Den Tod vor Augen, rechnet McCain mit Trump ab

Der republikanische Haudegen liegt im Sterben. Nun spricht John McCain Klartext gegen Donald Trump. Doch dessen Aufstieg hat er begünstigt.

Plant seine Beerdigung – ohne Trump: Senator John McCain. Foto: Michael Reynolds (Epa/Keystone)

Plant seine Beerdigung – ohne Trump: Senator John McCain. Foto: Michael Reynolds (Epa/Keystone)

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Der Spätherbst seines Lebens ist angebrochen. Unheilbar erkrankt an einem Gehirntumor, empfängt John McCain alte Freunde auf seiner Ranch im Staat Arizona, den McCain drei Jahrzehnte im Washingtoner Senat repräsentiert hat. Er verbrachte fünf Jahre in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft und wurde in Hanoi gefoltert, ein Kriegsheld, der 2008 zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, die Wahl jedoch gegen Barack Obama verlor.

«Ich kann jetzt sagen, was ich will, ohne dass ich die Konsequenzen fürchten muss», schreibt McCain in seinem in Kürze erscheinenden Buch «The Restless Wave». Es wird sein letztes Buch sein, ein Rückblick auf eine lange Karriere und zugleich eine Abrechnung mit Donald Trump. McCain hat die Pläne für seine Beerdigung und den anschliessenden Gedenkgottesdienst in der Kathedrale in Washington bereits ausgearbeitet. Trump will er nicht dabeihaben, Vizepräsident Mike Pence soll die Regierung vertreten.

Nicht etwa, weil Trump vom Sohn und Enkel zweier Admiräle 2015 behauptete, er sei «kein Kriegsheld». McCain sei «ein Kriegsheld, weil er gefangen genommen wurde, ich mag Leute, die nicht gefangen genommen wurden», sagte Trump, der sich vor dem Vietnamkrieg gedrückt hatte. McCain, der über Nordvietnam abgeschossen wurde, hat nie auf Trumps Beleidigung reagiert.


Video – McCains emotionaler Appell im Senat (2017)

Nach seiner Rückkehr in den Senat ruft der von seiner Krebserkrankung gezeichnete Politiker seine Kollegen zur Zusammenarbeit auf. Video: Tamedia/Reuters


Andererseits liess der alte Haudegen keinen Zweifel daran, was er von Donald Trumps Politik hält. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2017 beklagte der Senator «die wachsende Abwendung von universalen Werten und die Hinwendung zu Blut und Rasse» sowie die zunehmenden «Ressentiments gegenüber Einwanderern».

Wen und was er damit meinte, war unschwer zu erraten, in seinem neuen Buch aber nennt McCain den Präsidenten beim Namen. Trumps Mangel an Empathie für Flüchtlinge sei «erschreckend», seine Abwertung kritischer Medien als «Fake News» werde «kopiert von Autokraten, die eine freie Presse diskreditieren und kontrollieren wollen». Und während Trump seiner Egomanie huldigt, schreibt McCain, er sei dankbar, «dass ich mir einen kleinen Platz in der Geschichte Amerikas ergattert habe».

Er zählt viele Demokraten zu seinen Freunden, darunter den ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden.

McCains Sorge um den Zustand der Nation im Zeitalter Trumps kann freilich nicht verdecken, dass der Senator zum Aufstieg Donald Trumps beitrug – indem er Sarah Palin, die damalige Gouverneurin Alaskas, 2008 zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin erwählte. Palins politische Ignoranz mitsamt ihrer Bereitschaft, ihre weisse republikanische Anhängerschaft als Opfer von Minderheiten und liberaler Weltordnung hinzustellen, ebnete den Weg für Donald Trump.


«Er hat Störungen der gefährlichsten Art» Robert Jay Lifton, einer der bekanntesten Psychiater der USA, hält Donald Trump für den gefährlichsten Mann der Welt. (Abo+)


Dennoch verliert McCain kein schlechtes Wort über Palin. Aber er bedauert, nicht den parteilosen Senator und Freund Joe Lieberman anstelle Palins 2008 zum Vizepräsidentschaftskandidaten gekürt zu haben. McCains teils aggressive aussenpolitische Vorstellungen manifestierten sich in seiner bedingungslosen Unterstützung der amerikanischen Intervention im Irak und in seiner Ablehnung des Atomdeals mit Teheran, stets aber suchte der Senator das Gespräch mit der anderen Seite und zählt viele Demokraten zu seinen Freunden, darunter den ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden.

Und während Trump im Wahlkampf 2016 seine Widersacherin Hillary Clinton dämonisierte und ihre Inhaftierung verlangte, wandte sich McCain 2008 gegen seine Anhänger, als sie Barack Obama verteufelten. «Er ist ein anständiger Mann», verteidigte McCain seinen Konkurrenten. Nun sollen George W. Bush und Obama seine Grabreden halten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2018, 10:26 Uhr

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