Personalentscheidungen getroffen, welche die Arbeit im Weissen Haus professioneller gemacht haben. Die wichtigste: Chefstratege Stephen Bannon, selbst ernannter Revolutionär, Bürokratiezerstörer und Fackelträger der harten, populistischen Rechten, musste gehen. Bannon lieferte sich ständig Gefechte mit den «Globalisten», also jenen Beratern, die Trump zu einer gemässigteren, internationaleren, traditionelleren Politik überreden wollen. Zusammen mit Bannon wurde einigen weiteren «Nationalisten» gekündigt, die Kelly und seine Verbündeten – darunter Sicherheitsberater H. R. McMaster, ein General des Heeres – für verschwörerisch und engstirnig hielten.

Jetzt wird anders entschieden

Das führte zu der bizarren Situation, dass unter den einflussreichsten Mitarbeitern des republikanischen US-Präsidenten Trump nun etliche liberale Demokraten sind, allen voran Wirtschaftsberater Gary Cohn und Schwiegersohn Jared Kushner. Diese Personalien haben Folgen für den politischen Kurs. Trump gilt als Mensch, der nicht selten die Meinung vertritt, die er zuletzt gehört hat. Als er etwa vor einigen Tagen das Programm beendete, das jene illegalen Einwanderer vor Abschiebung schützte, die als Kinder in die USA gekommen waren, gab er dem Kongress sechs Monate Zeit, diesen Schutz per Gesetz wieder einzuführen. Für die «Nationalisten» war das ein Zugeständnis an die Linken. Aber als die Entscheidung im Weissen Haus fiel, fehlte Stephen Bannon in der Runde. Stattdessen sass da John Kelly, der dafür war, den jungen Migranten eine Gnadenfrist und dem Parlament eine Chance zu geben, ein Bleiberecht zu beschliessen.

Die Frage, warum sich Kelly für Trump abmüht, ist damit freilich nicht beantwortet. Manche Leute sagen, es habe vor allem mit jenem Wort zu tun, das Kelly vor zwei Jahren am Ende seiner Trauerrede für die toten Marines erwähnte: Pflicht. Kelly sei ein Patriot und ein Soldat, sagt ein Beobachter, der ganz gut weiss, was im Weissen Haus passiert. «Und wenn er für einen unfähigen Oberbefehlshaber den Laden schmeissen muss, dann macht er das.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 23:33 Uhr

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