Der Fluch von Charlottesville

Die Rechtsextremen-Szene in den USA ist zersplittert. Ihr Gedankengut hat aber den Mainstream erobert.

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Sie marschieren wieder. Nicht mehr in Charlottesville, sondern in Washington, diesen Sonntag. Direkt vor dem Weissen Haus halten die Neonazis morgen eine bewilligte Demonstration ab. Sie heisst «Unite the Right 2», und es handelt sich um den Versuch, jenen Aufmarsch zu wiederholen, der vor einem Jahr die USA schockierte.

Amerikas Rechtsextreme, weisse Nationalisten und Antisemiten – im erneuten Protest vereint. Doch für die Organisatoren lief es zuletzt nicht so, wie sie es sich erhofft hatten. Es werden wohl nicht mehr so viele Teilnehmer sein wie noch vergangenen Sommer, und viele, die da sein werden, liegen miteinander im Streit.

Das beginnt schon damit, dass sich die verschiedenen Rechts­extremen nicht einig wurden, in welchen Kleidern sie zur Demonstration erscheinen sollen. Hakenkreuze und Ku-Klux-Klan-Kapuzen? Oder doch lieber Poloshirts und Khakihosen, die Uniform der jüngeren Rechtsextremen? Sollte man einen Alibiredner mit schwarzer Hautfarbe auftreiben? Und wie sollte man antisemitische Slogans am besten tarnen?

Nachlesen kann man das alles in den gehackten Protokollen einer Facebook-Gruppe der Organisatoren, die das linke Medienkollektiv «Unicorn Riot» veröffentlichte. Sie zeigen das Bild einer chaotischen Truppe.

Die Masken fallen gelassen

Ein Jahr ist es her, seit Tausende Neonazis an einem heissen Wochenende in Charlottesville auftauchten, der hübschen kleinen Universitätsstadt in Virginia. Sie trugen Fackeln, schrien «Blut und Boden», «Ihr werdet uns nicht ersetzen» oder auch «Juden werden uns nicht ersetzen». Tags darauf kamen sie wieder.

Viele trugen Sturmgewehre oder Schutzschilde und prügelten auf Gegendemonstranten ein. Und am Ende eines langen Tages ­voller Gewalt raste James Alex Fields, ein weisser Nationalist, mit seinem Auto vorsätzlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten. Er verletzte 19 Menschen und tötete eine junge Frau.


Video: Tote bei Unruhen in US-Stadt Charlottesville

Ein Riss geht durch die US-Gesellschaft: Die gewaltsamen Ausschreitungen in Charlottesville vor einem Jahr. Video: Reuters / Tamedia


Die Ereignisse von Charlottesville verstörten viele Amerikaner. Das hat mit der Dreistigkeit der auftretenden Rechtsextremen zu tun. Viele hatten sich im Gegensatz zu früheren Aufmärschen nicht einmal die Mühe gemacht, sich zu maskieren – als gingen sie davon aus, dass sie Immunität geniessen würden. Die Verstörung hat aber auch damit zu tun, wie der Präsident der Vereinigten Staaten auf die Vorfälle reagierte.

Statt die Täter beim Namen zu nennen und sie zu verurteilen, wies Donald Trump die Schuld zunächst «beiden Seiten» zu. Erst auf Druck seiner Berater verlas er nach zwei Tagen eine Stellungnahme, von der er sich später jedoch wieder distanzierte. Stattdessen redete er davon, dass es «sehr feine Leute auf beiden Seiten» gebe. Es war einer der Tiefpunkte von Trumps Präsidentschaft – und ein Signal, das man bei weissen Nationalisten sehr gut verstand. «Er hat uns eine Tür geöffnet», sagt der Rechtsextremist Matthew Heimbach in einer Dokumentation des TV-Senders PBS zum Jahrestag der Vorfälle.

Manche sehen in der Reaktion auf Charlottesville eine positive Entwicklung. Die Organisation Anti-Defamation League (ADL) hält zwar fest, dass es seither in den USA mehr als 3000 rechtsextreme und antisemitische Vorfälle gegeben habe, von rassistisch motivierten Morden bis zu Demonstrationen an Universitäten. Doch man habe eben auch eine gesellschaftliche Gegenreaktion festgestellt: Teilnehmer der Proteste von Charlottesville wurden festgenommen, verloren ihre Jobs oder wurden von ihren Schulen geworfen. Anbieter von Websites nehmen rechtsextreme Inhalte heute rascher vom Netz. Diese Woche löschten die Techkonzerne des Silicon Valley die Sendungen des Hetzers Alex ­Jones von ihren Plattformen.

Charlottesville war der Dammbruch

Alles halb so schlimm also? Das kommt darauf an, welchen Teil des rechten Spektrums man betrachtet. Tatsächlich scheinen die militanten Neonazis, Nationalisten und die «Alt-Right»-Vertreter heute weniger geeint als noch vergangenen Sommer. Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gruppen sei zurückgegangen, sagt Brian Levin, Extremismusforscher an der California State University, gegenüber dem «Wall Street Journal»: «Die Bewegung ist total fragmentiert.»

Und doch war Charlottesville in vielerlei Hinsicht ein Dammbruch. Man braucht heute, ein Jahr danach, nicht an Proteste zu gehen, um Rassisten zu begegnen. Ihre Parolen hört man auch so laut genug. Bei den Zwischenwahlen im Herbst treten mindestens vier Kandidaten an, die sich nicht einmal die Mühe machen, ihre extremistische Haltung zu verstecken. Und alle tun sie es auf den Wahllisten der Republikaner. In Virginia heisst der offizielle Kandidat der Partei Corey Stewart, ein Mann, der Seite an Seite mit dem Organisator des letztjährigen Neonaziaufmarsches auftritt.

Dumme, Tiere, Kriminelle

Die extremen Parolen sind auch mitten aus dem Zentrum der Macht zu hören, dem Weissen Haus. Donald Trump beschimpft schwarze Sportler, Künstler und Politiker als minderintelligent. Afrikanische Länder sind für ihn «shithole countries», Dreckslöcher, lieber wünscht er sich mehr Einwanderer aus dem weissen Norwegen. Seine Regierung sperrt Kinder von lateinamerikanischen Einwanderern ein und trennt sie von ihren ­Eltern. Wenn Trump über ille­gale Immigranten spricht, redet er von «Tieren», die das Land «befallen».

Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit ist inzwischen eine Version von Trumps Einreiseverbot gegen Muslime in Kraft. Und bei Fox News, dem grössten TV-Sender, klagen Moderatoren wie Laura Ingraham und Tucker Carlson darüber, dass «das Amerika, das wir kannten und liebten», nicht mehr existiere. Dass Lateinamerika seine Einwanderer schicke, um die weissen Amerikaner bedeutungslos zu machen. Die extreme Szene auf der Strasse mag zersplittert sein – ihr Gedankengut ist zumindest in Teilen Mainstream geworden.

Hoffnung macht manchen die Reaktion der Einwohner von Charlottesville. Nach dem Neonaziaufmarsch war dort die Wut über die Verantwortlichen der Stadt gross. «Glaubt ihr, ihr könnt hier einfach reinkommen und weitermachen, als wäre nichts geschehen?», fragte eine wütende Aktivistin bei einer Stadtratssitzung. Die Frau heisst Nikuyah Walker. Anfang Jahr wurde sie zur Bürgermeisterin gewählt – als erste schwarze Frau in der Geschichte der Stadt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 22:40 Uhr

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