Trump 2020 schlagen – mit Kennedys Taktik

Robert F. Kennedy einte einst die Arbeiterklasse. Sein populistischer Wahlkampf war integrativ. Eine Zauberformel?

Integrativer Populismus: Bobby Kennedy auf Stimmenfang in Indiana (mit dem Boxer Tony Zale und den NFL-Spielern Lamar Lundy, Rosey Grier und Deacon Jones). Foto: Twitter / RFK50 (Mai 1968)

Integrativer Populismus: Bobby Kennedy auf Stimmenfang in Indiana (mit dem Boxer Tony Zale und den NFL-Spielern Lamar Lundy, Rosey Grier und Deacon Jones). Foto: Twitter / RFK50 (Mai 1968)

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«Es gibt Leute, die sagen, ich sei rabiat. Ich bin nicht rabiat. Und wenn ich jenen finde, der mich als rabiat bezeichnet hat, werde ich ihn vernichten.» Dieses Zitat stammt nicht von Donald Trump, obwohl es von ihm stammen könnte. Dieses Zitat stammt von Robert F. Kennedy, kurz RFK, einer Ikone der Demokraten und des liberalen Amerikas überhaupt. Bei allen Unterschieden zwischen dem 45. Präsidenten und Robert Kennedy, die beiden haben offenbar mehr gemeinsam, als es scheint.

Bobby, wie er genannt wurde, war Justizminister in der Regierung seines älteren Bruders John F. Kennedy und beriet ihn während der Kubakrise. Nach dem Attentat auf JFK in Dallas wurde der jüngere Kennedy Senator des Staates New York. Legendär ist sein Wahlkampf fürs Weisse Haus. Am 15. März 1968 hatte er erklärt, er bewerbe sich um die Nomination der demokratischen Partei als Präsidentschaftskandidat. Da musste Robert Kennedy – wie Jahrzehnte später Donald Trump – niemandem mehr vorgestellt werden. Er war eine national bekannte Person und der Bruder eines politischen Märtyrers.

Wie die Tournee eines Popstars

Robert Kennedys Kampagne erinnerte an die Tournee eines Popstars. Er elektrisierte die Massen, schüttelte Tausende Hände und war immer mittendrin – ohne Rücksicht auf seine Sicherheit. Betrat er einen Raum, zog er alle Aufmerksamkeit auf sich, berichten Zeitzeugen. 84 Tage lang inspirierte er die USA und schien beste Chancen zu haben, Präsident zu werden. Am 5. Juni gewann er die demokratische Vorwahl in Kalifornien, dem bevölkerungsreichsten amerikanischen Bundesstaat.

Der Weg zur offiziellen Kandidatur schien frei, da nun auch die Latinos hinter ihm standen. Dann aber, unmittelbar nach seiner Dankesrede im Ballsaal des Hotels Ambassador in Los Angeles, wurde er in der Küche von einem palästinensischen Fanatiker niedergeschossen. Am folgenden Tag erlag RFK seinen Verletzungen. Das war vor 50 Jahren.

Bilder: Leben und Tod von Bobby Kennedy

1968 waren die USA zerrüttet. «Das sind keine normalen Zeiten, und das ist keine normale Wahl», hatte Robert Kennedy gesagt. Das Vertrauen in die Regierung von Lyndon B. Johnson war seit der Tet-Offensive in Vietnam erschüttert, Studentenproteste polarisierten das Land, es kam zu Rassenunruhen, weisse Arbeiter und Afroamerikaner standen sich unversöhnlich gegenüber.

Auch im Bundesstaat Indiana. Die dortige Vorwahl im Mai war der erste Test für Kennedy. Die wichtigsten Streitpunkte waren – je nach Gesichtspunkt – die Gewalt der Schwarzen oder der Rassismus der Weissen. Die Spannungen entluden sich nach der Ermordung des Bürgerrechtlers und Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King am 4. April: 110 amerikanische Städte brannten, 39 Personen kamen bei den Unruhen ums Leben, 2500 wurden verletzt, und vor dem Weissen Haus gingen Polizisten in Stellung.

«Was wir brauchen, ist Liebe und Weisheit und Mitgefühl füreinander sowie ein Sinn für Gerechtigkeit.»Robert F. Kennedy

Nur in Indianapolis blieb es ruhig. Robert Kennedy, der in der Hauptstadt Indianas Wahlkampf machte, war trotz Warnungen der Polizei in ein verwahrlostes schwarzes Quartier gefahren. Dort informierte er die schockierte Menge, dass Doktor King ermordet worden sei. Er erinnerte daran, dass auch er ein Familienmitglied durch ein Attentat verloren habe: «Wir können weitergehen in Richtung Polarisierung – Schwarze unter Schwarzen, Weisse unter Weissen, erfüllt mit Hass gegeneinander. Oder wir können uns so wie Martin Luther King bemühen, einander zu verstehen. Was wir in den USA brauchen, ist nicht Teilung, Hass, Gewalt und Gesetzeslosigkeit. Was wir brauchen, ist Liebe und Weisheit und Mitgefühl füreinander sowie ein Sinn für Gerechtigkeit gegenüber jenen, die immer noch leiden in unserem Land, egal ob sie nun weiss oder schwarz sind.»

Es ist schwer vorstellbar, dass Trump je eine solche Rede halten wird. Vielmehr haben seine Äusserungen dazu beigetragen, dass sich das Verhältnis von Amerikanern verschiedener Hautfarbe verschlechtert hat: So hat der US-Präsident einen mexikanisch amerikanischen Richter als von Natur aus parteiisch bezeichnet. Oder als in Charlottesville die Neonazis aufmarschierten, schwadronierte er von «ausgezeichneten Leuten», die dabei gewesen seien. Auch vergleicht Trump Migranten mit Tieren und räumte freimütig ein, dass ihm Einwanderer aus Norwegen lieber seien als Afrikaner.

Schwarze und weisse Arbeiter begeistert

Kennedy appellierte jedoch nicht nur an die Schwarzen. Der wohlhabende Ostküsten-Sprössling begeisterte auch die weissen Büezer im blauen Overall, die sogenannten «Blue collar»-Arbeiter, also jene Wählerschicht, die 2016 einem New Yorker Milliardär zugejubelt hat. Wie Trump beharrte Kennedy auf «law and order», wobei er auf seine Erfahrung als Justizminister verweisen konnte. Plünderungen und Randale würden niemals toleriert, egal wie berechtigt die Anliegen der Schwarzen seien, sagte der Demokrat: «Ich glaube nicht, dass wir Sommer für Sommer diese Gewalt akzeptieren müssen.» Der «rabiate» Kennedy distanzierte sich damit von den anderen Präsidentschaftsanwärtern seiner Partei. Selbst der Republikaner Richard Nixon, der Ende Jahr Präsident werden sollte, befürchtete, dass ihm Robert Kennedy Wähler abspenstig mache: «Die Leute denken, Bobby sei noch mehr ein Law-and-Order-Mann als ich.»

Kennedy agierte zum Teil ähnlich populistisch wie Donald Trump. Sein Populismus war aber integrativ.

Den Krieg in Vietnam lehnte Kennedy ab. Der ehemalige Angehörige der US-Navy zeigte jedoch kein Verständnis für jene Studenten aus der weissen Mittelschicht, die dank ihrer Ausbildung den obligatorischen Militärdienst x-mal aufschieben konnten. «Ihr habt einen unfairen Vorteil, während arme Leute eingezogen werden», sagte Kennedy bei einem Auftritt an einer Universität. Als er von den weniger Privilegierten sprach, die in Vietnam kämpften und starben, wurde er ausgebuht.

Das war jedoch ein wichtiges Signal an die weissen Arbeiter, die den Einsatz in Vietnam eher befürworteten, während die Studenten zuweilen mit dem kommunistischen Nordvietnam sympathisierten. Auch gegenüber liberalen Intellektuellen wie Adlai Stevenson, dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten von 1956, zeigte sich Kennedy skeptisch. So skeptisch, dass er den Begriff «liberal» – für Trump ein Schimpfwort – in seinen Reden durch «menschlich» ersetzte.

TV-Dokumentation über den Mord an Robert F. Kennedy. Quelle: Youtube/ZDF

Robert Kennedy gelang das Kunststück, die benachteiligten Schwarzen und die benachteiligten Weissen hinter sich zu scharen. Dabei agierte er zum Teil ähnlich populistisch wie Donald Trump. Mit einem wichtigen Unterschied: Der US-Präsident schliesst wie die meisten Populisten bestimmte Bevölkerungsgruppen aus, um seine eigene Klientel zu bedienen. Kennedys Populismus hingegen war integrativ – ein seltenes Phänomen.

Exemplarisch zeigte sich dieser integrative Populismus beim Vorwahlkampf in Indiana: Als Kennedys Wagenkolonne durch Gary im industrialisierten Norden des Bundesstaates fuhr (heute ist das Trump-Land), kamen weisse und schwarze Familien an den Strassenrand und jubelten ihrem Hoffnungsträger zu. Bobby Kennedy holte Garys schwarzen Bürgermeister Richard Hatcher in seinen offenen Wagen. Auf der anderen Seite nahm der weisse Boxer Tony Zale Platz, bei den Stahlarbeitern Indianas war der ehemalige Mittelgewichtschampion ein Held. In der Mitte sass Brückenbauer Robert Kennedy – Populismus ohne Rassismus, mehr Symbolik geht kaum.

Über solch integrative Kraft verfügt Trump nicht, will er gar nicht verfügen. Genau dies sei die Chance für die Demokraten, glaubt Richard D. Kahlenberg vom amerikanischen Thinktank Century Foundation. «Der Wiederaufbau der alten Koalition von weissen, schwarzen und Latino-Arbeitern ist heute noch eher möglich, nötig und wünschenswert als vor einem halben Jahrhundert», schreibt der US-Autor. Er räumt zwar ein, dass es unterdessen weniger Industriearbeiter gebe. Mit einem integrativen Populismus im Stile Kennedys liessen sie sich jedoch mobilisieren. Und das sei notwendig, um die Zwischenwahlen im November zu gewinnen und 2020 Trump zu schlagen.

Armut wichtiger als Hautfarbe

Dafür empfiehlt Kahlenberg den Demokraten, sich an Kennedys Devise zu halten, dass die Armut das grössere Problem sei als die Hautfarbe. Konkret schlägt er vor, die positive Diskriminierung der Afro-Amerikaner, das sogenannte Affirmativ Action-Programm, auszuweiten auf benachteiligte weisse Amerikaner, die kein College besucht haben. Bisher wurde Schwarzen der Zugang zu Universitäten erleichtert, um der Diskriminierung entgegenzuwirken. Von diesem Vorteil sollen künftig alle profitieren, die nicht genug Geld haben, um teure Studiengebühren zu bezahlen. Das wäre ein starkes Signal an jene «vergessenen Amerikaner» von denen Donald Trump zuweilen spricht, um sie kurz darauf wieder zu vergessen.

Zweitens sollten die Demokraten wie einst Kennedy die Werte der Arbeiter «unter dem Banner eines patriotischen Populismus» respektieren. Die Grundlage dafür bietet das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung: «Alle Menschen sind gleich.» Auf diesen Satz von 1776, die Antithese zu Trumps ausschliessendem weissen Nationalismus, sind die Amerikaner bis heute stolz. Und das lässt sich in einem Wahlkampf nutzen.

Der Zug mit dem Sarg

Drittens schliesslich sollte ein Kandidat oder eine Kandidatin der Demokraten versprechen, illegales Verhalten an der Wallstreet zu bestrafen, schreibt Jurist Kahlenberg in der «New York Times». Diese Position stösst in den USA heute wieder auf mehr Resonanz, auch dank Bernie Sanders Vorwahlkampf von 2016. Es ist kaum vorstellbar, dass Kennedy, einst ein harter Staatsanwalt, so argumentiert hätte wie die Regierung Obama, die gewisse Firmen als «too big to jail» bezeichnete, als zu wichtig, um strafrechtlich belangt zu werden. Kennedy wies in seinem Wahlkampf immer wieder darauf hin, dass dieser oder jener Öl-Tycoon mehr Steuern bezahlen müsste. Dieses Geld wollte er eintreiben und den Massen zukommen lassen, die auf ihn hofften. Bis zum 6. Juni 1968.

Sie traten noch einmal vor ihre Häuser, als der Sarg mit Robert F. Kennedy von New York nach Washington D.C auf den Friedhof Arlington überführt wurde. Passenderweise mit dem Zug, Bobby Kennedys Anhänger lebten entlang von Bahngleisen. Zu Hunderttausenden säumten sie an jenem heissen Sommertag die Strecke, die gesamte Strecke, Schwarze und Weisse. Sie standen still, hielten Amerika-Fahnen oder salutierten, als der Trauerzug langsam vorbeifuhr. Das schwarze und das overall-blaue Amerika, beides frustrierte Gruppen, hatten sich zusammengetan, weil ihnen Robert F. Kennedy zeigte, dass sie natürliche Verbündete waren. Dafür brauchte es ein aussergewöhnliches Charisma. Derzeit ist niemand in Sicht, der darüber verfügen würde.

Die Robert F. Kennedy Stiftung Schweiz erinnert mit einer Filmvorführung und anschliessender Podiumsdiskussion an Robert F. Kennedys 50. Todestag. Die Sprache ist Englisch. 5. Juni 2018, 19 Uhr, Hotel Widder, Zürich. Eintritt: 25 Franken. www.rfkhumanrights.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2018, 06:41 Uhr

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