Der Aufstand der Lehrer

In vielen US-Bundesstaaten streiken Pädagogen für mehr Geld, weil sie unter gekürzten Etats leiden. Im Wahljahr müssen die Republikaner nun Antworten finden.

Fordern mehr finanzielle Mittel: Hunderte Lehrer protestieren in Oklahoma City. Foto: Scott Heins (Bloomberg, Getty Images)

Fordern mehr finanzielle Mittel: Hunderte Lehrer protestieren in Oklahoma City. Foto: Scott Heins (Bloomberg, Getty Images)

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Donald Trump hatte vor einigen Monaten eine Idee. Lehrer, die sich an der Waffe ausbilden liessen, um notfalls Amokläufer stoppen zu können, sollten «einen kleinen Bonus» bekommen, schlug der US-Präsident vor. Amerikas Lehrer haben jedoch offenbar ganz andere Vorstellungen davon, wie sie Gehaltssteigerungen erreichen wollen: Seit zweieinhalb Monaten treten in einem Bundesstaat nach dem anderen Lehrer in den Streik, um höhere Löhne, bessere Pensionen und mehr Geld für die Ausstattung ihrer Schulen zu erzwingen. Und in etlichen Fällen haben sie damit Erfolg.

Zuletzt zum Beispiel in Arizona. Dort streikten die Lehrer vom 26. April bis zum 3. Mai – ein kurzer, heftiger Protest, mit dem sie sich eine Gehaltserhöhung um 20 Prozent in den kommenden drei Jahren erkämpften. Zuvor hatten ihre Kollegen in anderen Bundesstaaten ähnliche Siege errungen, wenn auch nicht ganz so spektakuläre. In Oklahoma bekamen die Lehrer nach einem Streik einen Lohnaufschlag von umgerechnet 6000 Franken pro Jahr. In West Virginia erstritten sie sich eine Gehaltserhöhung um 5 Prozent. In Kentucky erhöhte das Parlament den Bildungshaushalt deutlich, nachdem die Lehrer gestreikt hatten, und hob dafür sogar die Steuern an. In Colorado schliesslich streiken die Lehrer derzeit für mehr Geld. Gemessen an den Erfolgen ihrer Kollegen stehen ihre Chancen gut.

Nur vier Tage Unterricht

Es ist kein Zufall, dass die Streiks vor allem in sogenannten roten Bundesstaaten stattfinden, in konservativen Staaten also, die von den Republikanern regiert werden. Sie haben in den vergangenen Jahren die Ausgaben für die öffentliche Bildung zum Teil drastisch zusammengekürzt – so extrem, dass in einigen Schulbezirken das Geld nur noch für vier Tage Unterricht pro Woche reichte anstatt für fünf.

Mancherorts sind die Lehrer gezwungen, das Unterrichtsmaterial für ihre Schüler selbst zu kaufen.

Das hatte zum einen ideologische Gründe. Vor allem auf dem Land sehen viele Republikaner das staatliche Schulwesen skeptisch. Sie fürchten, dass ihre Kinder dort linksliberaler Propaganda ausgesetzt werden. Den Bildungsetat zu kürzen, ist daher beliebt. Hinzu kamen wirtschaftliche Zwänge. Der Zusammenbruch des Immobilienmarktes im Jahr 2008 hat eine Hauptquelle für die Finanzierung von Schulen in den Vereinigten Staaten hart getroffen: die Einnahmen durch die Grundsteuer. Zwar ist die akute Krise inzwischen vorbei. Doch in vielen Bundesstaaten hat der Immobilienmarkt das (völlig übertriebene) Niveau von 2008 noch nicht wieder erreicht und wird es wohl auch nie wieder erreichen. Entsprechend weniger Geld steht den öffentlichen Schulen zur Verfügung.

Sinkende Gehälter

Zusammengenommen hat das dazu geführt, dass die ohnehin nicht besonders hohen Gehälter von Lehrern stark gesunken sind. In Oklahoma zum Beispiel verdiente ein Lehrer im Jahr 2016 umgerechnet knapp 45 000 Franken im Jahr, das waren gut 7000 Franken weniger als 2010 – eine Einbusse von mehr als 13 Prozent. In anderen Bundesstaaten sanken die Gehälter um etwa 10 Prozent. Dass Lehrer einen Zweitjob haben, um über die Runden zu kommen, ist in Amerika Alltag. Zugleich wurden die Etats der Schulen so zusammengestrichen, dass Lehrer inzwischen mancherorts gezwungen sind, das Unterrichtsmaterial für ihre Schüler selbst zu kaufen. Nur in 12 der 50 amerikanischen Bundesstaaten stiegen die Gehälter von Lehrern in den vergangenen acht Jahren.

«We remember in November»

2018 ist für die Lehrer ein günstiges Jahr, um gegen diese Missstände zu kämpfen. Im November werden das Abgeordnetenhaus in Washington und ein Teil des Senats neu gewählt. Den Republikanern droht eine herbe Niederlage, sie müssen jeden Sitz verteidigen. Lehrer, vor allem die gewerkschaftlich organisierten, sind zwar traditionell eher eine demokratische Klientel. Doch die Probleme sind inzwischen so gross, dass selbst in Gegenden der USA, wo die Gewerkschaften schwach und auch viele Lehrer konservativ sind, politische Dogmen zweitrangig werden. Den mehr als drei Millionen Lehrern in den Vereinigten Staaten einen finanziellen Grund zu geben, bei der Kongresswahl für die Demokraten zu stimmen, wäre aus Sicht der Republikaner daher schlicht dumm. «We remember in November» lautete einer der Slogans der Lehrer, die im Parlament von Kentucky für höhere Bildungsausgaben demonstrierten: Wir erinnern uns im November daran, wie ihr abgestimmt habt.

Zudem betrifft jeder Lehrerstreik auch Eltern und Grosseltern, die ebenfalls wählen gehen. Und die Forderung nach mehr Geld für öffentliche Bildung geniesst in der Bevölkerung Umfragen zufolge durchaus Rückhalt. Selbst sehr konservative Eltern machen sich Gedanken, wenn an ihrer Schule aus Geldmangel nicht nur der Französischunterricht gestrichen wird, sondern auch das Football-Programm.

Für die Republikaner verbindet sich all das zu einer politisch höchst gefährlichen Mischung. Für wie ernst sie die Lage halten, zeigt sich darin, dass sie zum Beispiel in Kentucky etwas taten, was für Republikaner eigentlich Teufelszeug ist: Um mehr Geld für Bildung ausgeben zu können, überstimmten sie ihren Gouverneur und erhöhten die Steuern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 23:03 Uhr

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