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Demütigen? Klar. Feuern? Eher nicht

Im Wahlkampf inszenierte sich Donald Trump als führungsstark. Die Personalie Scaramucci zeigt aber, dass der US-Präsident in Wahrheit konfliktscheu ist.

Schwang auf Twitter die Nazi-Keule: Der konservative CNN-Kommentator Jeffrey Lord. (Archiv)
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Daniel Zampogna/AP, Keystone
«Wir werden eine Menge Geld sparen»: US-Präsident Donald Trump. (10. August 2017)
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Evan Vucci, Keystone
Engagierte Präsidententochter: Ivanka an einem «Fortune»-Forum für die mächtigsten Frauen in Washington. (14. Oktober 2015)
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Keystone
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Nach zehn Tagen ist der Schrecken vorbei. Anthony Scaramucci ist nicht länger Kommunikationsdirektor im Weissen Haus: Der Ex-Fondsmanager wird nicht länger in offizieller Funktion Obszönitäten verbreiten und Donald Trump die Treue schwören.

Das offizielle Pressestatement spricht zwar davon, dass Scaramucci abtrete, um dem neuen Stabschef John Kelly die Chance zu geben, sein eigenes Team aufzubauen. In Wahrheit hat Ex-General Kelly den Rauswurf durchgesetzt, weil er ihn für «völlig ungeeignet» für diese Position hält - und mit solchen Leuten nie für die dringend benötigte Ordnung im Weissen Haus sorgen kann.

Der Überzeugung, dass der vulgäre Scaramucci eine Belastung sei, schloss sich am Wochenende nach Gesprächen mit Kelly und der Familie auch der Präsident an, so die New York Times.

Video - Die Entlassung nach 10 Tagen

Der neue Stabschef habe die Absetzung Scaramuccis verlangt. (Video: Tamedia)

Eines tat Trump jedoch nicht: Er hätte selbst seinen Meinungsumschwung begründen und Scaramucci feuern können. Der Spruch «You're fired» aus seiner Reality-TV-Serie «The Apprentice» hat den Immobilien-Unternehmer weltweit bekannt gemacht und entsprechend trat Trump auch im Wahlkampf auf. Der Slogan «Obama, you're fired» begeisterte die konservativen Amerikaner und der Republikaner tut bis heute so, als würde er jeden vom Hof jagen, der seinen Anweisungen nicht folgt.

Dass dies mit der Realität so viel zu tun hat wie Wrestling mit Boxen, fällt im Dauer-Chaos dieser US-Regierung nicht sofort auf. Aber die vergangenen zwei Jahre - also die Zeit des Wahlkampfs und die ersten sechs Monate als Präsident - zeigen, dass Trump in Sachen Personalführung vor allem eines ist: konfliktscheu.

Trump macht es keinen Spass, Leute zu feuern

Er umgibt sich mit Leuten, die ihm schmeicheln - und meidet jene, die ihm missfallen. Aber rauswerfen tut er sie nicht. Wer wie Steve Bannon ein paar Wochen abtaucht, der kann auch wieder zum Trump-Liebling werden. Als Politik für Trump noch ein Hobby war und er sich vor allem auf Immobilien und die NBC-Show «The Apprentice» konzentrierte, sagte er dem Luxusmagazin Life beyond Sport: «Die Leute denken, dass es mir Spass macht, Leute zu feuern. Das ist aber nicht der Fall.»

Dies deckt sich mit zahllosen Anekdoten, die Wegbegleiter aus Trumps Leben erzählen: Der US-Präsident sei ein «people pleaser», der vor allem gemocht und bewundert werden will.

Barbara Res, eine ehemalige Angestellte aus Trumps Immobilienfirma, schildert etwa bei CNN, dass ihr Chef es oft nicht übers Herz brachte, unfähigen Mitarbeitern zu kündigen oder sie wieder einstellte, nachdem diese um ein Gespräch baten. Dies klingt plötzlich vertraut: Trump stellt seinen Justizminister seit Monaten öffentlich bloss («sehr schwach»), weil sich Jeff Sessions aus den Russland-Ermittlungen zurückgezogen hat. Ein echtes Gespräch zwischen den einstigen Verbündeten gab es zuletzt vor vier Monaten, aber Sessions verharrt auf seinem Posten. Und der US-Präsident? Er greift nicht durch.

Ähnlich war es auch bei Ex-Pressesprecher Sean Spicer, der immer mehr zur Witzfigur wurde und über seine Zukunft im Unklaren gelassen wurde, oder Trumps erstem Büroleiter Reince Priebus. Dessen Ruf wurde über Monate zerstört, doch weil er unbeirrt weiterarbeitete, musste Priebus schliesslich vor vollendete Tatsachen gestellt werden - ein seltener Fall, in dem das Verb «feuern» angebracht scheint.

Video - Riebus tritt als Stabschef ab

Kurz nachdem Scaramucci kam, ging der bisherige Stabschef. (Video: AFP)

Wenn es unangenehm wird, schickt Trump andere vor

Trump bezeichnet sich als «Loyalitätsfreak», aber viele Bündnisse bestehen für ihn nur auf Zeit. Entweder fehlt ihm der Mut oder es sind die mangelnden Manieren: Wenn Trump jemanden loswerden will, greift er nicht selbst zum Telefonhörer und bedankt sich für die bisherige Arbeit. Nein, er lässt das andere erledigen.

Im Wahlkampf war es Sohn Donald jr., der Kampagnenchef Corey Lewandowski feuerte. Dessen Nachfolger Paul Manafort wurde von Schwiegersohn Jared Kushner informiert, dass man ihn nicht mehr benötige: «In 30 Sekunden wird die Pressemitteilung verschickt, in der Ihr Rücktritt bekannt gegeben wird.»

Auf Manafort folgte Steve Bannon: Der Ex-Breitbart-Chef war es im November 2016, der dem bis zur Selbstverleugnung loyalen Chris Christie übermittelte, dass der Gouverneur von New Jersey nicht länger die Übernahme der Regierungsgeschäfte planen sollte. Und der frühere FBI-Chef James Comey, den Trump im Mai feuerte? Der wurde von Keith Schiller, Trumps langjährigem Bodyguard darüber informiert, dass er entlassen wurde.

Trump setzt die alten Washingtoner Regeln ausser Kraft

Dass Trump diese Aufgaben anderen zuweist, wäre wenig beachtenswert, wenn sich der 45. US-Präsident nicht stets als Anti-Establishment-Politiker und besonders durchsetzungsstark inszenieren würde. In Sachen Personalführung ist der Republikaner bisher nicht sonderlich geschickt, und er kann diese Fehler nicht korrigieren, weil er es hasst, Leute schnell zu feuern. Es bleibt abzuwarten, ob der neue Stabschef John Kelly ihn hier überzeugen kann, rationaler zu handeln.

Aufschlussreich ist ein Blick in die Geschichte. Historiker wie Tim Naftali von der New York University betonen, dass auch andere Präsidenten missliebige Minister selten feuern mussten. Es gab hingegen eingespielte Rituale: Wenn dem Präsidenten ein Kabinettsmitglied oder Behördenleiter nicht mehr passte, dann überbrachte diesem ein Mitarbeiter des Weissen Hauses die Nachricht.

Wenn darauf nicht der Rücktritt erfolgte, wurden negative Geschichten gestreut. Daraufhin erkundigen sich Reporter bei der täglichen Pressekonferenz, ob der Präsident noch Vertrauen in diesen Mitarbeiter habe. Spätestens wenn dann nur ein lauwarmes Lob folgte, war der Rücktritt unvermeidbar. Schon aus Selbstachtung traten die Minister ab, wenn ihr Chef sie nicht mehr stützte. Das Beispiel von Jeff Sessions zeigt, dass dies 2017 nicht mehr gilt.

Dies ist nur eine von vielen Regeln, die sich in Washington verändert haben, seit Donald Trump im Weissen Haus sitzt.

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