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Das McCain-Fest fällt ins Wasser

Hurrikan Gustav zerwirbelt die festliche Aufführung der Rupublikaner in Minneapolis – und erinnert fatal an Katrina.

Eigentlich wollte die Republikaner zumindest ihren Prinzen, den Senator John McCain, feiern. Sich selber zu zelebrieren schien angesichts des desolaten ideologischen Zustands des amerikanischen Konservatismus nicht unbedingt angebracht, ihren Kandidaten jedoch wollten die Delegierten mit Pauken und Trumpeten über vier Tage hinweg auf den republikanischen Schild heben. Denn so schlecht die Dinge bei den Kongresswahlen im November stehen mögen, so ist der starke Wahlkampf des Senioren aus Arizona doch unverhoffter Balsam für die wunden Seelen der republikanischen Getreuen.

Republikanisches Rambazamba

Entsprechend erbaulich sollte das republikanische Rambazamba in Staat Minnesota ausfallen als eine Art Krönung des politischen Oeuvres John McCains, reizend untermalt von seiner Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, die auf der breiten medialen Bühne des Parteitags gewiss eine gute Figur abgeben und der Partei des weissen Mannes ein neues und zukunftsträchtiges Gesicht verleihen würde. Dazwischen kam nun Gustav, der mächtig durch den Golf von Mexiko wirbelt und es nicht ratsam erscheinen liess, in Minneapolis eine fetzige Party zu veranstalten, derweil entlang der Küste die Bürger aus Angst um ihr Leben ins Landesinnere flüchteten.

So liegt denn der Parteitag zunächst auf Eis, wurden die Reden samt dem folkloristischen Brimborium des ersten Tages ausgesetzt und nur die nötigsten politischen Geschäfte erledigt. Nicht wenige der republikanischen Honoratioren atmeten insgeheim auf, dass nicht nur George W. Bush Gustavs wegen dem Spektakel fernblieb, sondern auch Dick Cheney, dessen angedrohter Besuch dem Parteitag in den Nasen nicht weniger Republikaner eine problematische Duftnote verliehen hätte. Und während die Delegationen aus den Golf-Staaten Louisiana und Mississippi angesichts des nahenden Übels vorzeitig abreisten und überdies eine der für heute eingeplanten Attraktionen, Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, dem Ereignis gleichfalls fernblieb, debattierten die republikanischen Veranstalter, wie Gustav entsprochen werden könnte, ohne dass der gesamte Parteitag dem medialen Ruin anheimfiel.

Keine Parteipolitik in Stunden der Not

«Entscheidungen werden von Tag zu Tag gemacht», begründete der Vorsitzende des Parteifests, der republikanische Kongressabgeordnete John Boehner, die ungewöhnliche Improvisation, die der Hurrikan der ordnungsliebenden Partei abnötigte. Wie Präsident Bush, der in Washington die Notmassnahmen gegen Gustav penibel überwachte, wollte auch Senator McCain vergessen machen, dass beide zusammen vor drei Jahren im fernen Kalifornien unbeschwert einen Geburtstagskuchen für den Senator angeschnitten hatten, während Katrina New Orleans verschliss. Umgehend begab sich McCain daher bereits am Sonntag ins und erklärte ganz nach Kaisers Art, man kenne keine Parteien mehr, sondern – in dieser Stunde der Not! – nur noch Amerikaner.

Ungesagt blieb bei all der hektischen Geschäftigkeit, dass Gustav zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt die amerikanische Küste hätte heimsuchen können. Denn der Hurrikan erinnerte fatal an die Geschehnisse vor drei Jahren, als New Orleans versank – und im Untergang schlagend die Inkompetenz einer republikanischen Regierung unter Beweis stellte, deren Vordenker stets davon geträumt hatten, den Staat so zu verkleinern, das dieser in den Worten des republikanischen Guru Grover Norquist «in der Badewanne ertränkt» werden konnte.

Es droht der Fernseh-Supergau

Dass unweit der republikanischen Versammlungshalle vor Jahresfrist die Autobahnbrücke über den Mississippi-Fluss einstürzte und dreizehn Menschen in den Tod riss, wurde von manchen Kommentatoren ebenfalls als Bankrott einer Politik gedeutet, die den amerikanischen Staat seit beinahe drei Jahrzehnten entkernt und dadurch die Infrastruktur des Landes schwer lädiert hat. Zumal sich in den ersten Jubel über die Erhebung Sarah Palins in den republikanischen Hochadel ein wenig Ernüchterung mischte: War die Gouverneurin zu unerfahren für den Posten des Vizes – oder genügte es den aussenpolitischen Ansprüchen der Nation, dass Palin, wie McCains Gattin Cindy in einem Fernsehinterview beruhigend angemerkt hatte, immerhin als Gouverneurin jenem amerikanischen Staat vorsteht, der «Russland nächstgelegen ist»?

Nun droht Gustav sogar den republikanischen Debütantenball für die Gouverneurin aus Alaska zu zertrümmern, denn nicht nur wusste gestern niemand, wann das republikanische Palaver endlich auf Touren kommen werde. Geradeso betrüblich war, dass Gustav eine magische Anziehungskraft für die TV-Medien und ihre Stars entwickelte, die am Sonntag ihre Hotelzimmer in Minneapolis prompt räumten und mitsamt Tross eiligst an der Golfküste ein neues mediales Lager aufschlugen - womit den republikanischen Impresarios der Fernseh-Supergau droht: Ein zweigeteilter Bildschirm nämlich, auf dem der choreografierte Zirkus im hohen Norden der Nation mit Gustavs Verwirblung des amerikanischen Südens konkurriert.

Eine politische Verschwörung gewittert

Vom Tagesanzeiger-Korrespondenten danach befragt, witterte ein republikanischer Delegierter sofort eine politische Verschwörung: Nun dürfe der Parteitag «erst recht nicht» verschoben oder umgestaltet werden, da damit nur liberalen Medien wie etwa dem Nachrichtensender CNN in die Hände gespielt werde. Weiter oben, wo derlei Äusserungen aus Gründen der politischen Hygiene verpönt sind, wird unterdessen beraten, wie zu verfahren sei. Vielleicht sollten die weitgehend untätigen Delegierten bis nach Gustavs Auflösung Dollars einsammeln und Benefizveranstaltungen für die Opfer und Vertriebenen des Sturms organisieren, um derart jene Teilnahme durchschimmern zu lassen, die der republikanische Präsident und seine Befehlsempfänger beim Katastrophenschutz im Falle Katrinas so schmerzlich vermissen liessen.

Aus Pietätsgründen wollte man nicht einmal ausschliessen, dass Senator McCain seiner eigenen Krönung fernblieb und sich den Segen seiner Partei mittels einer Videoverbindung einholte. Doch so sehr Gustav ein Ärgernis war, so bot der Wirbelsturm immerhin die Chance, die Katrina-Pleite als Ausrutscher hinzustellen, verursacht von einem Präsidenten, der in nurmehr fünf Monaten ins Dunkel der Historie entschwinden wird. Statt Teilnahmslosigkeit nun also vorbeugende Emphatie, statt Inkompetenz kraftvolles Organisieren: So galt es dem schrecklichen Gustav zu begegnen. «Wir werden unser Programm ändern», versprach John McCain angesichts des nahenden Wirbelsturms - und meinte doch nur das Programm des Parteitages. Die politische Grosswetterlage hingegen wird der Hurrikan nicht verändern: In der tiefsten Tiefe ihrer Seele will die Partei Ronald Reagans den Staat unverändert kurz und klein hacken, bis er prima in ihre ideologische Badewanne passt.

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