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Der britische Spion und Trumps Russlandaffäre

Ex-MI6-Agent ist überzeugt: «70 bis 90 Prozent» seines Trump-Dossiers stimmt. Christopher Steele könnte damit der Wahrheit nahe kommen.

Mehr als fünf falsche oder irreführende Behauptungen macht der US-Präsident am Tag. (Video: Tamedia)

Michael Gerson ist ein bekannter konservativer Kolumnist und ein Republikaner. Neulich las er eine vom Magazin «Politico» zusammengestellte Zeitschiene der Russlandäffare. «Die geballte Wirkung auf den Leser erzeugt einen Brechreiz, den keine Pille kurieren kann», lautete danach Gersons Befund.

In der Tat: Je mehr bekannt wird über die Vorgänge in Donald Trumps Wahlkampfteam und die zwielichtige Rolle von Julian Assange und WikiLeaks im US-Wahlkampf 2016 sowie die diversen russischen Bemühungen, Kontakte zu Trumps Team anzuknüpfen, desto erstaunlicher erscheinen diese Vorgänge. Wir wissen derzeit nicht, ob wirklich Absprachen zwischen Trumps Team und Moskau getroffen wurden. Aber wir wissen, dass der Kreml im Zuge einer geheimdienstlichen Aktion Kontaktpersonen auf die Trump-Truppe ansetzte. Auch wenn Moskau dies mehrmals dementierte.

Ausserdem wissen wir, dass Trump und seine Helfer und Mitarbeiter - Justizminister Jeff Sessions, Schwiegersohn Jared Kushner, Wahlkampfhelfer George Papadopoulos und andere - inzwischen einen Berg von Lügen und Halbwahrheiten, manche davon unter Eid, angehäuft haben, um diese Kontakte zu verschleiern. So wurde am Freitag bekannt, dass Kushner vom Kongress angeforderte Dokumente zurückgehalten hat, wenngleich sich diese mit Kontakten zu Russen und zu WikiLeaks beschäftigen.

Aufklärung im Rohzustand

Während Sonderermittler Robert Mueller weiter der Wahrheit auf die Spur zu kommen versucht, zeichnet sich ab, dass das so berüchtigte wie berühmte Dossier des britischen Ex-Spions Christopher Steele mehr Gewicht hat, als es die Freunde Wladimir Putins und Verteidiger Donald Trumps wahrhaben wollen. Dass das Dossier des ehemaligen MI6-Manns von Demokraten finanziert wurde, dient Steeles Gegnern als Nachweis, dass der Report erlogen sein muss. Je mehr aber Mueller, die Ermittler im Kongress sowie US-Journalisten bohren, desto glaubhafter erscheint Steeles Arbeit.

Was Kritiker des Dossiers und seiner Beschaffung nicht verstehen oder nicht wahrhaben wollen, ist die Art geheimdienstlicher Informationsbeschaffung: Zusammengetragen wird alles, darunter auch Gerüchte und Informationen aus zweiter Hand. Diese «raw intelligence» wird danach von Analysten sorgsam gefiltert. Im Falle des Dossiers wurde nichts gefiltert, Steeles einzelne Berichte sind «raw intelligence», also Aufklärung im Rohzustand.

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Doch ein Jahr, nachdem der Report zuerst in Washingtoner Kreisen zirkulierte, möchten Ermittler im Kongress nicht ausschliessen, dass Steeles Erkenntnisse im Kern zutreffen. In einem brandneuen Buch (Collusion: How Russia Helped Donald Trump Win) des britischen Journalisten und «Guardian»-Korrespondenten Luke Harding über die Russlandaffäre zeigt sich Steele jedenfalls zuversichtlich: «70 bis 90 Prozent» seines Reports werde sich als wahr herausstellen.

Er habe sich drei Jahrzehnte mit Russland befasst, «warum sollte ich dieses Zeug erfinden?», zitiert Harding den MI6-Veteranen. Im Gegensatz zu seinen Kritikern versteht Steeles die Vorgehensweise russischer Dienste meisterlich, das Andocken, das Anzapfen, die Versuche, Quellen zu kompromittieren und Kontakte über lange Zeit zu intensivieren. Schliesslich diente der Brite von 1990 bis 1993 als Agent Londons in Moskau, danach leitete er das Russland-Büro des MI6 von 2004 bis 2009 und war federführend bei den Ermittlungen im Mordfall Alexander Litwinenko: Der ehemalige KGB-Mann war 2006 in London nach einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium-210 gestorben.

Steele deckte den FIFA-Skandal mit auf

Auch Steve Hall erkennt in Moskaus Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 und im Umgang des Kreml mit Team Trump die Anzeichen klassischer russischer Spionagetaktiken. Hall weiss, wovon er redet: Bis zu seiner Pensionierung 2015 leitete er jahrzehntelang die Russland-Abteilung der CIA.

Während seiner Zeit in Moskau und danach entwickelte Steele erstklassige russische Kontakte und Informationsquellen: Regierungsmitarbeiter, Oligarchen, Systemkritiker und so weiter. Wie gut seine Spürnase ist, bewies er nach seinem Abschied vom MI6 und der Gründung seiner Privatdetektei Orbis unter anderem bei der Mitaufdeckung des FIFA-Skandals.

Der Kreml soll Trumps Eitelkeit ausgenutzt haben

Besonders beim FBI glänzte Steeles Reputation: Der Brite hatte gelegentlich mit einer der besten FBI-Abteilungen kooperiert, der «Eurasian Joint Organized Crime Squad», die russische Mafia-Mitglieder, halbseidene Oligarchen und Kriminelle in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken verfolgt. Es war denn auch einer der Eurasia-Agenten, den Steele im August 2016 in Rom zuerst in seine Recherchen über Moskau und Donald Trump einweihte. Der FBI-Mann war alarmiert, bald traf sich der Brite mit einem FBI-Team.

Dessen Reaktion auf seine Erkenntnisse beschrieb Steele gegenüber Luke Harding als «Schock und Horror»: Falls zutraf, was Steeles Quellen in Russland behaupteten, hatte der Kreml Donald Trump seit langer Zeit hofiert und Trumps Eitelkeit ausgenutzt. Dass Geld dabei eine Rolle gespielt haben soll, ist durchaus möglich: Nach mehreren Pleiten war Trumps Kreditwürdigkeit dahin, US-Banken drehten ihm den Geldhahn zu. Dafür floss dem Immobilien-Mogul anderes Geld zu: «Wir beobachten, dass eine Menge Geld aus Russland hereinkommt», sagte Trumps Sohn Donald junior 2008.

Steele zeichnete diese Bewegungen auf, er war überzeugt, dass der Kreml auch deshalb Einfluss auf Donald Trump hatte. Wird sich sein Dossier als hundertprozentig richtig herausstellen? Wohl kaum, aber die darin enthaltene «raw intelligence» könnte als Leitfaden in der Russlandaffäre dienen – auch wenn sich am Ende herausstellte, dass Trumps Team die vielfach ausgelegten Köder Moskaus dank eines Rests von gesundem Menschenverstand oder aus purer Unfähigkeit nicht verschlang.

Absprachen «von den 80er Jahren bis 2016»

Und was Steeles oft attackierte Geschichte von den Prostituierten betrifft, die mit Donald Trump bei dessen Besuch Moskaus 2013 angeblich eine Orgie feierten: Zumindest wissen wir nach der kürzlichen Aussage von Trumps Leibwächter und Faktotum Keith Schiller vor dem Kongress, dass die russischen Gastgeber ein entsprechendes Angebot unterbreitet hatten. Er habe es abgelehnt, sagte Schiller, und die Tür zu Donald Trumps Hotelzimmer kurzzeitig bewacht, ehe er ins Bett gegangen sei.

Auch hier scheinen Christopher Steeles russische Quellen irgendetwas auf der Spur gewesen zu sein. Am Samstag vom amerikanischen TV-Sender MSNBC befragt, ob er nach seinen Recherchen an Absprachen zwischen Trump und dem Kreml glaube, anwortete Luke Harding, «absolut, von den 80er Jahren bis 2016».

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