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Das republikanische Dilemma

Für evangelikale Christen sind sie Helden. Roy Moore und Donald Trump aber sind glaubhaft als sexuelle Nötiger und Belästiger geoutet worden.

Eine weitere Frau hat dem republikanischen Politiker Roy Moore sexuellen Missbrauch vorgeworfen.

Der Zirkus, zu der die Senatswahl am 12. Dezember im US-Staat Alabama mutiert ist, bietet einen faszinierenden Blick in die Seele der amerikanischen Politik. Da ist Roy Moore, ein Moralapostel und Mann der Bibel, der seit Jahrzehnten selbstgerecht über anderer Leute Sünden urteilt. Als konföderierter Savonarola reitet er durch Alabama, wurde jetzt aber durch glaubwürdige Aussagen als sexueller Nötiger und Belästiger junger Frauen und Mädchen demaskiert.

Da sind die Republikaner in Washington, die inständig darauf hoffen, dass dieser Held des weissen evangelikalen Alabamas von der Wahl zurücktreten und den Weg freigeben wird für einen Alternativkandidaten, der den republikanischen Senatssitz retten kann. Und da ist der Präsident in Washington, der Moore unter Druck setzen soll, wenngleich er selber ein sexueller Belästiger und Nötiger ist.

Video: Frauen werfen Trump sexuelle Belästigung vor

Kurz vor der Wahl sah sich Donald Trump im Oktober 2016 mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert.

Siebzehn Frauen haben Donald Trump sexueller Übergriffe beschuldigt, im Gegensatz zu Moore hat Trump sogar zugegeben, dass er sich Frauen gegenüber schweinisch verhalten hat. Siehe das berühmte Video, auf dem Kandidat Trump beschreibt, wie er Frauen an die Genitalien greift. Moore hat angekündigt, er werde die «Washington Post», die seine Übergriffe zuerst enthüllte, mit einer Klage überziehen. Er wird jedoch ebensowenig klagen wie Trump, der seine Beschuldigerinnen vor Gericht zerren wollte, dies wohlweisslich aber niemals tat.

«Breitbart» hat noch nichts Grosses zu Stande gebracht

Roy Moore hatte neue Enthüllungen angekündigt, die ihn enlasten würden, und dabei offenbar auf die Spürnasen der rechtspopulistischen Medienwebseite «Breitbart» gehofft. Immerhin ist Moore der Lieblingskandidat von «Breitbart»-Impressario und Trump-Freund Steve Bannon, der sich voll hinter ihn stellte und den ehemaligen Richter zum Vehikel seiner Rebellion gegen das republikanische Establishment in Washington machte.

Jetzt wird freilich kolportiert, Bannon wolle Moore «persönlich ins Grab befördern», falls die Vorwürfe gegen ihn wahr seien. Grosses haben Bannons Lehrlinge in Alabama bislang nicht zu Stande gebracht. Es gab einen Robo-Anruf, bei dem ein Mann namens «Bernie Bernstein» vorgab, ein Reporter der «Washington Post» zu sein. Zwischen «5000 und 7000 Dollar» offerierte Mr. Bernstein Frauen, die sich bereiterklärten, Moore anzuschwärzen.

Niemand fiel darauf herein, doch fanden Journalisten von CNN und der Alabama-Medienwebseite Al.com interessante Zeugen. Sie berichteten, dass Moore Ende der siebziger und anfangs der achtziger Jahre im Einkaufszentrum in Gadsden, wo er als Staatsanwalt arbeitete, dauernd Teenies anmachte. Und zwar so, dass der Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums auf ihn aufmerksam wurde.

Nun fordert auch Fox News Antworten

Die solide journalistische Arbeit zwang sogar Moore-Verbündete wie den «Fox News»-Moderator Sean Hannity zum Umdenken. Nachdem er Moore tagelang verteidigt hatte, verlangte Hannity von Moore am Dienstag innerhalb von 24 Stunden befriedigende Antworten auf die Vorwürfe.

Video: Moore verteidigt sich

Anfangs November wehrte sich Roy Moore gegen die Vorwürfe.

Er wird sie nicht geben können. Womit das republikanische Dilemma perfekt ist: Auch wenn es gelänge, Moore zum Aufgeben zu bewegen und einen anderen republikanischen Kandidaten aufzustellen, so verbleibt Moores Name doch auf dem Wahlschein – und wird renitenten Evangelikalen eine Gelegenheit bieten, ihren Mann zu wählen und dem Establishment damit den Stinkefinger zu zeigen. Das republikanische Stimmpotenzial im normalerweise verlässlich republikanischen Alabama wäre zersplittert, der Gewinner der Demokrat Doug Jones.

Damit schrumpfte die knappe republikanische Mehrheit im Washingtoner Senat auf ein Mandat – eine extrem wacklige Konstellation. Nur Donald Trump aber könnte den Traumkandidaten des Establishments, den Retter der Partei, zu einer Kandidatur in letzter Minute bewegen. Jefferson Beauregard Sessions hiesse der, sein alter Sitz im Senat wäre es, den er jetzt zurückgewinnen könnte.

Sessions fürchtet den Trump-Effekt

Als Trumps Justizminister hat Sessions den Kongress in der Russlandaffäre mehrmals unter Eid belogen, und Trump wäre aus diversen Gründen wahrscheinlich froh, ihn möglichst bald loszuwerden. Aber Sessions will nicht. Zum einen, weil er es liebt, Justizminister zu sein. Und zum anderen, weil er befürchten muss, dass Teile der Alabama-Christenheit Moore am Wahltag treu bleiben.

Jefferson Beauregard Sessions ginge somit leer aus, auch er ein Opfer von Evangelikalen, die einem Politico die Treue halten, obwohl er Frauen sexuell belästigt und genötigt hat. Neu ist daran nichts: Bei Trump war es ja ebenso.

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